Die Digisaurier und das Raumschiff Enterprise

Nein – das ist Absicht. Also das ich hier „Raumschiff Enterprise“ schreibe und nicht Star Trek. Das hat weniger damit zu tun, dass ich vor allem ein Fan der alten Serie bin (obwohl ich die Kinofilme später auch gesehen habe) sondern mehr damit, dass ich mal überlegt habe, welche Elemente dieser alten Serie aus den 60igern (die in Deutschland aber erst in den 70igern im ZDF kam) mich und vermutlich viele von uns aus dieser Generation eigentlich so getriggert haben. Bei mir bis hin zur Entscheidung für ein Handy – bei dem dann eine Sache gar nicht so funktionierte, wie bei Captain Kirk. Ganz im Gegenteil. Aber lest selbst…

Es gibt Sendungen, die schaut man sich als Kind an und vergisst sie wieder. Und es gibt Sendungen, die brennen sich so tief ein, dass man Jahrzehnte später noch merkt, wie sehr sie einen geprägt haben. Bei mir war das „Raumschiff Enterprise“. Am 8. September 1966 flimmerte die Serie zum ersten Mal über amerikanische Bildschirme – vor ziemlich genau 60 Jahren. Bei uns im deutschen Fernsehen dauerte es deutlich länger, bis die Enterprise losflog: Das ZDF zeigte sie erst ab dem 27. Mai 1972, und nicht einmal mit der ersten Folge, sondern mit „Morgen ist gestern“. Aber vielleicht wäre ich gar kein Fan geworden, wenn die beim ZDF mit der ersten offiziellen Folge gestartet hätten. Warum? Erkläre ich Euch gleich…

Also das bin wirklich ich – allerdings eher mit 7 Jahren. Also noch vor meiner Raumschiff Enterprise Phase. Aber lange sollte es nicht mehr dauern, bis ich das Thema Fußball (ich war nicht talentiert) gegen das Thema Zukunft, Raumschiff und Technologie eintauschte… (Foto: Privat (c) digsiaurier)

Ich war auf jeden Fall damals etwa 9 Jahre alt – und genau das ist der Grund, warum meine frühe Tech-Kindheitserinnerung aus 1972 stammt und nicht aus dem Jahr, in dem die Serie in den USA startete. Denn logisch: 1966 wäre ich gerade mal drei gewesen und hätte mit ziemlicher Sicherheit eh nix kapiert. So erwischte mich die Enterpreise genau zum richtigen Zeitpunkt. Okay – das ist nur eine kleine Randnotiz, aber für meine spätere Tech-Begeisterung bis hin zu eben konkreten Produktentscheidungen nicht unwichtig.

Die wichigste „Technologie“ in Raumschiff Enterprise war eigentlich gar keine Technologie

Was mich als Kind gepackt hat, war natürlich vordergründig nicht die große Weltraumphilosophie der Serie. Es war die Technik. Der Kommunikator. Der Tricorder. Und natürlich Spock, dieser komische aber coole Typ mit den spitzen Ohren, der nie die Beherrschung verlor. (Hat man damals cool gesagt? Hmmm… Keine Ahnung – aber er war cool).

Erlaubt mir einen kurzer Einschub zu diesem Thema: Denn Gene Roddenberry, der Mann der dieses ganze Universum im wahrsten Sinne des Wortes erschaffen hatte, machte still und leise noch etwas mit mir. Er prägte meine Idee von einer Welt und von der Art, wie Menschen idealerweise sein sollten. Klingt hochtrabend. Aber Rodenberrys Geschichten, waren zutiefst humanistisch, wie ich heute weiß. Nicht nur weil die Mannschaft der Enterprise für die damalige Zeit extrem „bunt“ war (heute würde man sagen „divers“ – aber das Prinzip war das gleiche.) Menschen mit dunkler (Uhura) und heller Hautfarbe. Menschen aus allen Ländern die damals eigentlich Streß miteinander hatten (Checkov, der Russe oder Sulu aus Japan). Und sogar Mensch und Vulkanier in einer Person – wie eben Spock.

