Apple & wir – wie aus einem Misstrauensfall eine große Liebe wurde

Es gibt Technologien, die man sofort versteht. Und es gibt Apple. Zumindest war das bei mir so – und wenn ich ehrlich bin, auch bei Hannes. Wir haben beide, auf unsere je eigene Art, einige der wichtigsten Momente der Apple-Geschichte hautnah erlebt. Mal begeistert. Mal skeptisch. Manchmal schlicht und ergreifend ahnungslos. Anlässlich von 50 Jahren Apple haben wir uns kürzlich zusammengesetzt – zusammen mit Georg Albrecht, der die Geschichte von Apple Deutschland von innen kennt wie kaum ein anderer – und sind gemeinsam in die Erinnerungen eingetaucht. Was dabei rauskam, war eine Reise durch Jahrzehnte, in denen es immer mal wieder Fehleinschätzungen gab, aber auch unverhoffter Begeisterung. Und mindestens eine Geschichte, die ich am liebsten für immer verdrängen würde. Aber dazu kommen wir noch.

Ich, Christian, war persönlich, was Apple betrifft, immer in einem Wechselbad der Gefühle. Von voll begeistert, bis enttäuscht. Und dieses Wechselbad hatte nicht nur damit zu tun, ob Steve Jobs gerade „On“ oder „Off“ bei Apple war. Auch er hat mich durchaus ratlos und skeptisch zurück gelassen. In diesen beiden Teilen dieser kleinen Artikel-Serie über Apple und uns, anlässlich 50 Jahren Apple, wird auch darüber zu sprechen sein. Aber los ging es mit Begeisterung. Bei mir. Nicht bei Hannes.

„Hannes, das ist die Zukunft.“ – Hannes war nicht beeindruckt.

Meine Geschichte mit Apple beginnt früher als die meisten vielleicht vermuten würden. Anfang der 80er Jahre arbeitete ich als Texter in einer Werbeagentur – und einer unserer Kunden war Apple. Auf meinem Schreibtisch stand ein Apple II Euro Plus. Für mich war das Gerät bald Alltag. Zumal man dazu sagen muss: In der Agentur wollte außer mir keiner den Apple haben. Weil auch keiner so recht wusste was man damit anfangen soll. „Du hast einen Personal Computer? Aber Du bist doch gar nicht in der Personal-Abteilung. Du bist doch Texter.“ Die deutsche Aussprache des Wortes Personal Computer sorgte für Missverständnisse. Bei mir solange bis ich damit gearbeitet habe. Bei allen andern noch länger. Aber da wir diesen Kunden hatten, um den sich die Kollegen aus dem Bereich Text nicht gerade schlugen, durfte ich ran. Und so hatte ich ausreichend Zeit, mich mit dem Unternehmen und seinen Produkten zu beschäftigen. Und ich war bald überzeugt: Das hier ist die Zukunft. Der Computer an sich.

Der Apple II – mein erster Berührungspunkt mit Apple. In der Agentur wo ich arbeitete stand ein Apple II Euro Plus

Lisa und grafische Benutzeroberflächen – Zukunft Plus bei Apple?

Und dann kam aus meiner Sicht „Zukunft Plus“. Ich bekam in der Agentur die ersten Infos zu einem neuen Produkt namens Lisa. Einem Computer mit einem Erscheinungsbild wie dem Kopf von E.T. – aber was viel wichtiger war: mit einer grafischen Benutzeroberfläche. Da mir nicht klar war, dass Steve Jobs sich da von anderen Leuten hat inspirieren lassen, fand ich das eine geniale Idee von den Apples. Die Geschichte, woher die Idee wirklich kam, und wer das Konzept „erfunden“ hat, könnt ihr hier nachlesen:

Und weil Hannes gerade einige Tage bei mir in der Agentur in Frankfurt als Ferienjob mitarbeitete und zu Besuch war, dachte ich: Da zeig ich dem 64iger-Nerd mal, was da so kommt. Also lud ich Hannes zu einem Händler ein, wo exklusiv eine Apple Lisa stand. Das lief unter Recherchebesuch für die Textabteilung. Ich war begeistert von der Vorführung. Aber Hannes erinnert sich noch gut selbst daran. Und zwar etwas anders als ich:

Begeisterung sieht anders aus. Hannes war nicht überzeugt von Christians Zukunftsvision und schon gar nicht von der Lisa

Die Lisa war 1983 Apples erster Versuch, eine grafische Benutzeroberfläche massentauglich zu machen – ein Vorläufer des Mac. Zu teuer und für die damalige Zeit zu langsam. Hannes ließ sich also nicht mitreißen. Er fand das Ding zu langsam, aus seiner Sicht eher unpraktisch und vor allem weitab jeglicher Budgets, die sich normale Computernutzer damals leisten konnten. Die Lisa sollte um die 20.000 DM kosten. Und ein dazu gehöriges Festplatten-System namens Profile nochmal 10.000 DM. Und das Ding hatte dann 5 MB Festplattenspeicher. Kein Witz! Megabyte! Nicht Gigabyte! Und so blieb ich mit meiner Begeisterung erst mal allein.

