Ein Btx_Terminal

Online-Leben (1) – Am Anfang war der Bildschirmtext

Bekanntlich beginnt für einen Großteil der Bevölkerung die Weltgeschichte mit dem Tag der eigenen Geburt. Was davor war, wird maximal als Fantasy begriffen oder soll endlich mal einen Schlussstrich bekommen. Dabei lässt sich nur aus Vergangenem herleiten, weshalb die Dinge sind wie sie sind. Bernhard W. lebt seit mehr als 30 Jahren auch online. Er zählt zu den Menschen, die schon Ende 1981 für den Testbetrieb des Online-Systems der Deutschen Post namens Bildschirmtext (kurz: Btx) ausgewählt wurde. Seinerzeit gab’s vom Gilb (…so nannten Spötter die Postbehörde damals) kostenlos ein sogenanntes Btx-Terminal, das eigentlich ein Telefon mit Bildschirm und Tastatur war. Damit fing’s bei Bernhard an. Und ging weiter mit diversen Mailboxen und BBSsen, die per C64 (später Amiga) und Akustikkoppler angesteuert wurden. Dort konnten die wenigen Onliner der Ära vor dem Internet mit anderen Onlinern Nachrichten austauschen. Später kam dann Compuserve und das Prinzip E-Mail.

Bernhard W. gehörte zu den ersten, die außerhalb einer Hochschule Internetzugang hatten, war an der Entwicklung eines der ersten Forensysteme beteiligt und hatte schon 1994 eine eigene Homepage. Natürlich zählte er auch zu den Bloggern der ersten Stunde und ist heute noch im virtuellen Raum aktiv. Persönlich kenne ich Bernhard W. nicht; ich weiß nicht wie er aussieht und habe nur wenig Informationen über sein Alltagsleben im realen Raum. Seinen wahren Namen erfuhr ich eher zufällig, den bis zu diesem Interview war er mir nur unter den verschiedensten Nicknamen über den Weg gelaufen. Das Interview führte ich folgerichtig über einen Threema-Chat.

Frage: Bernhard, du gehörst zu den Btx-Nutzern der ersten Stunde. Wie war das damals mit dem Bildschirmtext?
Antwort: Eines Tages ging ich ins hiesige Postamt um Briefmarken zu kaufen. Da war so ein Informationsstand für Btx aufgebaut. Der Propagandist sprach mich an und erzählte völlig euphorisch von den Möglichkeiten des Systems. Ich füllte einen Antrag aus und bekam ein paar Wochen später Besuch vom Posttechniker. Der klemmte meinen Wählscheibenapparat ab und das Btx-Terminal an. Dann gab er mir fast zwei Stunden lang eine Einführung in die Bedienung von Btx. Im Testbetrieb war der Bildschirmtext für den Nutzer ja kostenlos, man musste nur die Einheiten während der Verbindung zahlen, und zwar im Ortstarif.
F: Was hast du denn im Btx-System gemacht?
A: Na ja, mit anderen Btxern kommuniziert. Waren ja bundesweit bloß knapp 5.000 Leute. Die hatten sich schnell auf einige hundert Benutzergruppen aufgeteilt, die thematisch sortiert waren. Schon nach wenigen Monaten war gut die Hälfte davon irgendwie mit Sex befasst.

