Ich gebe es zu: Ich habe die Nachricht auch bekommen. Nicht einmal – mehrmals. Aus verschiedenen Gruppen. Von verschiedenen Menschen. Alle mit dem gleichen leicht panischen Unterton. Und alle mit einer Anleitung am Ende, die ich „sofort“ weiterschicken soll. Darf ich vorstellen: Der WhatsApp-Kettenbrief der Saison. Wir räumen auf. Und zwar diesmal mit Michael Kloss. Einige kennen ihn bestimmt noch aus den „Neues… der Anwenderkurs“ früher bei 3Sat. Ich dachte ich ruf mal den Anwenderkurs-Partner von früher (siehe Aufmacher Foto) und den Digital-Lotsen von heute an. Digital-Lotse? Yep…
Bevor ich euch die Sache mit dem Digital-Lotsen erkläre, stellt euch mal folgende Situation vor: Es war ein ganz normaler Dienstagabend. Ich sitze am Rechner, tippte gerade an einem Text, und da vibriert das Handy. Einmal. Zweimal. Dreimal. Immer ein schlechtes Zeichen, wenn das so oft passiert. Ich schaue kurz drauf – und da ist sie. Die Nachricht. In drei WhatsApp Gruppen. Früher: Kalter Schweiß, panisches Handeln: Man will ganz schnell was machen. Da da drin steht ja offenbar eine Bedrohung…
Zwei Herzen schlagen in meiner Brust: Das des Löwen – mutig und stark. Und das des Hasen – eher vorsichtig. Was soll ich sagen: Ich kenne das „Format“ dieser Nachricht schon irgendwie. Großbuchstaben an den entscheidenden Stellen. Ausrufezeichen. Das Wort „WICHTIG“ ganz am Anfang. Und irgendwo der dringende Hinweis, doch bitte sofort und ohne Zögern das Ganze als „Warnung“ an alle weiterzuschicken. Nö – mach ich nicht, brüllt der Löwe. Überleg es Dir gut, nuschelt das Häschen mit klopfendem Herzen.
Vorab: Macht nix. Bleibt ruhig. Lest erst und entscheidet dann, was ihr machen wollt. Es besteht alles, nur kein Zeitdruck!

Zurück zu mir: Was mache ich? Erstmal schenke ich mir gemütlich ein Glas Rotwein ein und überlege mit wem ich jetzt am besten kurz rede, um zu fragen ob Löwe oder Hase recht haben. In der Zwischenzeit lese ich euch kurz vor, was da steht – obwohl ich vermute: Wer in einer WhatsApp Gruppe ist, hat genau diese Nachricht auch bekommen… Vielleicht sogar wie ich mehrfach…
„Wichtig für alle Gruppenchats! Ab Samstag ist KI in WhatsApp verfügbar und hat Zugriff auf alle Chats. Alle Gruppen-Admins sollten daher die Option ‚Erweiterter Datenschutz‘ aktivieren. Andernfalls kann die KI Gruppennachrichten öffnen, Telefonnummern sehen und sogar persönliche Daten von Ihrem Telefon abrufen, einschließlich privater Chats.“
Seufz. Das Wörtchen „Kann“ ist wichtig. Da steht nicht „wird“. Und „Kann“ ist schon übertrieben. Und das mit dem Administrator ist in der Form Quatsch. Das weiß sogar ich. Aber der Reihe nach:
Mein erster Gedanke: „Was beim leuchtenden C64 Ultimate soll das jetzt schon wieder.“ Ich fall doch nicht auf jede Nachricht rein die so daher kommt. (Löwe) Andererseits: So unplausibel klingen die Dinge ja auch wieder nicht. Diese Funktion Erweiterter Datenschutz hab ich doch schon irgendwo gesehen… (Häschen).