So sah die Werbung aus, die Christian damals für die Lisa und Apple textete – sie erschien in allen großen Magazinen als Doppelseite. Gerettet hat das die Lisa auch nicht…

1984 – das Jahr, in dem Hannes Kontakt aufnahm. Und wie!

Das änderte sich 1984. Aber sowas von. Das war das Jahr, in dem der Macintosh auf der Bühne erschien. Die Einführung wurde begleitet von dem legendären Werbespot „1984“ der beim Superbowl gezeigt wurde. Und da war Hannes Reaktion eine völlig andere: „Ich war hingerissen von dem Gerät. Es war nur immer noch zu teuer für mich. Aber ein Gerät, das ich haben wollte.“ Wirklich eine grafische Oberfläche für jedermann – in einer Zeit, in der die meisten Computer noch ausschließlich über Tastaturkommandos bedient wurden. Das war kein Upgrade. Das war ein Bruch. Das war eine neue Zeit.

Mich hat der Mac ebenfalls nicht kaltgelassen. Umso schmerzhafter war aus heutiger Sicht betrachtet das, was ich ihm angetan habe.

Der Mac kommt – und plötzlich ist Hannes hellauf begeistert von Design, grafischer Benutzeroberfläche und überhaupt. Christian kann es nicht fassen. Aber es ist ein Gerücht, dass er deshalb ein Attentat auf einen frühe Mac verübt hat. Sagt Christian.

1984 – das Jahr, in dem Christian den Mac zerstörte. Und wie!

Ich warf das Betriebssystem des Mac in den virtuellen Papierkorb auf dem Mac – danach konnte er nicht mehr booten. Eine Geschichte, die ich eigentlich nie erzählen wollte. Aber nun muss es raus. Was war passiert:

Es war einer der ersten großen Mac-Vorführtermine bei dem Computerhändler in Würzburg, wo wir Samstags immer als „Berater“ arbeiteten und auch Kurse für Einsteiger gaben. Es war streng genommen kein „Nur Mac“-Termin, sondern die Eröffnung des Ladens. Ein Highlight: Der Mac ganz früh in Deutschland zum Anfassen. Wir hatten also an einem Freitag in Würzburg aufgebaut, denn am Samstag sollte die Eröffnung stattfinden – mit Prominenz aus der Stadt, vielen VIPs aus der damals noch recht kleinen IT-Blase und mit vollem Programm: Reden, Ehrengäste, exklusive IT-Vorführungen. Am Freitag Nachmittag, wenige Stunden vor dem großen Tag, passierte es. Wir hatten einen der ganz frühen Macs da stehen. Vermutlich Vorserie oder so. Ich weiß es nicht mehr. Ich weiß aber: Ich war noch immer ein wenig beleidigt auf den Kleinen, weil Hannes so begeistert und kaum davon wegzukriegen war. Das nahm ich insofern persönlich, weil ich ihm ja – nur etwas vorher – mit Lisa was Ähnliches gezeigt hatte und er das nur milde belächelt hatte. Und nun kommt der kleine Würfel und… Naja – egal.

Ende 1983 gab es die ersten Anzeigen von Computer Martin. Dem Laden, in dem Hannes und ich unsere Karrieren im Bereich IT starteten. Und einiges an Chaos anrichteten…

Auf jeden Fall stand der Mac da. Das Betriebssystem dieses frühen Mac steckte damals auf einer einzigen Diskette – das Gerät hatte keine Festplatte, es bootete von Diskette. Ich spielte also – weil Hannes gerade mit etwas anderem beschäftigt war – mit dem System herum, und betrachtete das Papierkorb-Symbol auf dem Desktop. Ob es nun bösartig war, weil ich ja nicht so gut auf den kleinen Computer zu sprechen war oder einfach ein Impuls für einen kleinen Test war, kann ich nicht mehr sagen. Aber plötzlich formte sich in mir ein Gedanke, der für sich spricht: Apple war ja bekannt für intuitives Design, für die durchdachten Oberflächen. Da konnte es doch gar nicht sein, dass man das Betriebssystem, und damit wirklich alles, in diesen virtuellen Papierkorb werfen kann. Oder? Da kommt bestimmt eine Warnmeldung, wenn ich das Betriebssystem da hineinziehe. Das kann der Rechner nicht einfach so erlauben.

