Als Geheimdienste Fachbücher kauften und eine Wodka-Nacht das Internet nach Deutschland brachte

Bernhard Sommerfeld öffnet 2013 sein altes Mac Powerbook – und findet digitale Schätze aus einer Zeit, als das Internet noch keine „normalen Leute“ kannte. Ich habe ihn zum Interview getroffen und wir hatten ein Gespräch über über eine legendäre Partynacht auf einem Schiff, Wodka und mysteriöse Buchhändler-Kunden. Das waren die wilden Anfangstage des Netzes in Berlin und auch in Deutschland.

Es gibt Momente, in denen die Vergangenheit plötzlich wieder lebendig wird. Für Bernhard Sommerfeld war es März 2013, mitten in einem Umzug, als er sein altes Mac Powerbook wieder zum Leben erweckte. Was er dort fand, war mehr als nur digitaler Datenmüll: E-Mails aus den Jahren 1993 bis 1996, Usenet-Beiträge, die ersten Linux-Diskussionen. „Ich habe gemerkt, dass man wahnsinnig viele Sachen im Laufe der Zeit vergisst“, erzählt Bernhard. „Als ich die alten Daten öffnete und plötzlich wieder eine Tilde sah – dieses Zeichen, das unter Unix früher so wichtig für mich war – dachte ich: Das ist doch vorbei? Ich hätte nie gedacht, dass ich das jemals wieder sehen würde. Und plötzlich was es vor mir auf dem Bildschirm. Das war ein echter Zeitreise-Moment…“

Foto: Privat: Bernhard mit der ersten Ausgabe seines Buches in Händen (Foto: Privat)

Diese Wiederentdeckung wurde zum Auslöser für sein Buch „Hallo World“ – eine persönliche Zeitreise durch die Anfangstage des kommerziellen Internets in Deutschland. Und wie es sich für einen echten Internet-Pionier gehört, gibt es zu dem Buch auch einen KI-Bot als digitalen Zwilling. Aber dazu später mehr.

Eine Geburtstagsparty auf einem alten Kahn als Geburtsort

Jede große Geschichte hat ihren Ursprung in irgendetwas unerwartetem. Bei Bernhard war es eine Nacht, die man heute wohl als legendär bezeichnen würde. Ein Freund hatte Geburtstag und lud unter anderem auch seine Freunde von der Uni Dortmund ein – die Feier fand auf einem alten holländischen Schiff in Köpenick statt. Es wurde Wodka getrunken und viel über Technik gesprochen. Sehr viel über Technik.

„Ehrlich. Ich habe nichts verstanden, wenn die das Thema hatten“, gibt Bernhard offen zu. „Das waren die Insider, die sich mit Internet beschäftigten.“ Aber aus diesem Abend entstanden zwei Ideen, die sein Leben extrem beeinflussen sollten. Die Dortmunder kamen auf ihn zu und erklärten ihm: Sie wollten als Provider ins Internet-Geschäft einsteigen und brauchten dafür ein Handbuch für ihre zukünftigen Kunden.

„Du bist Buchhändler, du sollst unser Handbuch organisieren – das Benutzerhandbuch für die zukünftigen Kunden.“ Organisieren, nicht schreiben – ein feiner, aber wichtiger Unterschied. Bernd Michael Paschke, der Mann mit den tollen Ideen, hatte noch mehr vor: „Der hatte nicht nur die Idee mit dem Ringbuch, sondern auch, in den Keller zu gehen und den Connect zu machen.“ Aber der Reihe nach:

Das Handbuch sollte ein Ringbuch es werden, in das alle Informationen über die Internet-Dienste eingeheftet werden konnten. „Wie funktioniert Mail? Wie funktioniert ein FTP-Server?“ Das Problem: Bernhard verstand ja kaum etwas davon. „Ich wollte ja eigentlich auch ins Internet, und das waren halt meine ersten Schritte. Ich habe also viel gelesen, gerfragt und dann selbst angefangen, für mich zu beschreiben, wie das Internet funktioniert.“ Und das war dann wohl letztlich der entscheidende Ansatz für ein erfolgreiches Buch: Vom Internet-Einsteiger für Internet-Einsteiger.