Sex im Btx

F: Mit Sex? In welcher Form?
A: Das lief ja wie heute beim Chat. Man wählte sich in eine BG ein. Dann sah man, was die anderen schrieben und konnte antworten. Über eine Funktion konnte man sich zu zweit in eine Privatgruppe verziehen. Da wurde dann gern mal Online-Sex betrieben. Ich hab mich gern als Frau ausgegeben und die Typen angeschärft. Besonders nachts, da haben die Kerle dann auch Vollzug gemeldet, nachdem sie sich einen runtergeholt haben. Zensiert wurde da ja überhaupt nicht. Da gab es legendäre Figuren wie den Benutzer, der sich als zwölfjährige Rollstuhlfahrerin ausgab und sich als dauergeil bezeichnete. Nach wenigen Monaten kamen die Professionellen dazu – die versuchten einen, auf ihren kostenpflichtigen Kanal zu locken. Das wurde dann teuer.
F: Außer Sex gab’s nichts auf Btx?
A: Oh, doch! Es gab heftige und interessante politische Debatten. Zum Beispiel im Sommer 1985 als der französische Geheimdienst das Greenpeace-Schiff versenkt hatte. Da wurde sogar per Btx zum Boykott französischer Waren aufgerufen.
F: Wie lang hast du dich im Btx rumgetrieben?
A: Bis etwa 1988. Ich erinnere mich noch, wie im Juni 1988 das Nelson-Mandela-Konzert in einer BG live diskutiert wurde. Da gab es dann schon eine feste Gemeinde, die sich in solchen Chats traf und sehr persönlich miteinander sprach. Einige kannten sich wohl auch in der Echtwelt. Ich habe das immer abgelehnt, andere Btxer zu treffen oder mit ihnen zu telefonieren.

Lieber anonym

F: Warum wolltest du anonym bleiben?
A: Bis heute gilt für mich, dass Anonymität ein Stück persönliche Freiheit bedeutet. Ich kann sagen, was ich will. Und wenn mir ein Forum nicht passt, dann hau ich grußlos ab. Keiner kann mich dann nerven und nachfragen, warum, wieso.
F: Angst vor den Konsequenzen deiner Aussagen?
A: Nein, keine Angst. Aber ich habe früh festgestellt, dass der virtuelle Raum auch eine Arena für Phantasien ist. Dass ich also irgendwo schreiben können möchte, dass der und der Politiker ermordet gehört. Natürlich würde ich keinen Politiker in echt abknallen, aber manchmal ist die Wut so groß, dass ich es rausschreien will. Das mach mal auf dem Marktplatz deiner Stadt, da hättest du Konsequenzen zu fürchten…
F: Dito beim Online-Sex?
A: Ganz ehrlich, ich habe in den letzten 25 Jahren – im Gegensatz zu meiner wahren Existenz – virtuell ein extrem aufregendes Sexleben geführt. Alles ausprobiert. Jede denkbare Rolle. Über die absonderlichsten Praktiken gechattet. Wobei das ja nicht heißt, dass man beispielsweise über das Pro und Contra von Analverkehr diskutiert, sondern im Dialog so tut, als übe man den mit dem Chatpartner aus. Natürlich lebt man da keine Phantasien aus, sondern spielt sie auf der Textebene.
F: Textebene? Und wie sieht’s mit Bild und Ton aus?
A: Lehne ich im virtuellen Dialog vollkommen ab. Gehört da nicht hin. Virtuell ist im Kopf. Wenn Sinneseindrücke hinzukommen, wird eine Grenze überschritten, die verlangt, dass man sich zivilisiert aufführt. Ich will aber manchmal ein Wilder sein.

Warum Bill Gates von Microsoft Deutschland unter anderem um BTX beneidetet erfahrt ihr in diesem Film auf unserem Youtube Kanal. Rudi Gallist, ehemaliger Microsoft Deutschland Chef in den 90iger Jahren, lässt uns hinter die Kulissen des Software Riesen blicken.

Und hier die Links zu den anderen Folgen der Serie „Online-Leben“:
Online-Leben (2) – Alles nur was für Hacker
Online-Leben (3) – Die kurze Ära Compuserve
Online-Leben (4) – Bin ich schon drin?
Online-Leben (5) – Alles so vernetzt hier…

In der nächsten Folge berichtet Bernhard W. über die glorreiche Zeit der Mailboxen und BBSe, die ersten Hacker und wie er einmal Karl Koch in echt begegnte.

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2 Gedanken zu „Online-Leben (1) – Am Anfang war der Bildschirmtext“

  1. Spannender Bericht aus der Pionierzeit des Netzes. TUNIX, CCC, Erste Seiten mit HTML gemacht. Und aus Bernd wurde Bernhard ? Lustig. Habe das fast genau so erlebt. Ohne BTX, aber auch von Bernd zu Bernhard.
    Merci, ein ehemaliger Usenet- CompuServe-Nutzer

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