Er erlaubt es aber.

Keine Warnung. Kein Rückfrage-Dialog. Das System verschwand klaglos in den Papierkorb. Und stand der Mac ohne Betriebssystem da, brachte Fehlermeldungen und ließ sich vor allem nicht mehr neu starten.

Ein gescanntes privates Foto von Hugo E. Martin. Es zeigt den Mac, den Christian vorher sabotiert hatte.

„Christian hatte eine Idee, die im ganzen Silicon Valley offenbar keiner hatte“- sagt Hannes heute

Hannes hat das Ganze bei unserer Sendung zu 50 Jahren Apple mit der ihm eigenen Präzision nachgezeichnet: „Du warst sicher, da kommt eine Warnmeldung. Da passiert schon nix. Und als es dann passiert war – da lief der Mac ja noch – hast Du mich gerufen und grinsend gesagt: ´Man kann das Betriebssystem wegwerfen! Echt! Da kommt noch nicht mal eine Meldung: Wollen sie das wirklich?`“ Und Hannes Erinnerung geht weiter: „Er sagte nur: Du hast was getan…?! Das kann doch nicht…“ Aber wie ich schon sagte, stellte auch Hannes fest: Der Mac hatte meinen Befehl befolgt. Und es gab auch kein Rückgängigmachen. Was man im realen Leben mit jedem Papierbogen machen kann, ging beim Mac nicht. Was in den Papierkorb gewandert war, kam nicht mehr raus. Zumindest offensichtlich nicht, wenn es gleich der komplette Systemordner war. Hannes klickte heftig rum – aber da war nix mehr zu retten. Einen Tag vor Eröffnung war einer der dafür anwesenden Stars aus Cupertino im wahrsten Sinne des Wortes platt. Damals war Hannes stocksauer auf mich. Heute sieht er das etwas entspannter: „Man muss Dir ja eines lassen: Ganz Cupertino kam nicht auf die Idee, das System wegzuwerfen. Du hast den ultimativen Test gemacht.“, sagt er mit breitem Grinsen in der Sendung. Danke, Hannes. Sehr aufbauend.

Der Laden kurz vor der Eröffnung von außen… IBM macht einen auf Chaplin und Christian gab Conan den Mac-Zerstörer…

Am nächsten Morgen hätte das bedeutet: kein lauffähiger Mac bei der großen Eröffnung. Hugo E. Martin – einer der ruhigsten Menschen, die ich je kennengelernt habe und ein damals bestens vernetzter Verlagsmanager und eben Eigentümer des Ladens – griff zum Telefon, und rief Apple an. Aus Frankfurt kam dann über Nacht per ICE-Kurier eine neue Systemdiskette. „Damals hat man die wichtigen Dinge mit ICE-Kurier verschickt“, erinnert sich Hannes. Und das war nicht billig. Aber die Möglichkeit, solche Datenmengen online zu übertragen, gab es ja schlicht noch nicht. Man kann sich glaube ich nicht vorstellen, welcher Stein mir vom Herzen fiel, als morgens ab 9.30 Uhr der Mac wieder lief. Die Veranstaltung fand in vollem geplantem Umfang statt und wart ein großer Erfolg.

Erlaubt uns noch folgenden kurzen aber wichtigen Einschub: Dieser Hugo E. Martin sollte – trotz dieses und anderer Dinger die wir so in unserem jugendlichen Leichtsinn gemacht haben – ein zentraler Wegbegleiter für unsere Karrieren in Sachen Medien und IT werden. Das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden. Aber: Wir wollen und müssen das hier mal deutlich sagen. Ganz besonders nach dieser Geschichte, die ziemlich am Anfang unserer späteren Freundschaft stand.

Hannes‘ illegale Vergangenheit: Mac auf dem Amiga

Bevor wir weitermachen, muss ich kurz einen Moment innehalten. Hannes hat in unserer Sendung etwas gestanden, das ich schlicht nicht übergehen kann. Wenn ich schon – wie auch gleich im nächsten Kapitel – alle meine Missverständnisse und Fehler hier erzähle, muss auch diese Story von Hannes erzählt werden. Hannes war eine Zeit lang ein Illegaler… Also was den Mac betraf.