Also ist mein zweiter Gedanke: Michael anrufen. Denn der bewahrt bei solchen Sachen immer einen kühlen Kopf. Okay – er hat genau wie ich nicht mehr eine Löwenmähne. Aber die Ruhe des Bären. So – bevor ihr jetzt denkt, es geht gleich in den Zoo sag ich es einfach: Michael weiß meist beim Digitalen, wovon er redet – er ist an seinem Wohnort Digital-Lotse und begleitet Menschen, die mit digitaler Technik manchmal oder auch öfter auf Kriegsfuß stehen, durch den Dschungel aus Apps, Updates und eben auch solchen elektronischen „Kettenbriefen“ – und ich vermute eher (auch wenn das Häschen gegen die virtuellen Wände trommelt): Genau so ein Kettenbrief könnte das sein. Da will einer möglichst viele Leute erreichen und erschrecken. Der tritt die Lawine los und wir sind wie ein Schneeball der weg kollert und immer größer wird, während er nach unten rollt – weil wir das blind weiter verteilen und damit größer machen. Außer natürlich es stimmt. Aber wie gesagt: Wenn einer weiß, wie solche Nachrichten wirken und wie real die sind – dann Michael.

Uuups – das Rotwein-Glas ist leer! Naja – war auch nur ein Achterl…
Das rote Michael Telefon oder „Wenn ein Kettenbrief die Runde macht“
„Michael, ich krieg gerade die gleiche WhatsApp Warn Nachricht in drei verschiedenen Gruppen. Meta AI liest jetzt angeblich alle WhatsApp-Chats mit, Telefonnummern, private Daten, das volle Programm. Außer wenn ich jetzt und sofort und vor Samstag handle. Stimmt das?“
Eine kurze Pause. Dann sagt Michael ganz ruhig: „Okay. Ich hätte in zwei meiner Gruppen schon letztes Jahr, ich glaube im August handeln müssen. Hab ich aber nicht… Abgesehen davon bin ich mittlerweile fast nur noch mit SIGNAL als Alternative unterwegs… “ „Und Du willst mir was damit sagen?“ „Lass mich erst noch weiter raten – da steht auch, du sollst diese Nachricht möglichst sofort weiterleiten in all deinen Gruppen teilen und weiterleiten?“
„Jaaa….“
Kurzes trockenes Lachen. „Den kenne ich. Den hatte ich diese Woche schon dreimal. Auch in meiner letzten Veranstaltung als Digital-Lotse kamen zwei Leute damit. Einmal sogar ausgedruckt auf Papier mitgebracht. Ausgedruckt, Christian. Auf Papier.“
Ich bin kurz sprachlos. „Ausgedruckt?“
„Ausgedruckt. Damit alle es erfahren. Der Herr wollte sichergehen, dass niemand was verpasst und verteilte die Zettel mit dem Text im Raum an die Teilnehmer. Und gab mir auch einen, damit ich das erkläre, was da steht…“
Ich muss lachen. Und gleichzeitig fühle ich mich ein bisschen ertappt – denn im Grunde habe auch ich ein ganz klein bißchen denselben Impuls gehabt, das Ding einfach – nur zur Sicherheit – weiterzuschicken. Nur ohne Drucker und nicht mit Brieftaube. Oder per Fax… Vermutlich hat mich nur das Glas Wein gerettet. Und eine gewisse Erfahrungen mit Prinzen aus Zamunda, die mir per Mail Millionen schenken wollen, wenn ich zum Beispiel diesen Link anklicke. Insofern: Ich habe Verständnis für den „Ausdrucker“ und Michael auch.
Für alle ungeduldigten: Ihr müsst jetzt erstmal nichts machen. Aber statt hektisch die Nachricht zu teilen, könnt ihr die Zeit nutzen zu verstehen, was wirklich Sache ist und diesen Artikel lesen. Oder ihr springt an das Ende des Textes: Da findet Ihr eine kurze Zusammenfassung die Ihr in euren Gruppen teilen könnt, um aufgeregte Gruppenmitglieder zu beruhigen. Ein Service der Digisaurier. Und nun macht es Euch bequem und erfahrt, wie das alles nun tatsächlich ist.