Eine Serie mit Herz könnte man sagen – ich kann sagen: Das doch sehr humanistische Vorbild das die Crew von Raumschiff Enterprise immer wieder zeigte, hat mich auch geprägt. Und eine gewisse Technologie-Blauäugikeit ;-)

Enterprise Geschichten erzählten (oft, wenn auch nicht immer konsequent) von der Überzeugung, dass der Mensch nicht dazu verdammt ist, für immer Kriege führen zu müssen und dieselben Vorurteile zu pflegen. Wissenschaft und Technik in der Serie waren natürlich wichtige Werkzeuge, die mich getriggert haben. Aber ohne es zu merken, entstand in mir auch eben dieses Weltbild, dass ich erst sehr viel später formulieren konnte: Die eigentliche „Zukunftstechnologie“ hieß Vernunft, Mitgefühl und Zusammenarbeit. Für mich und ich denke für viele Kinder jener Generation zeigte Raumschiff Enterprise nicht nur, wie die Zukunft aussehen könnte. Die Serie vermittelte uns auch eine Vorstellung davon, wie Menschen in dieser Zukunft miteinander umgehen sollten.

Ein Stück meines manchmal durchaus blauäugigenTechnologie-Glaubens von später kam vermutlich daher. Immerhin waren die Menschen bei Raumschiff Enterprise trotz und vielleicht auch wegen all der SciFi Technik ja wirklich sehr menschlich untereinander. Und zu anderen Wesen. Und ja – ein paar der Rollenbilder und Klischees sind heute natürlich trotzdem überholt. Zu Recht. Aber selbst die fremden Planeten und Lebewesen wurden von Captain Kirk erstmal positiv betrachtet und vieles konnte man letztlich friedlich lösen – auch wenn gerne mal Felsbrocken durch die Gegend geworfen wurden in irgendwelchen Zweikämpfen. Das bringt mich zurück zur Serie und wie sie gemacht wurde. Der Blick auf mich damals davor und gleichzeitig hinter den Kulissen der Produktion, jetzt heute. Zusammen mit Euch.

Von Technik, Felsen und viiiiiieeeel Styropor, dass ich nicht mal bemerkt habe…

Für mich war das Raumschiff Enterprise ganz sicher auch der Anfang von etwas, das mich mein ganzes Leben begleiten sollte: die Faszination für Geräte, die es noch gar nicht gab, aber die aussahen, als könnte man sie morgen kaufen. Aber die Phantasie machte alles wett. Das ging soweit, dass wir den ausrangierten Citroen DS (damals in der Form und auch in der Innenausstattung sehr futuristisch aber eben leider nicht mehr fahrtüchtig) solange er hinten im Hof stand regelmässig zum Raumschiff Enterprise machten und ich alleine oder mit meiner tapferen Mannschaft (Nachbarskinder) fremde Planeten erkundete.

So ungefähr (ich glaube auch farblich) sah der ausrangierte Citroen aus, den wir zum Raumschiff machten. Bild: Von Klugschnacker – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=21020841

Das Ding sah doch auch einfach aus wie ein Raumschiff in seiner besonderen Form, oder? Ich versuchte übrigens – meine Eltern fuhren noch einige andere Citroen Modelle später- solange wir diese Marke fuhren immer zuerst im Auto zu sein. Denn der hatte eine Federung die wenn man den Wagen startete den vorderen und hinteren Teil erstmal hochhob. Ich lag auf der Rückbank, schloss die Augen und spürte wie der Wagen „hochfuhr“. Vom ersten DS bis zu den späteren Fahrzeugen war das so. Nur mein eigener erster Citroen (ein 2CV) der konnte das nicht. Aber da hatte ich auch schon andere Prioritäten ;-)

Wenn wir als Kinder in dem alten Wagen spielten, dann muss unsere Fantasie irgendwie so ausgesehen haben. Unendliche Weiten…

Wir brauchten Fantasie beim spielen – um uns vorzustellen welches Ding im Auto was war und was es tat. An Vorstellungskraft mangelte es mir nie. Und wie ich lernen sollte brauchten das die Raumschiff Enterprise Macher auch genau das. Denn auch bei denen waren viele Requisiten eben gar nicht, was sie schienen. Es waren halt MockUps. Requisiten. Dabei spielte Styropor eine große Rolle und sogar Salzstreuer…

Als Kind ist einem so etwas natürlich nicht aufgefallen, aber später habe ich gelesen oder gehört, dass die Ausstatter der Serie aus Kostengründen altes Verpackungsmaterial der Desilu-Studios verwendet haben sollen – Material aus der Produktion der Erfolgsserie „I Love Lucy“, silbern angesprüht und in die Brücke der Enterprise eingebaut. Ich muss ehrlich zugeben: Ich habe diese Geschichte fest im Kopf, aber als ich sie gegenchecken wollte, fand sich dafür keine belastbare Quelle online. Ich habe es glaube ich mal in einem Buch über Raumschiff Enterprise gelesen.