Er studierte damals an der Fachhochschule für Druck und Medien – wo, natürlich, auch Macs standen. Und nachdem er immer noch dem Mac als heimliche Liebe hatte, obwohl wir schon Amiga-Bücher schrieben, hatte er etwas spezielles getan: In seinem Amiga 2000 steckte eine Erweiterungskarte namens AMAX, mit der man einen Mac emulieren konnte. Was man dafür brauchte: die Boot-ROMs eines echten Mac, die man mit einem speziellen Tool auslesen musste. Und wo liest man so etwas am praktischsten aus? An der Fachhochschule, wo ja überall Macs standen.

Die Wahrheit die in diesem Amiga 2000 steckt ist – überraschend…

„Da muss ich jetzt ein bisschen aus meiner illegalen Vergangenheit erzählen“, sagte Hannes in der Sendung, hörbar amüsiert. Er hatte die ROMs in den Übungsstunden an seiner FH kopiert. Und dann – während er eigentlich Layouts hätte setzen sollen – kopierte er noch alle Software, die er auf den FH-Macs finden konnte. Ergebnis: Hannes hatte eine veritable Sammlung von Mac-Software auf seinem Amiga. Zuhause. So wurde er zum Mac-Nutzer, ohne einen Mac besessen zu haben. Und ich wusste das noch nicht mal. Georg Albrecht – der später Pressechef von Apple werden sollte und Gast in dieser Sendung war – kommentierte das Geständnis trocken: „Dann warst Du wahrscheinlich einer der ganz frühen ersten illegalen Apple-User.“ Wir lassen das mal so stehen.

Der erste Kratzer im Apple-Lack – zumindest für Christian

Was mich bis heute beschäftigt: Mein Bild von Apple bekam damals den ersten leichten Kratzer. Nicht wegen meines eigenen Fauxpas vor der Ladeneröffnung, sondern wegen der Erkenntnis, dass man auf einem Mac der Version 1.0 ein komplettes Betriebssystem lautlos löschen konnte, ohne eine einzige Warnung. Das war eben genau das: Version 1.0. Und in Wahrheit 0.9 an erste Nutzer. Ein Tabubruch für Apple aus meiner Sicht. Von anderen kannte man solche Unzulänglichkeiten. Aber nicht von Apple. Und das alles passierte in einer Zeit, in der der Perfektionist Steve Jobs noch da war. Aber trotz dieses letztlich kleinen Kratzers glaubte ich noch sehr an Apple. Nicht zuletzt wegen des Werbespots zum Mac. „1984“ hatte eine klare Botschaft: Computer werden die Menschen befreien. Sie sind ein neuer Weg zu neuen Möglichkeiten. Demokratie eingebaut oder so… Was auch immer ich und andere damals in diesen Spot, den Ridley Scott inszeniert hatte, hineininterpretiert haben: Das war ein Versprechen auf das viele von uns vertrauten. Weggeworfenes Betriebssystem hin oder her…

Ab dem Mac in Würzburg und Christians Erfahrungen damit kühlte das Verhältnis zu Apple langsam aber sicher ab…

Der zweite – weit tiefere Kratzer kam dann einige Jahre später. Steve Jobs war weg und ein Manager namens John Sculley hatte das Ruder bei Apple übernommen. Und wenn ich „zweiter Kratzer“ sage, ist das die Untertreibung des Jahrzehnts. Es war ein Graben, der sich da auftat. Der Newton-Graben. Der tat sich auf, als ich im Silicon Valley bei Apple zu Dreharbeiten für „Neues… die Computershow“ unterwegs war. Das war ernüchternd und gleichzeitig auch sehr kurios.

Der Newton und die grillende Farmerfamilie über dem Silicon Valley

Wenn der Würzburger Moment mein persönlich peinlichster war, dann war der Newton-Dreh 1992 in Cupertino mein kuriosester.

Der Newton war Apples großer Versuch, den PDA zu erfinden – einen persönlichen digitalen Assistenten mit Handschrifterkennung. Ein Produkt, das seiner Zeit voraus war, aber nicht wirklich funktionierte wie versprochen. Ich war trotzdem heiß darauf, als wir nach Cupertino flogen. Ich sollte ihn exklusiv drehen und „testen“ können. Die Hitze kühlte ab als wir in den Testlabors waren und ich da schon das leise Gefühl bekam: „Der Newton tut nicht so, wie er soll.“

Der Newton war die erste große Entäuschung über Apple bei Christian. Die Flops Apple III oder auch die Lisa waren schade – aber aus Christians Sicht kein Tabubruch bei einem Hersteller wie Apple. Der Newton aber schon.