Bernhard in seinen ganz jungen Jahren – vermutlich noch ohne Internet ;-) (Foto: Privat)

Und dann kam die zweite Idee dieser Nacht – die Sache mit dem Connect. Michael sagte: „Du hast doch einen Linux-Rechner bei euch im Keller stehen, der hat TCP/IP. Da könnten wir doch gleich einen Connect machen. Mit der Uni Dortmund können wir uns ja direkt verbinden, und dann könnt ihr vielleicht sogar die Dienste von der Uni Dortmund nutzen.“

Am nächsten Morgen: Der legendäre Keller-Connect

Was am Abend als verrückte Idee begann, wurde am nächsten Morgen Realität. „Am nächsten Morgen sind wir schnell nach Lehmanns gefahren, in die Hardenbergstraße, und sind in den Keller“, erinnert sich Bernhard. Der Kater nach der Wodka-Nacht war zweitrangig – die Aufregung überwog.

„Michael hat dann den Connect zur Uni Dortmund gemacht.“ In diesem Moment, in einem Berliner Buchhandlungskeller, entstand einer der ersten kommerziellen Internet-Zugänge Deutschlands. Die Dortmunder kamen in der nächsten Woche vorbei, machten einen Vertrag. Bernhards Chef musste zwar erst einmal erklärt werden, warum eine Buchhandlung überhaupt ins Internet gehen sollte.

Aber der hatte eine Vision: Die berühmten grünen Lehmanns-Kataloge, die in der Informatik-Szene legendär waren, könnten digitalisiert werden. „Im Hinterkopf schwebte ihm schon: Dann wandeln wir die so um, dass man die sich aus dem Internet holen kann.“

Wie genau das funktionieren sollte? Egal – damals galt: Wo eine Idee ist, da ist auch ein Weg…

AOL - so sah es 1999 aus, wenn man drin war (Screenshot)
Das hier war der nächste Schritt in Sachen Online: AOL – so sah es 1999 aus, wenn man erstmal drin war (Screenshot) – aber vorher war eine Internet-Adresse zu bekommen kein ganz so einfaches Unterfangen. Bernhard gehört zu den ganz frühen Nutzern.

Bernhard bekam so seine erste E-Mail-Adresse: sommerfeld@lehmanns.de. „Die habe ich lange benutzt. Ich hatte auch innerhalb von sieben oder acht Jahren einen festen IP-Anschluss.“ Die Dortmunder führten ihn als Journalist – heute würde man sagen: Influenzer. „Die haben mir dann immer alles kostenfrei verfügbar gemach, was man so brauchte.“

Das Handbuch, das nie fertig wurde

Zurück zum Handbuch-Projekt: Dreimal versuchte Bernhard, dieses Buch über das Internet zu schreiben. Dreimal scheiterte er – nicht an seinem Können, sondern an der Geschwindigkeit, mit der sich alles veränderte. „Die Politik und Strategie zum Beispiel von Microsoft änderte sich Anfang der 90er so oft, dass ich gar nicht mehr wusste, was ich jetzt wieder löschen und was ich neu schreiben muss.“

Ein Buch über das Internet zu schreiben war damals wie ein Sack Flöhe zu hüten. Ich kann das nachvollziehen. Als Hannes Rügheimer und ich in den 80ern unser erstes Commodore 64-Buch schrieben, dauerte es anderthalb Jahre bis zur Veröffentlichung – weil alles noch abgetippt und in der Setzerei neu gesetzt werden musste. Unser nächstes Buch, ein Chip-Spezial auf Barit-Papier gedruckt, erschien VOR unserem ersten Buch, weil die Produktion so viel schneller war. Man konnte die technologische Beschleunigung förmlich spüren. Heute wären diese Produktionszeiten praktisch unmöglich: Kaum ist etwas da ist es morgen schon wieder anders. Und zu 64iger Zeiten war das alles noch vergleichsweise gemütlich. Insofern erlebte Bernhard schon sehr früh, was publizieren im Internet-Zeitalter bedeuten sollte.

So sah unser erste Computerbuch aus, das aber erst durch die damaligen Produktionsmethoden sehr lange brauchte bis es erschien

Wer sich dafür interessiert, wie damals Computerbücher entstanden – darüber haben wir hier etwas mehr geschrieben:

„Ich dachte wirklich, man kann in den Datenströmen reisen“

Bernhards erste Vorstellung vom Internet war romantisch und faszinierend zugleich. „Als ich zum ersten Mal vom Internet hörte, dachte ich wirklich: Man kann in den Datenströmen reisen, zu anderen Ecken der Welt.“ Die Realität sah anders aus: Dienste, bei denen man alles von Hand eingeben musste, keine Suchmaschinen, nur Links, denen man folgen konnte. „Das war eine ganz andere Welt.“

Datenschutz? „Hat mich damals überhaupt gar nicht interessiert, weil ich wollte Neues entdecken“, gibt Bernhard offen zu. Das Thema kam erst später auf, durch seine Kunden. Denn die waren nach seiner Definition ja keine „normalen Leute“. „Es gab ja keine normalen Leute. Es gab ja nur Wissenschaftler, Programmierer. Die anderen – sozusagen normale Anwender – gab es ja noch gar nicht wirklich.“

Diese Aussage sitzt. Wir sprechen heute so selbstverständlich vom Internet, als wäre es schon immer für alle da gewesen. Aber in den frühen 90ern war es ein exklusiver Club. Kein Facebook, kein Instagram, keine Influencer. Nur ein paar Verrückte und Freaks, die sich für Technologie begeisterten – und bereit waren, dafür Nächte durchzumachen.