Raumschiff Enterprise – so habe ich mal gelesen – war sozusagen eine Art Plan B für die Desilu Studios. Manche sagen die Serie „I love Lucy“ wäre langsam an ein Erfolgsende gekommen und man suchte etwas neues und modernes… Egal: Hauptsache es kam letztlich zu der Serie die wir alle liebten.

Was tatsächlich stimmt, ist der größere Zusammenhang dahinter: Desilu produzierte sowohl „I Love Lucy“ als auch Star Trek, und die Serie musste bei jeder Requisite sparen, wo es nur ging. Alltagsgegenstände wurden ständig zu Zukunftstechnik umfunktioniert. Ob es sich dabei ausgerechnet um Verpackungsmaterial von Lucille Balls Erfolgsserie handelte, kann ich also nicht sicher sagen. Vielleicht haben sich hier über die Jahrzehnte mehrere wahre Geschichten in meinem Kopf zu einer verschmolzen. Nehmt sie also bitte genau so, wie ich sie erzähle: als Erinnerung, nicht als gesicherte Tatsache.

Was man heute aus dem 3D Drucker macht, das konnte man damals durchaus mit Styropor machen. Und weil man Styropor heute gar nicht mehr so gut kennt, weil die Verpackungen sich erfreulicherweise auch umwelttechnisch weiterentwickelt haben: Hier mal ein Digisaurier aus Styropor. Mit KI gemacht natürlich. Dabei fällt mir ein: Beim Anwenderkurs brauchten wir einmal Styropr für einen Schneesturm. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Was aber sicher so ist: Die Felsen die so mancher Mensch oder Außerirdische stemmte, die waren aus Styropor. Leicht zu formen, leicht anzumalen und leicht hochzuheben. Wer heute die Folgen ansieht, der kann das auch gut erkennen.

Und auch die Sache mit dem Salzstreuer stimmt. Wenn auch nicht ganz so, wie manchmal erzählt wird.

Salzstreuer als Wunderinstrument

McCoys Krankenstation, für mich als Kind der Inbegriff medizinischer Zukunftstechnik, hatte ihre ganz eigene Beschaffungsgeschichte. Für die Folge „The Man Trap“ beispielsweise kaufte die Produktion offensichtlich moderne skandinavische Salz- und Pfefferstreuer, weil sie futuristisch genug aussahen. Diese schicken skandinavischen Exemplare wurden dann kurzerhand zu McCoys medizinischen Instrumenten erklärt, unter anderem zu seinen berühmten „Laserskalpellen“. Eine kleine Präzisierung ist mir dabei aber wichtig, weil sich hartnäckig eine falsche Version dieser Geschichte hält: Der bekannte rotierende Handscanner des medizinischen Tricorders war kein Salzstreuer, das wird oft durcheinandergebracht.

Spocks Ohren und der Teufel im Bible Belt

Diese Geschichte dagegen hält sich im Kern erstaunlich gut, nur ein Detail muss ich korrigieren. Ich war überzeugt, gelesen zu haben, dass die große amerikanische TV-Programmzeitschrift TV Guide die Enterprise-Crew nur mit wegretuschierten Spock-Ohren abdrucken durfte, weil man im religiös-konservativen amerikanischen Bible Belt sofort an den Teufel gedacht hätte. Online habe ich dafür keine Belege gefunden. Ihr vielleicht? Wie auch immer – die Sorge bei NBC wegen der spitzen Ohren gab es tatsächlich. Leonard Nimoy selbst hat später erzählt, dass man ausdrücklich an mögliche Reaktionen im Bible Belt gedacht hat. Nur war es wohl nicht TV Guide, der die Ohren abrundete. Es war eine interne NBC-Verkaufsbroschüre für Fernsehsender und Werbekunden, in der ein Künstler der Werbeabteilung Spocks spitze Ohren in sämtlichen Abbildungen glattbügelte.