Genau genommen tat er gar nicht, was er sollte. Das einzige funktionsfähige „Gerät“ war ein Display, auf dessen Oberfläche man einen Stift nutzen konnte, um zu zeichnen oder zu schreiben oder das Ding zu „bedienen“. Und dieses Display hing an zwei Macintosh-Rechnern, die die Rechenpower lieferten, damit der Newton überhaupt funktionierte. Das andere Gerät, das es noch gab – im richtigen Formfaktor – konnte zwar Linien darstellen, wenn man darauf „schrieb“ – aber von Erkennung war nix zu spüren. Das ging nur auf dem Tablett mit den Macs. Und die Erkennung gelang von unserem Team auch nur einer Kollegin mit einer sehr guten Handschrift. Aber – wir durften exklusiv einen Beitrag zum Newton drehen. Und damals dachte ich noch: Wenn Apple sagt, das Ding wird bei Marktstart funktionieren, dann wird es das auch tun.

Wir drehten also bei Apple, sprachen mit Ingenieuren und wollten als ein Element des Film eine Moderation über den Dächern des Silicon Valley drehen – das symbolische Bild: wir stehen oben, da unten wird die Zukunft entwickelt. Also suchten wir eine Location in den Bergen, fanden ein Farmhaus mit wunderbarer Aussicht und freundlichen Besitzern. Wir bauten Licht, Kamera, Ton auf.

Christian Spanik mit seinem Apple Newton 1992
Christian Spanik mit einem Apple-Newton-Mockup (einer leeren Hülle) 1992 bei Dreharbeiten für einen Beitrag in „Neues… die Computershow“. Was man hier nicht sieht: Die Farmerfamilie im Hintergrund.

Was ich dabei nicht einkalkuliert hatte: Die Familie des Farmers machte unseren Dreh zum spontanen Familien-Entertaiment-Abend. Noch während wir die Technik aufstellten, holten die Leute einen Grill heraus. Dann Bier. Dann erschien die gesamte Familie, ein bisschen wie die Hühner auf der Stange. Alle setzten sich auf die Terrasse und warteten auf das was wir gleich machen würden. Ich versuchte zu erklären: Wir drehen auf Deutsch, ihr werdet nichts verstehen. Es ist nur eine Moderation. Die Antwort war sinngemäß: macht nix, alles gut.

„You can´t switch the channel…“ – mein verzweifelter Versuch in Ruhe zu drehen

Ich erklärte Ihnen – halb im Scherz – auch: Denkt daran – wir machen hier Fernsehen. Aber wenn ihr euch jetzt da hinsetzt und zuguckt könnt ihr nicht wie ihr es gewohnt seit umschalten, wenn ihr Euch langweilt…

„No Problem…“ grinste der Papa in meine Richtung und öffnete mit einem Plop die Bierflasche. Und die ersten Grillstücke zischten im Feuer…

Ich sagte also eine nicht ganz unkomplizierte Moderation über Ingenieursvisionen und die Zukunft der Technologie auf – und hatte dabei, wie ich in der Sendung erzählte: „die ganze Zeit dieses Bild vor Augen: eine futternde, biertrinkende amerikanische Mittelstandsfarmerfamilie. Mit einem Hund, der zum Glück unter Kontrolle war und auch sehr still. Und die guckten mich die ganze Zeit so an.“ Hannes‘ Kommentar dazu war knapp und treffend: „Du warst halt die lokale Sensation an dem Tag. Was Besseres kam wohl nicht…“ Was soll ich sagen. Er hat recht.

Das Originalfoto von damals – man sieht deutlich die Familie die es sich gemütlich gemacht hat. (c) Foto privat / Barbara Zimmermann

Ein Detail am Rande, das mir bis heute nicht aus dem Kopf geht: Das Newton-Gehäuse, das wir für den Dreh dabei hatten – wohlgemerkt ein völlig leeres Gehäuse, kein funktionierendes Gerät – durfte das Apple-Gelände nur verlassen, wenn eine Apple-Mitarbeiterin es jederzeit persönlich bei sich trug. Selbst leeres Plastik verließ Apple nicht ohne Aufsicht. Das Newton-T-Shirt, das ich bekam, gab ich dann übrigens zurück. Ich glaube, das ist das einzige Promotion-T-Shirt, das ich in meinem Leben je zurückgegeben habe. Ich war enttäuscht von der echten Leistung des Geräts. Apple-Ingenieure hatten mir vertraulich gesagt, dass sie noch keine Ahnung hätten, wie das Ding zur CES irgendwie fertig sein sollte. Als ich abreiste blieb die Hoffnung: Apple kann das. Die schaffen das.