Berlin: Wo Mauern fielen und digitale Grenzen aufgingen

1975 kam Bernhard nach Berlin. Die 80er und 90er Jahre waren für ihn prägend: „Das war die Zeit, in der die Grenzen fielen. Nicht nur die Mauer in Berlin, sondern auch die Grenzen bei der Telekom – früher die Post. Aber auch bei den ganzen Diensten.“

Berlin war damals ein besonderer Ort. Der TUNIX-Kongress fand hier statt, die taz wurde gegründet. Es war eine Zeit des Umbruchs, des Aufbruchs, der Möglichkeiten. „Damals gab es Tuwat und Tunix“, erklärt Bernhard die alternative Szene jener Jahre. „Tunix hieß: Tu nichts, organisiere was. Tuwat hieß: Tu was.“

Berlin war immer schon ein gutes Pflaster für das Digitale – darum sind wir Digisaurier dort auch gerne unterwegs…

Und mittendrin: Ein Buchhändler namens Bernhard Sommerfeld, der eigentlich gar kein Interesse an Computern hatte. „Ich hatte tatsächlich im Grunde kein Interesse am Computer an sich“, gesteht er.

Lehmanns: Mehr als nur eine Buchhandlung

Aber Lehmanns in Berlin wurde unter Bernhards Mitwirkung zu etwas Besonderem. Es war keine gewöhnliche Buchhandlung, sondern ein Treffpunkt, ein Knotenpunkt der frühen Internet-Szene. „Wir haben sehr viele Veranstaltungen gemacht. Als Open Source aufkam oder Programme zur Bildbearbeitung wie Gimp – da kamen Leute aus Schweden und haben bei uns Vorträge gehalten.“

Die Buchhandlung war wie ein lebendiges Crowdsourcing-Projekt. Kunden gingen durch die Regale und sagten: „Das würde ich lieber dort einordnen.“ Bernhard erinnert sich: „Das habe ich auch gemacht, wenn die das begründetet. Ich fing ja erst mit Informatik an und hatte eigentlich null Ahnung.“

Was heute selbstverständlich klingt – eine Buchhandlung als Event-Location – war damals revolutionär. Ich erinnere mich noch gut daran, wie Hannes und ich in den Amiga-Zeiten von Lehmanns eingeladen wurden, um den Amiga vorzuführen. Mit einem Computer in eine Buchhandlung zu kommen und dort Computer zu zeigen statt Lesungen zu machen, das war absolutes Neuland.

Bernhards Informatik-Abteilung startete bescheiden. Im ersten Jahr verkaufte er englische Fachbücher für 10.000 DM. „Das wuchs und wuchs und wuchs… Und plötzlich waren wir über 1 Million – also nur englische Bücher.“ Dieser kommerzielle Erfolg gab ihm Rückendeckung für seine anderen digitalen Experimente.

Der Keller und seine Geheimnisse

Im Keller von Lehmanns standen zum Beispiel alte 286er-PCs. „Mein Liebling, der ging auch nie kaputt komischerweise“, schwärmt Bernhard. Diese Rechner waren zu bestimmten Zeiten nur für eins da: „Um Linux zu kopieren – damals auf Disketten.“ Denn Linux war ja frei verfügbar, aber musste halt kopiert werden. Das machte für einige Zeit Lehmanns.

Die Disketten-Geschichte ist legendär. „Ich war immer froh, wenn jemand Linux mit Zig Disketten bekam und alles ging gut. Aber dann war halt häufig auch eine Diskette mittendrin kaputt. Nur: Das merkte man nicht im ersten Monat, sondern zwei Monate später, wenn der Kunde endlich Zeit zum Installieren hatte.“ Kunde wieder im Laden. Umtauschen. Hoffen dass es beim nächsten Disketten Satz besser klappt.

Disketten immer ein Quell des Inhalts und oft der Probleme…

Wer das nicht selbst erlebt hat, kann sich diese Tortur kaum vorstellen. Man kopierte stundenlang Disketten, installierte tagelang – und dann stellte sich heraus, dass irgendwo in der Mitte eine Diskette defekt war. Zurück auf Los, ohne über Start zu gehen.