Wer hätte das gedacht – gab es einen Spock mit normalen Ohren. Ja – schon… Aber nur für einen ganz bestimmten Teil der Amerikaner. Dieses Comicbild habe ich mir übrigens ausgedacht und mit KI generiert. Weil: Comic zeichnen kann von uns eigentlich nur der Hannes… Aber vermutlich hätte Spock so geguckt, wenn seine Ohren plötzlich normal gewesen wären…

Der erste große TV-Guide-Titel mit Shatner und Nimoy erschien übrigens erst im März 1967 – da war Spock längst zum Publikumsliebling geworden, spitze Ohren inklusive. Es hat sich aber wirklich erstmal niemand getraut, den „teufelartigen“ weil spitzohrigen Spock so im US-Wohnzimmer des Bible Belts zu präsentieren. Aber als er erstmal da war, da haben die Fans ihn offensichtlich überall geliebt. Ich auch – ich versuchte sogar mal eine zeitlang nicht nur genauso logisch, sondern auch emotionslos mit Dingen umzugehen. Gelang mir nicht sehr lang. Vermutlich im Nachhinein betrachtet kein Schaden.

Von der Enterprise-Brücke ins Smartphone

Was mich an alldem am meisten fasziniert: Wie viel von dem, was uns als Kind wie pure Fantasie vorkam, tatsächlich später Realität wurde – oft sogar ziemlich direkt inspiriert von genau dieser Serie. Das StarTAC ist für mich so ein Beispiel. Erstmal kurz zurück zur Serie und zum Kommunkator

Man muss sich das mal vor Augen führen: Kirk klappt ein kleines Ding mit lockerem Handschwung auf und sagt „Kirk an Enterprise“, und schon ist er verbunden. Kein Kabel, keine Vermittlung, einfach auf-klappen-und-reden. In den Sechzigern war das reine Science-Fiction. Jahrzehnte später sah ich bei einer Pressekonferenz das erste Motorola StarTAC und wusste: Das ist er. Das ist der Enterprise-Communicator, endlich wahr geworden.

Das Motorla StarTAC im aufgeklapten Zustand. Wer würde da nicht an den Kommunikator von Enterprise denken? Ich war auf der Pressekonferenz wo es vorgestellt wurde sofort geflashed… (Foto: ProhibitOnions at the English-language Wikipedia, CC BY-SA 3.0 http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/, via Wikimedia Commons)

Und ich ich glaube, ich war wirklich nicht der Einzige, der das so sah. Ich bin sehr sicher: Das StarTAC wurde genau wegen dieser Assoziation zum Kult-Handy. Nur hatte die Realität, wie so oft, einen Haken, den Gene Roddenberry seinen Requisiteuren erspart hatte: Wer versuchte, das StarTAC mit dem gleichen lässigen Schwung aufzuklappen wie Kirk, Spock & Co ihre Communicator, riskierte, dass die Akku-Abdeckung im Oberteil sich löste und die Batterie durch die Gegend flog. Ist mir genauso passiert, als ich es einmal versuchte. Ich war etwas enttäuscht und verzichtet künftig auf diese Art des Aufklappens. Was soll ich sagen: Die Zukunft war eben doch noch nicht ganz fertig entwickelt.

Aber das StarTAC ist ja nur ein Beispiel. Die PADDs, diese flachen Klemmbretter mit Bildschirm, mit denen Offiziere auf der Brücke herumliefen, wirken im Rückblick verblüffend wie ein Vorgriff auf das iPad oder andere Tablets – Jahrzehnte bevor Tablets tatsächlich existierten.

Der Universalübersetzer, mit dem sich die Crew mühelos mit jeder Spezies verständigen konnte, liest sich heute wie eine Beschreibung von Google Translate oder Echtzeit-Dolmetsch-Kopfhörern. Und wenn man mit „Computer, Status der Schilde“ durchs Schiff ruft, ist das im Grunde nichts anderes als „Hey Siri“ oder „Alexa“ – nur eben mit deutlich weniger Missverständnissen. Also: Meistens zumindest.

Amazon Fire TV mit Alexa (Foto: Amazon)
Amazon Fire TV mit Alexa – die Sprachsteuerung vom Raumschiff Enterprise im heimischen Wohnzimmer. Heute ganz normal. (Foto: Amazon)

Sogar die automatischen Schiebetüren, die sich beim Näherkommen einfach öffneten, waren für das Publikum der Sechziger eine kleine Sensation und sind heute in jedem Supermarkt Standard. Die Enterprise war eben nicht nur ein Raumschiff, sie war über Jahrzehnte hinweg eine Art Wunschzettel für Ingenieure. Und ich glaube, es hat bewusst oder unbewusst viele Designs und Konzepte geprägt, die wir heute sehen und die vermutlich auch deshalb ihre Erfolge hatten. Oder wie seht ihr das?