Ganz links gut zu erkennen die Apple Mitarbeiterin die uns während des ganzen Drehs begleitete und auf die Hülle vom Newton aufpasste… (c) Foto privat / Barbara Zimmermann

Aber es kam anders: Der Newton wurde zwar zur CES 1992 „vorgestellt“, aber machte schon bei der Bühnenvorführung Fehler. Die man kaum sehen konnte, weil alles so schnell ging und die Kamera nicht lange drauf blieb. Aber es sollte noch ein Jahr dauern, bis die ersten Geräte kamen. Und deren Fehler und Macken und auch der Misserfolg sind sattsam bekannt. Ich hatte Apple vertraut. Wir haben den Beitrag gesendet. Und das war ein Fehler in jeder Hinsicht. Viele Menschen waren vor allem eines: Vom Newton und von Apple enttäuscht. Ich dachte damals: Damit habe die ihre Seele verkauft.

1997: Der Schock, der ein Ausweg war – Bill Gates auf Apples Bühne

Wer die Apple-Geschichte kennt, weiß: Die Jahre nach Steve Jobs‘ Weggang 1985 waren für Apple nicht freundlich. John Sculley, der Pepsi-Manager, der Jobs verdrängte, konnte den Abwärtstrend nicht stoppen. Der Newton war eine Katastrophe und kostete Apple viel Reputation. Mitte der 90er fragte sich die Branche ernsthaft, ob Apple überhaupt überleben würde.

Dann kam Jobs zurück. 1997. Und alle atmeten auf.

Was dann passierte, hat mich – und viele andere – wirklich überrumpelt. Jobs stand bei einer Keynote auf der Bühne und sagte, er wolle noch jemanden dazuholen. Und auf der Leinwand erschien – überlebensgroß – Bill Gates.

Georg Albrecht war mittlerweile von seinem Job als Radio-Journalist zu Intel gegangen. An genau diesem Abend saß er aus Zufall neben Intel-CEO Andy Grove und erzählt uns eine Wahnsinns-Insider-Geschichte. Andy Grove und Steve Jobs waren eigentlich gut befreundet. Als die Neuigkeit ankam, fragte Georg seinen Chef, ob er davon gewusst habe. Grove sagte: „Keine Ahnung. Es muss schon ein sehr gut gehütetes Geheimnis gewesen sein und dürfte uns alle sehr überraschen.“ Alle bis aus Gates und Jobs. Microsoft investierte 150 Millionen Dollar in Apple und verpflichtete sich, Office weiterhin für den Mac zu entwickeln. Im Nachhinein überlegte ich mir: „Das Geld war nicht das entscheidende. Die Botschaft, dass Microsoft noch Apple vertraut und weiter Software für die Plattform entwickelt ist viel wichtiger.“ Hannes pflichtet bei: „150 Millionen waren für Microsoft damals Portokasse.“

Plötzlich taucht der Mann mit der Brille bei der Apple Keynote auf. Wir hoffen ihr erkennt unsere Digisaurier-Version von Bill Gates. Bei uns liebevoll BilloDOSus genannt.

Man kann sagen, der Schock war groß. Aber in Wahrheit war es ein Ausweg aus einer großen, exestenziellen Krise für Apple. Über das Verhältnis von Microsoft zu Apple haben wir auch vor längerer Zeit schon eine Sendung gemacht, die es auch als Artikel gibt. Es gab nämlich laut unserem Kollegen Thomas Kuhn von der Wirtschaftswoche einen guten Grund, für Microsoft, auf diesen Deal einzugehen. Mehr dazu im Artikel..

Hannes sieht in der Inszenierung dieser Keynote noch einen interessanten Anklang: Gates erschien auf der Leinwand so überlebensgroß, „dass er von seiner Inszenierung her schon ein bisschen Ähnlichkeit hatte mit diesem Diktator, der im 1984-Spot zu den Massen spricht“ – eine Referenz auf den Werbespot, in dem Apple sich als Befreier positionierte. „Ich glaube, das war kein Zufall“, sagte Hannes. Das Publikum in der Halle feierte Bill Gates‘ Auftritt jedenfalls nicht.

Rückblickend war es dennoch die einzige mögliche Entscheidung. Apple brauchte nicht nur Geld – es brauchte das Signal, dass Microsoft sich zur Mac-Plattform bekannte. Das gab dem Markt Vertrauen. Und ohne dieses Vertrauen hätten auch 150 Millionen Dollar nicht zum Überleben der Firma gereicht.