Mysteriöse Kunden mit Bücherlisten

Aber der Keller ist nicht die einzige Geschichte mit Mysterien. Bernhard hatte im Laden regelmäßig besondere Kunden. „Da kamen häufig. Geheimdienst-Leute – am Anfang hatte ich das nicht gecheckt. Die haben sich auf Bulgarisch unterhalten, glaube ich. Und die hatten immer Listen von Büchern dabei, die ich bestellen musste.“

Die Themen der Bücher waren verräterisch: Radar, GPS, Steuersysteme. „Anhand der Themen wurde mir das klar – Radar und GPS, in diese Richtung ging alles.“ Erst nach einem Jahr bestätigte ihm jemand, der mehr wusste: „Das waren Leute vom Geheimdienst.“

Geheimdienste, die Fachbücher kaufen. In einer Berliner Buchhandlung. In den 90ern. Normal im Laden, wie normale Kunden – nur mit Bücherlisten zu sehr speziellen Themen und Unterhaltungen auf Bulgarisch. Wenn das keine Geschichte für einen Spionage-Thriller ist.

Der Stammtisch der digitalen Elite

Die Liste der Menschen, die bei Bernhard ein und aus gingen, liest sich wie das Who’s Who der deutschen Tech-Szene. Die jetzige CCC-Vorsitzende war da, Constanze Kurz, Tim Pritlove, Frank Rieger. „Frank Rieger war sehr wichtig für uns. Die haben mich auch mal zu Wau Holland eingeladen.“

Wau Holland kam nicht zu Bernhard in die Buchhandlung – Bernhard kam zu ihm. „Wir sind zu ihm gefahren. Bei ihm haben wir dann Spaghetti gekocht…“ „Er hatte immer die Angewohnheit, sich auf die Erde zu setzen und barfuß herumzulaufen“, erinnert sich Bernhard. „Ich weiß gar nicht, ob er so viel Fachbücher gelesen hat – der wusste einfach viel. Er hat die anderen immer mit so was wie Vorträgen beglückt wenn wir da waren. Aber wenn der Wau mal was gesagt hatte, haben alle zugehört.“

Bei mir löst die Schilderung Kopfkino aus: Wau Holland, der CCC-Gründer, sitzt barfuß auf dem Boden, erklärt Bernhard und den anderen die Spaghetti kochen die digitale Welt.

Auch Richard Stallman, der Begründer der Freie-Software-Bewegung (Free Software Movement) kam vorbei, Die Bewegung war sowas wie der Vorläufer und ideologische Kern von Open Source. „Der wurde von der Berliner Uni eingeladen, an der TU einen Vortrag zu halten. Und wir sind direkt gegenüber von der TU – natürlich sind wir zu ihm rein. Und er kam in die Buchhandlung. Der hat sich echt gefreut, dass wir so eine Auswahl hatten. Wir waren die ersten, die seine Manuals verkauft haben.“

In seiner Zeit als Buchhändler traf Bernhard extrem viele digitale Pioniere – in seinem Buch könnt ihr das nachlesen (Foto: Privat)

CompuServe, 30 Pfennig die Minute

Mit dem Internet kamen so Dinge wie CompuServe. „Das waren diese geschlossenen Dienste damals. Und das zu nutzen hat schnell echt viel Geld gekostet“, erklärt Bernhard. 30 Pfennig pro Minute kamen schnell zusammen– für damalige Verhältnisse ein kleines Vermögen. „Man hat gezittert und wollte sofort wieder raus aus dem Netz, wenn man hatte was man wollte. Gleichzeitig wollte man stundenlang drin bleiben.“ beschreibt er die Ambivalenz dieser Zeit.

Die Möglichkeiten waren plötzlich grenzenlos – aber die Geschwindigkeit ernüchternd. „Wenn man eine Information von Amerika rüberholen wollte über FTP – das konnte schon eine Stunde dauern.“ Eine Stunde für einen Download. Heute beschweren wir uns, wenn ein 4K-Video drei Sekunden zum Laden braucht.

Die Linux-Bibel, die kein Verlag wollte

Die Geschichte des ersten Linux-Buchs in Deutschland ist so absurd wie bezeichnend. Sebastian Hetze wollte das erste deutsche Linux-Buch schreiben. Bernhard unterstützte ihn und schrieb alle großen Verlage an: O’Reilly, Hanser, alle. Das Ergebnis? „Alle haben abgesagt. Keiner hat sich dafür interessiert, ein Buch über Linux zu machen.“

Was tat Bernhards Chef? Er glaubte an die Idee und garantierte sozusagen 2.000 Exemplare vor Erscheinen. „Wir kaufen dir einfach so viel von deiner Auflage ab, damit du alles bezahlen kannst.“, war sein Satz. Die Bücher landeten kurz im Keller. Und verkauften sich dann alle.