Der Mann, der Kommunikator und Tricorder erfand – und nie genannt wurde

Übrigens: Diese Geschichte hat mich richtig nachdenklich gemacht. Wah Chang war der Designer hinter einigen der bekanntesten Requisiten der Serie, darunter eben genau Kommunikator und Tricorder – also die beiden Geräte, die mich als Kind am so begeistert haben. Wegen gewerkschaftlicher Bestimmungen durfte seine externe Werkstatt aber offiziell gar nicht für die Produktion arbeiten. Produzent Robert Justman löste das Problem, indem er Changs Arbeiten einfach als bereits existierende, käuflich erworbene Gegenstände deklarierte. Im Abspann taucht Wah Chang deshalb nicht auf. Der Mann, der zwei – wie ich denke – der einflussreichsten Technikdesigns der Fernsehgeschichte geschaffen hat, war für uns Zuschauer praktisch unsichtbar. Okay – zugegeben. Damals hätte ich den Abspann gar nicht geguckt und ihn so oder so nicht wahrgenommen. Ich musste ja wieder raus zu meinem Raumschiff Enterprise in Citroen DS Form und selber meine eigenen Abenteuer weiter erleben. Aber eine Geschichte bin ich Euch noch schuldig. Warum es gut war, dass das ZDF Raumschiff Enterprise nicht mit der wirklich ersten Folge startete.

Der Schritzug von Raumschiff Enterprise vor „Weltall“ ;-) (Foto: Von Unbekannt, File:Raumschiff Enterprise.svg vectorized by de:Benutzer:Frank MurmannDerivative work by Patrick87 – Derived from File:Raumschiff Enterprise.svg, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=27246286)

Der Laserdisc-Schock: Ein Captain, der nicht Kirk war

Diese Geschichte kann ich zu hundert Prozent bestätigen, weil ich sie selbst erlebt habe – und sie hat mich damals wirklich kalt erwischt. Aus den Latschen gehauen wäre glaube ich der Slang der damaligen Zeit gewesen…

Ich war damals häufig in den USA (hier vor dem damaligen Apple Hauptquartier beim vorbereiten eines Interviews). Das Bild ist Mitte der 80er Jahre entstanden. Dort entdecke ich die Laserdiscs. (Foto: Privat (c) digsiaurier.de)

Ich war damals häufig in den USA und dort gab es – statt VHS Kassetten – die Laserdisc. Also sowas ähnliches wie eine DVD nur so groß wie eine Langspieltplatte. Da gab es Sonderausgaben von allen möglichen Filmen (wie heute Collectors-Editionen) und das faszinierte mich sehr. Also fing ich an mir in Amerika Laserdiscs zu kaufen. In Deutschland besorgte ich dazu einen entsprechenden Player der auch NTSC (die US-Fernsehnorm dieser Zeit) abspielen konnte und einen Beamer. So entstand sozusagen mein erstes Heimkino.

Ich guckte meist nur nach den Titeln und besonderen Versionen – und so hatte plötzlich eine Laserdisc mit der allerersten Folge von Raumschiff Enterprise in der Hand. Den Titel kannte ich nicht – also sofort gekauft. Voller Vorfreude auf Kirk, Spock und die vertraute Brücke in der allerersten Folge, die ich in Deutschland nie gesehen hatte. Aber das war ein Irrtum. Ich hätte es am Cover erkennen können – aber einfach nicht genau genug hingeguckt. Hättet ihr es gemerkt?

Das Cover der US-Laserdisc mit der allerersten Folge – nur eben nicht mit Kirk…

Der Captain hieß nämlich ganz anders. Und war auch ganz anders! Was ich damals beim Kauf nicht wusste: Ich hatte „The Cage“ erwischt, den allerersten Pilotfilm von 1964. Captain der Enterprise war darin nicht James T. Kirk, sondern Christopher Pike, gespielt von Jeffrey Hunter. Der einzige Darsteller, der auch in der zweiten Pilotfassung dabei war, war ausgerechnet Leonard Nimoy als Spock.

Das konnte ich darüber herausfinden: NBC lehnte „The Cage“ ursprünglich ab, war aber andererseits so beeindruckt, dass der Sender den für damalige Verhältnisse ungewöhnlichen Schritt ging, einen zweiten Pilotfilm in Auftrag zu geben. Erst „Where No Man Has Gone Before“ mit William Shatner als Kirk „verkaufte“ die Serie schließlich an NBC. Teile von „The Cage“ wurden später offenbar clever in die Doppelfolge „The Menagerie“ eingebaut, aber der komplette Farbfilm lief in den USA erst – soweit ich weiß – 1988 im Fernsehen. Vorher gab es ihn nur auf Video oder eben auf Laserdisc.