Was die KI „Meta AI“ in WhatsApp wirklich ist – und was nicht
„Man muss ehrlich sagen: Das schlimme an dem Ding ist, dass was wahres dran ist. Aber es stimmt eben nicht wirklich…“, erläutert Michael. Und ich glaube auch auf seiner Seite ein leises gluckern zu hören. Könnte auch Rotwein sein. Und spricht für eine typische Michael-Erklärung. Nach dem Motto: „Es ist einfach nicht so, aber ganz so einfach ist es auch nicht.“ Also schenke ich mir auch noch etwas Wein nach… Ich weiß ja jetzt, dass ich ruhig bleiben kann, der Hase legt sich wieder in seinen Bau und der Löwe braucht etwas Stärkung nach der Anstrengung sich durchzusetzen.

„Weil Du das sicher zuerst wissen willst: Nein – Du musst es nicht weiterleiten. Und Nein – Deine WhatsApp Welt ist nicht in Gefahr. Und nein: Du musst erstmal keinen besonderen Modus anschalten.“ Kurze Pause: „Außer einer der Nutzer in der Gruppe macht Quatsch…“
Michael erklärt und ich denke mir: Besser erstmal zuhören. Ich kann später immer noch sagen, dass er mir ja eigentlich auch ganz kurz nur sagen hätte können, wie ich handeln soll. Aber eigentlich hat er das schon. Und mich neugierig gemacht. Was ist jetzt wie und welches Mitglied der Familien- oder sonstigen WhatsApp Gruppe könnte wo welchen Quatsch machen?
Zwischen Märchen und Wahrheit – wie es wirklich ist
„Fangen wir mit dem an, was tatsächlich stimmt: Meta – der Konzern hinter WhatsApp, Facebook und Instagram – hat eine eigene KI namens Meta AI im Angebot. Vereinfacht gesagt ist das Metas Version von dem, was ChatGPT macht. Ein KI-Assistent, dem man Fragen stellen kann, der Texte schreibt, Ideen liefert und manchmal auch kreativ herumspinnt. Nicht immer zum guten Ergebnis für seine Nutzer – wie alle KI-Angebote.“ Ich kann das leichte Lächeln auf Michaels Lippen geradezu durch das Telefon hören.
Und ja: Diese KI steckt mittlerweile auch in WhatsApp. Als kleines blaues Icon in der App. Man kann ihn in Chats „einladen“, indem man @Meta eintippt. Achtung: Macht das nicht zum Spaß! Lest erstmal weiter…

„Denn genau da liegt der Kern des Problems“, sagt Michael. „Die KI liest nicht automatisch alle Chats mit. Die bekommt nur dann etwas zu sehen, wenn du sie aktiv ansprichst. Dann muss sie ja lesen, worum es geht. Ich erkläre das bei mir in den Abenden immer so: Stell dir vor, du hast einen neuen Nachbarn, der grundsätzlich nett und hilfreich zu sein scheint. Aber auch der musst erst klingeln, bevor du aufmachst, selbst wenn er Dir bei einem tropfenden Wasserhahn helfen soll. Der steht nicht einfach plötzlich in deiner Wohnung und guckt sich um. Du lässt in bewusst rein.“
Das ist ein gutes Bild. Ich notiere es gedanklich. Es passiert also alles nicht einfach von alleine, sondern ich muss… äh… die Türe aufmachen?
„Meta ist nicht nett – aber bei Ende-zu-Ende verschlüsselten Diensten darf Meta nicht mitlesen!“
Michael Kloss, Digital-Lotse und Awenderkurs-Pionier
„Ja – so ungefähr. War ja nur ein Bild.“ Erstmal ist wichtig: Es gibt immer die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung. WhatsApp verschlüsselt Nachrichten so, dass selbst Meta – also der Konzern, der die App betreibt – im Normalfall nicht mitlesen kann. „Übrigens: Nicht weil Meta so nett ist“, sagt Michael trocken, „sondern weil die Technik das verhindert. Das sind zwei sehr verschiedene Dinge. Und das ist auch einer der Punkte, wo ich in meinen Veranstaltungen immer nachfragen muss: Was glaubt ihr eigentlich, wer da mitlesen kann? Die Antworten sind… kreativ. Aber den meisten die später zu WhatsApp kamen ist das halt so nicht klar, was das für ein Dienst ist. Sie nutzen das eher wie eine Postkarte – und denken das ist auch so in der Privatsphäre wie eine Postkarte. Da könnte der Postbote ja auch lesen, was da steht. Ist aber nicht so.“
„Also ist der… äh…“, ich überlege kurz wie ich es sage: „…also der digitale Kettenbrief kompletter Unsinn?“ Michael: „Fast. Aber nur fast.“
Ich kenne dieses „Fast“ von Michael. Es bedeutet: Da kommt noch was. Und meist zurecht.