Lehmanns verkaufte nicht nur Bücher – Lehmans machte auch welche. Und zwar ziemlich erfolgreich.

Ein Jahr später, als Linux plötzlich zum Thema wurde, kamen die Verlage zurück und wollten Lizenzen kaufen. Zu spät. Die Chance war verpasst.

Diese Geschichte zeigt das Dilemma der frühen Internet-Zeit: Etablierte Institutionen verstanden nicht, was da gerade passierte. Ein paar Verrückte in Berlin sahen es – die Verlage nicht.

HTML-Nächte und virtuelle Skelette

Bernhard war nicht nur Händler, er war auch Bastler. „Ich war auf eine Art verspielt ohne Ende. Damals hat man ja programmiert. Die ganzen Nächte habe ich mit HTML verbracht und einen Rundgang durch unseren Laden produziert.“

Seine Idee: Zum Beispiel die Medizin-Abteilung virtuell erlebbar zu machen. „Wir hatten so Skelette in der Medizinabteilung – lebensgroße Skelette. Die habe ich fotografiert, dann virtuell bewegt – die Bücherliste dazu.“ Am Ende baute er einen kompletten virtuellen Rundgang mit Frames durch die Buchhandlung – damals state of the art. Und enorm viel Arbeit.

Nach einem Jahr analysierten sie die Nutzung. Das Ergebnis war ernüchternd: „Kaum ein Mensch hat sich das überhaupt angeguckt. Also ja, ein paar schon. Aber alle haben vor allem diese kleine Suchmaske benutzt, um in unseren Datenbanken Bücher zu suchen – 98, 99 Prozent.“

All die nächtelange Arbeit, die schönen Rundgänge, die Frames – „war alles für die Katz.“ Es war eine frühe Lektion über User Experience: Menschen wollen damals keine virtuellen Rundgänge. Sie wollten schnell finden, was sie suchen.

Ich kann diese Frustration nachvollziehen. Man steckt Herzblut in ein Projekt, ist stolz auf die technische Umsetzung – und dann nutzt es keiner. Aber genau solche Fehlversuche sind Teil des Weges. Wie ich Bernhard sage: „Bei jeder Kunst sind die ganzen Versuche und auch die Fehlversuche wichtig, um irgendwann da zu landen, wo man dann letztendlich landet.“

Was bleibt

Bernhard Sommerfelds Geschichte ist mehr als nur die Erinnerung eines Internet-Pioniers. Sie ist ein Zeitdokument einer Ära, in der alles möglich schien, in der ein paar Verrückte die Zukunft bauten, während die meisten Menschen noch nicht einmal verstanden, was da gerade passierte.

Konferenzen in denen die Frage gestellt wurde, ob der Buchhandel überhaupt Computer-Software verkaufen sollte gab es auch – Bernhard war mitten drin (am Tisch, der zweite von links) Foto:Privat

Seine Geschichte zeigt, dass die großen Durchbrüche oft nicht in Konferenzräumen entstehen, sondern auf Partyschiffen in Köpenick und in Kellern, in denen alte 286er-PCs summen. In Wodka-Nächten, in denen Träume geboren werden. In Buchhandlungen, die mehr sind als nur Orte, an denen man Bücher kauft.

Heute, mehr als 30 Jahre später, nutzen Milliarden Menschen das Internet. Die meisten haben keine Ahnung, wie es nach Deutschland kam. Dass es Leute wie Bernhard brauchte, die bereit waren, am Morgen nach einer durchzechten Nacht in einen Keller zu steigen und dort Geschichte zu schreiben.

„Es gab ja keine normalen Leute“, sagte Bernhard ja ,im Lauf des Gespräches über die frühen Tage des Internets. Vielleicht hatte er recht. Vielleicht braucht es für echte Innovation tatsächlich keine normalen Leute. Vielleicht braucht es Verrückte, die an Wodka-Nächten auf Schiffen Geschäfte machen, die Geheimdienst-Kunden bedienen ohne es zu ahnen, die stundenlang Disketten kopieren und virtuelle Skelette fotografieren. Was auch immer das alles heute bedeuten und brauchen würde.

Aber ich bin sicher: Es braucht auf jeden Fall Menschen wie Bernhard Sommerfeld. Als Botschafter und Vermittler.

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