Aber das wirklich schräge an der Geschichte: Ich war wieder zu Hause und merkte, was mir passiert war, als ich hinten genauer las, worum es ging und wer da mitspielte. Und ob ihr es glaubt oder nicht: Diese Laserdisc liegt noch immer bei mir zuhause. Und bis heute habe ich es nicht geschafft, diese Folge anzugucken. Ich fürchte einfach ich wäre enttäuscht. Also bleibt das Ding ein Sammlerstück.

Bis heute gibt es eine Raumschiff Enterprise Folge die ich nie gesehen habe. Und vermutlich nie sehen werde. Obwohl ich sie als Laserdisc zuhause liegen habe…

Bei Enterprise wurde gebeamt statt mit einem Schiff gelandet. Weil es günstiger war, sagte Gene Roddenberry selber später. „Das landen mit einem Schiff hätte das gesamte Special Effects Budget verschlungen..:“ wird er zitiert. Erinnert mich an „Neues… der Anwenderkurs“ am Anfang. Da mussten wir auch mit dem klar kommen, was wir leicht darstellen konnten. Darum gibt es in der Sendung soviele Telefonate mit Menschen, statt Szenen. Das war billiger ;-)

Und Gene Roddenberry soll über einen genialen Trick das Drehbuch an den Mann gebracht haben. Zumindest scheint er das selbst zu erzählen. Er war – so sagt er – Polizist und gab seinen ersten Drehbuch-Pitch in Polizei Uniform in einer Kneipe einem Agenten mit den Worten „Nehmen sie das und lesen sie es genau…“ Klang wie eine Anklage. Und laut Roddenberry hat es funktioniert. Die meisten Biografen bezweifeln die Geschichte – aber mir als junger Drehbuchautor der selber versuchte seinen Weg zu finden gefiel sie extrem gut. Auch wenn es vielleicht nur eine gute Geschichte ist.

Wo noch nie ein Mensch zuvor gewesen ist…

Wir sind heute in einer Welt, die sich damals keiner vorstellen konnte. Einer Welt, in der noch nie ein Mensch zuvor gewesen ist. Nicht in fernen Galaxien, sondern auf unserem Heimatplaneten. Vielleicht finden wir ja hier auch einen Weg, das humanistische des Weltbildes von Roddenberry wieder stärker in den Mittelpunkt zu stellen. Das würde ihm gut gefallen. Und mir auch.

Aber bevor ich jetzt zu nachdenklich und moralisch werden: Rund60 Jahre nach der Erstausstrahlung ist für mich klar: Raumschiff Enterprise war nicht einfach nur eine Serie, die ich als Kind gerne geschaut habe. Sie hat meinen Blick auf Technik geprägt, lange bevor ich wusste, was ein Prozessor ist. Vielleicht ging es euch ähnlich. Hattet ihr auch so ein Erlebnis mit einem Gerät aus dieser Serie oder einem der Filme? Ein Klapphandy, das euch an einen Communicator erinnert hat, ein Tablet, das euch wie ein PADD vorkam? Natürlich gerne auch von den späteren Varianten von Enterprise. Aber am meisten Charme hat natürlich die Ur-Serie. Schreibt es mir gerne in die Kommentare, ich bin gespannt auf eure Geschichten.

Thomas Ricke schrieb mir übrigens auf einen Aufruf vor einiger Zeit, dass ihn das diplomatische Geschick von Picard sehr beeindruckt hat. Bis heute freue ich mich, dass in vielen Varianten von Star Trek dieser Wesenszug von Kirk und Co erhalten geblieben ist. In diesem Sinne: Live long & prosper… „Lebe lange und in Frieden“ – erfunden hat den Gruß übrigens Leonard Nimoy selbst während der Dreharbeiten zu einer Folge, wo er einen anderen Vulkanier begrüssen sollte. Vielleicht auch nur eine gute Geschichte. Vielleicht wahr. Egal. Raumschiff Enterprise ist Geschichte. Und untrennbar auch mit mir verbunden, wie ich so beim schreiben feststelle. Danke Euch fürs Lesen bis zum Schluss.

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