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Am ersten Homecomputer der Welt arbeitete… eine Frau

„Ich wette, dass Sie keinen Computer in Ihrem Wohnzimmer stehen haben“, soll der stolze Vater einer berühmten „Computerfrau“ unzähligen Bekannten gesagt haben. Mary Allen Wilkes hatte ihn – schon seit 1965. Den Namen kennen Sie nicht? Sollten Sie aber: Die studierte Philosophin und Theologin forschte Tag und Nacht an dem wohl ersten „persönlichen Computer“ überhaupt und entwickelte dafür auch gleich mehrere Betriebssysteme. Grund genug, die heute 78-Jährige als wichtige „IT-Heldin der Geschichte“ zu porträtieren. Ein Original-Exemplar ihres kühlschrankgroßen Rechners war kürzlich in einer Ausstellung in Paderborn zu sehen.

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Bevor Kenner protestieren: Eigentlich gelten Geräte wie der Altair 8800, der TRS-80, ebenso der Apple II und Commodore PET 2001 (ab Mitte der 1970er-Jahre) als Heimcomputer im modernen Sinn – spätestens jedoch der Atari 400, der TI-99 oder auch der Sinclair ZX80 (Ende der 70er, Anfang der 80er).

Mary Allen Wilkes an ihrem ganz persönlichen Computer im Haus ihrer Eltern. (C) Rex B. Wilkes - Mary Allen Wilkes personal archives, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=45104166
Mary Allen Wilkes an ihrem ganz persönlichen Computer im Haus ihrer Eltern. (C) Rex B. Wilkes – Mary Allen Wilkes personal archives, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=45104166

Doch historisch verbrieft ist: Der erste „persönliche Computer“ stand schon zehn Jahre vorher in Baltimore im Elternhaus von Mary Allen Wilkes. Die Pastorentochter, die eigentlich Anwältin werden wollte (aber nicht durfte, weil es offiziell „keinen Bedarf an weiblichen Anwälten“ gab; den Traum erfüllte sie sich erst 1975), gehörte als einzige Frau zum Entwickler-Team des ersten Computers, der nicht einen ganzen Saal füllte, sondern in einem privaten Haushalt Platz fand.

Viel kleiner und viel bedienungsfreundlicher dank Mary Allen Wilkes

Ein Original-Exemplar des LINC ist in Paderborn zu sehen. (C) Jan Braun / Heinz Nixdorf MuseumsForum

Der „Laboratory Instrument Computer“ (LINC) kostete damals zwar stolze 40.000 Dollar (zu der Zeit etwa das Vierfache in D-Mark = 160 durchschnittliche Monatseinkommen), doch markiert er tatsächlich den Beginn massentauglicher Heimcomputer. Er war viel kleiner als die teilweise riesigen Schränke, die in Firmen etwa bei der Lohnbuchhaltung halfen, und hatte auch schon einen Bildschirm und eine Tastatur – mit dem Effekt, dass man damals von besonderer Bedienungsfreundlichkeit sprach. Was auch damit zusammenhing, dass Wilkes sich vorher intensiv mit Wissenschaftlern über deren IT-Bedürfnisse ausgetauscht hatte.

Zwei Jahre später in elf Ländern verbreitet

Von 1959 bis 1972 arbeitete sie als Entwicklerin von Hard- und Software am MIT Lincoln Laboratory und an der Washington Universität von St. Louis. Wilkes gehörte damals zur Führungsgruppe des LINC-Teams und schrieb mehrere Betriebssysteme. Am Prototyp, den sie im Haus ihrer Eltern aufstellen ließ, forschte sie oft bis spät in die Nacht. Dort entstand auch das für Aufsehen sorgende Betriebssystem LAP6, mit dem man – damals ungewohnt leicht – Dateien verändern konnte. Schon 1969 war es in elf Ländern verbreitet.

In einem Interview von 2011 erzählt Mary Allen Wilkes, wie sie den Rechner vor gut fünfzig Jahren gebändigt hat:

Tatsächlich sei der LINC aus zwei Gründen ein „persönlicher Computer“ gewesen, erklärt die Soziologin Tanja Paulitz in einem Essay für den Sammelband „Ada Lovelace. Die Pionierin der Computertechnik und ihre Nachfolgerinnen“, der sich u.a. mit Frauen und Computertechnologie im 20. Jahrhundert beschäftigt. „Nicht nur, weil er eine kleine Maschine zur Einzelnutzung war, sondern auch deshalb, weil Wilkes‘ Software es den Nutzern ermöglichte, problemlos mit dem LINC zu interagieren und das System ihren persönlichen Vorstellungen anzupassen.“

Diese Computerfrau(en) muss man sich merken

Die "Computerfrau" Mary Allen Wilkes heute. (C) unknown (work for hire) - Mary Allen WIlkes personal archives, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=45104191
Die „Computerfrau“ Mary Allen Wilkes heute. (C) unknown (work for hire) – Mary Allen WIlkes personal archives, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=45104191

Mary Allen Wilkes muss man sich also genauso merken wie beispielsweise ihre Kolleginnen Grace Hopper und Ada Lovelace, die wir in unserer Reihe „Computerfrauen“ bereits vorgestellt haben. Deshalb noch einmal der Hinweis auf die Ausstellung „Am Anfang war Ada“ im Heinz Nixdorf MuseumsForum in Paderborn, die gerade einige wichtige Frauen der Computergeschichte porträtiert hat. 700 Quadratmeter drehten sich um das Leben und Werk von Pionierinnen, die sich auf besondere Weise um die Entwicklung der Informationstechnik verdient gemacht haben.

Diese Frauen und ihre Leistungen würden viel zu wenig gewürdigt, denken nicht nur die Macher der Ausstellung, sondern auch immer mehr Historiker und IT-Experten. Megan Smith zum Beispiel, Cheftechnologin von US-Präsident Barack Obama, schrieb in einem Essay für die „Huffington Post“: „Im Film über Steve Jobs lernen wir kaum etwas über Joanna Hoffman. Susan Kare sehen wir überhaupt nicht. Beide waren Schlüsselpersonen im Entwicklungsteam des Macintosh. Und in den Turing-Filmen sehen wir die vielen Mathematikerinnen nicht, die die Hälfte der Programmierer während des Zweiten Weltkriegs ausmachten.“

Mary Allen Wilkes: „Diskriminierung war eher systemisch“

Ein Original-Exemplar des LINC ist in Paderborn zu sehen. (C) Jan Braun / Heinz Nixdorf MuseumsForum
Ein Original-Exemplar des LINC ist in Paderborn zu sehen. (C) Jan Braun / Heinz Nixdorf MuseumsForum

Eine berühmte IT-Forscherin aus den USA sieht das genauso. „Diskriminierung war eher systemisch. Die Männer des Entwicklungsteams hatten einen Forscherstatus, Frauen hießen Technikerinnen, auch bei gleicher Ausbildung oder Berufserfahrung. Das hieß weniger Geld und weniger Urlaub. Aber wir akzeptierten das, weil wir froh waren, dass wir eine interessante Stelle hatten und mit interessanten Leuten zusammenarbeiten konnten.“ Das Zitat stammt von der heute 78-jährigen Mary Allen Wilkes, die im Sommer letzten Jahres extra zur Eröffnung der Ausstellung gereist war. In perfektem Deutsch sagte sie in Paderborn: „Die Ausstellung gibt jungen Frauen und Schülerinnen die Gelegenheit, Vorbilder kennenzulernen.“

Dass sich eine eigene Installation um die PC-Entwicklerin drehte, ist natürlich Ehrensache.

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