Apropos Vertrauen: Als Gates‘ Auftritt passierte, dachte ich zuerst: Warum macht Jobs das? Konnte es mir aber erklären. Aber dann kam ein Moment, den ich völlig falsch einschätzte als Journalist. Und der leider auch massiv Einfluss darauf hatte, wie ich Apple für ein paar Jahre sah. Nämlich als Schaumschläger. Ich rede vom iPod.

Meine größte Apple-Fehleinschätzung: Der iPod

Ich gestehe. Und ich tue es zwar etwas traurig aber dennoch gerne, weil es zeigt, wie schwer es ist, ein revolutionäres Produkt in dem Moment zu erkennen, in dem es erscheint. Auch und gerade wenn man mitten drin in diesem Zirkus ist.

Christians gravierdene Fehleinschötzung beim iPod: „Nur weil das Ding hübsch ist, ist es doch kein Meilenstein.“ War es letztlich aber dann doch… Es sollte noch ein paar Jahre dauern bis Christian das begriff.

Als Apple 2001 den iPod vorstellte, war meine erste Reaktion ernüchternd simpel. Ich fragte mich damals, „wie sich jemand wie Steve Jobs dermaßen dafür feiern konnte, dass er ein Produkt in den Markt brachte, das es doch schon lange gab – einen digitalen Audioplayer. Nur weil das Ding hübsch war, ist es doch kein Meilenstein, dachte ich mir.“ War es aber. Und ich habe dann für die nächsten Jahre viele Entwicklungen von Apple eher weniger intensiv beachtet – um nicht zu sagen: verpasst. Einfach weil ich Steve Jobs und Apple nicht mehr ernst nahm. Und darum nicht mehr richtig hinguckte. Man kann sagen: Nach meinen Erfahrungen vorher: Verständlich. Als Profi hätte mir das aber trotzdem nicht passieren dürfen.

Hannes verstand das mit dem Audioplayer schneller als ich, weil er als Journalist viele der anderen MP3-Player auf dem Tisch hatte. Jeder einzelne davon war, in seinen Worten, „das Gegenteil von benutzerfreundlich“ – eigene Konvertierungstools, umständliche Übertragung, winzige oder gar keine Displays. Der iPod löste diese Probleme auf elegante Weise. Und Menschen warteten eindeutig auf einen legitimen digitalen Nachfolger des Walkman. Von Sony kam der nicht. Ich hätte das sehen können. Tat ich damals aber nicht.

Als der Freiheitskämpfer zum Bestimmer werden wollte

Der iPod. Diese – aus meiner Sicht – Überhöhung einer Idee, die es vorher schon gab, war noch nicht ganz der Schlussakkord meiner Beziehung zu Apple, die dann erst mit dem iPad wieder gekittet wurde. Was mich zwischenzeitlich noch weiter von Apple entfernte, war eine Debatte rund um den App Store zum später erschienenen iPhone: Wer darf rein, wer nicht, was erlaubt Apple – und wer entscheidet das? Steve Jobs macht klar, dass er kontrollieren wollte was wir da drinnen sehen. Magazine die er als „nicht angemessen“ empfand, kamen zum Beispiel nicht als App in den Store. Man kann über diese Magazine und einzelne Angebote streiten. Aber es schien mir nicht richtig, dass ein Plattform-Anbieter aus der Technologie-Welt entscheidet, was wir auf modernen Geräte zu sehen bekommen und vor allem was nicht. Das erinnerte mich unangenehm an das Versprechen des Werbespots von 1984: „Wir befreien euch.“ Und dann entscheidet jemand in Cupertino, welche Inhalte erscheinen dürfen? Das war für mich das Gegenteil der Botschaft von 1984. Und ich wandte mich von Apple und Steve Jobs ab. Wir berichteten natürlich über Neuheiten. Aber nur unter dem Aspekt: News. Ich stieg erst beim iPad wieder ein. Erst dann begann ich wieder mich mit Apple, seinen Produkten und Ideen tiefer zu beschäftigen.

Das iPhone war plötzlich der zentrale Mittelpunkt – zuerst bei Apple und dann bei immer mehr Menschen. Aber Steve Jobs wollte auch bestimmen, was darauf zu sehen und zu nutzen war und was nicht. Das war der Moment, in dem Christian sich enttäuscht vom Kopf hinter einem Werbefilm wie „1984“ und der Firma innerlich verabschiedete. Vielleicht verständlich – aber keine gute Idee.

War das die richtige Entscheidung? Aus heutiger Sicht: Nein. Hannes hat es in der Sendung auf den Punkt gebracht: „So hatte jeder von uns seine Phase, wo er Apple und seine Bedeutung falsch einschätzte. Ich am Anfang bei Apple 2 und Lisa – und Christian in der Phase von iPod und iPhone.“ Stimmt. Und so ist das manchmal. Wir sind halt auch nur Menschen.

Was 50 Jahre Apple bedeuten – für uns persönlich

Wenn Hannes und ich heute auf diese Geschichte zurückblicken, fällt uns beiden auf: Wir haben Apple nie gleichmäßig verfolgt. Es gab wechselseitig Phasen der Begeisterung, Phasen des Desinteresses, Phasen des Zweifels. Hannes war anfangs skeptisch und wurde dann Fan. Ich war früh dabei, dann abgelenkt, dann wieder begeistert.

Das macht unsere Geschichte mit Apple authentischer als eine glatte Heldenerzählung. Apple war nicht immer toll. Der Newton war ein Flopp. Der Apple III ein Problemcomputer. Die Krisenjahre in den 90ern waren real – auch wegen katastrophaler Managmentfehler. Und ja, manchmal haben wir uns von der Attitüde des Unternehmens entfremdet gefühlt.

Unsere On/Off Geschichte mit Apple – auf einem Chart zusammengefasst.

Aber wenn man ehrlich ist: Was Apple in 50 Jahren geleistet hat – von der Garage über den Mac, den iMac, den iPod, das iPhone bis hin dazu, eines der wertvollsten Konzerne der Welt zu sein – das ist eine Geschichte, die ihresgleichen sucht. Nicht weil alles perfekt war. Sondern weil Apple immer wieder den Mut hatte, Dinge zu tun, die keiner erwartet hatte. Manchmal sogar Dinge, die keiner wollte. Und trotzdem recht bekam.

Dahinter stecken immer besondere Köpfe – das war auch bei Apple so mit den beiden Steves.

Wer hätte Anfang der 80er in meiner Werbeagentur geahnt, dass der Apple II auf meinem Schreibtisch einmal der Anfang einer Idee und eines Unternehmens sein würde, das – auch gemeinsam mit anderen – die Welt verändert? Niemand. Schon gar nicht ich. Und ich hatte damals Apple als Kunden…

Wenn Ihr uns persönlich treffen wollt und mit uns auf Zeitreise in diese Phase rund um Apple gehen wollt: Dann habt ihr am 8.Mai dazu die Gelegenheit. Da haben Hannes und ich ab 19 Uhr eine „Digisaurier Zeitreise Apple“ im Oldenburger Computermuseum. Mitten in deren großartiger und sehenswerter Sonderausstellung „50 Jahre Apple“ und direkt neben dem 5 Meter begehbaren Original Mac – ihr seht es lohnt sich so oder so da hinzugehen. Die Veranstaltung ist kostenlos – aber da wir nur begrenzte Plätze haben, könnt ihr Euch hier Euer Ticket sichern.

In Teil 2: Was Georg Albrecht von innen sah

Die Geschichte, die ihr gerade gelesen habt, ist die Außenperspektive – so wie Hannes und ich Apple erlebt haben, aus dem Pressesaal, dem Fernsehstudio und gelegentlich einem amerikanischen Bauernhof. In Teil 2 erzähle ich euch, was Georg Albrecht als PR-Chef von Apple Deutschland zwischen 1999 und 2012 von innen gesehen hat. Eine Journalisten-Gruppe, die im Apple-Headquarter kurzerhand das Ethernet-Kabel aus dem Lobby-iMac zieht. Ein Nokia-Knochen, der ausfällt, genau als alle wichtigen Journalisten ihn anrufen wollen. Zwei Schweizer Taschenmesser mit Apple Logo im Handgepäck. Und ein Transatlantikflieger, der wegen denen fast ohne Georg und Hannes abgeflogen wäre.

Im zweiten Teil dieser kleinen Serie geht es vor allem um Insider-Geschichten aus den Jahren nach 1999. Da kam nämlich unser Gast Georg Albrecht zu Apple. Und erstmal wollte keiner neben dem neuen Pressechef sitzen. Die Geschichte und viele andere erfahrt ihr im Teil 2.

Kennt ihr noch eure ersten Apple-Momente? Den ersten Mac, den ihr je gesehen habt? Ein Gerät, das euch vielleicht anfangs völlig kalt ließ – und euch dann doch gewonnen hat? Schreibt es in die Kommentare. Ich bin gespannt, ob eure Apple-Geschichte ähnlich kurvenreich war wie unsere.

Die ganze Sendung zu diesen beiden Artikeln könnt ihr bei uns auf dem Youtube Kanal sehen. Aber holt Euch vorher Popcorn oder so. Es sind rund 2 Stunden voller Anekdoten und Insider-Geschichten. Viel Spaß.

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