Alles harmlos, deine Elli? Nein – nicht so schnell.
Denn wenn Michael bremst, hat er meistens recht. Und diesmal erklärt er, warum der Kettenbrief – obwohl er in den entscheidenden Punkten Panik macht und falsche Dinge behauptet– auf einem echten Thema reitet. Das ist das gemeine an dem kleinen, fiesen Ding.
Fakt 1: Das Trainingsdaten-Problem. Meta nutzt wirklich öffentliche Posts auf Facebook und Instagram, um seine KI-Modelle zu trainieren. Wer dort öffentlich postet, könnte unfreiwillig zur KI-Fütterung beitragen. Das habt ihr vielleicht gehört und denkt jetzt: Das passiert jetzt auch bei WhatsApp. Nein. Aber wenn wir schon dabei sind: kann man was gegen das KI Training in Facebook und Instagram tun? Auch wenn das nichts mit der „WhatsApp Warnung“ zu tun hat? Im Prinzip ja…
Es gab eine Frist: den 26. Mai 2025. Wer bis dahin aktiv widersprochen hat (wir haben damals einen Artikel dazu gemacht), dessen Daten bleiben vollständig außen vor. Zumindest sagt Meta das. Wer das Datum verpasst hat – und ich fürchte, das sind schon einige Leute – kann trotzdem noch widersprechen. Aber: Ein nachträglicher Widerspruch schützt nur zukünftige Posts, nicht das, was vorher schon öffentlich war. Einmal in ein KI-Modell eingespeiste Daten lassen sich technisch nicht mehr herauslösen.
„Das ist übrigens“, sagt Michael, „der Punkt, an dem bei mir in den Veranstaltungen gerne mal Frust aufkommt. Die Leute kommen und fragen: Kann ich das noch rückgängig machen? Und die Antwort ist leider: nein, nicht vollständig. Nur für die Zukunft. Also was Facebook betrifft. Nicht WhatsApp. Da ist das nicht passiert.“
„Und das ist rechtlich legitim, dass Meta mit Facebook und Instagram unsere Daten zum Training benutzt?“ „Das Oberlandesgericht Köln hat im Frühjahr 2025 entschieden, dass Meta das darf. Berechtigtes Interesse heißt das im Juristendeutsch. Aber die gute Nachricht war, dass wir in Europa zumindest widersprechen können und zukünftig für kommende Inhalte widersprechen können. Das ist in vielen Ländern leider gar nicht möglich gewesen.“
Fakt 2: Der Vertrauensfaktor. Meta ist nun mal ein Konzern, dessen Geschäftsmodell auf Daten basiert. „Vertrau mir, ich lese nicht mit“ klingt aus dieser Richtung ein bisschen wie das Versprechen, dass der Hund die Wurst auf dem Tisch schon in Ruhe lässt. Man weiß nie, wie sich das entwickelt. „Das heißt“, fasse ich zusammen, „die KI liest keine WhatsApp-Chats mit – aber Meta schaufelt trotzdem Daten in sein KI-System, nur eben von anderen Plattformen?“
„Jetzt hast du’s“, sagt Michael. Mit dem leichten Unterton von jemandem, der mich gerne noch ein bisschen länger hätte rätseln lassen. Kenne ich. So iss er… Digital-Lotsen Prinzip: Alles worauf die Leute selber kommen, hält länger im Gedächtnis
Was ist dann dieser „Erweiterte Chat-Datenschutz“?
Jetzt wird’s interessant. Denn der Kettenbrief hat in einem Punkt sogar recht: Es gibt wirklich eine Einstellung namens „Erweiterter Chat-Datenschutz“ in WhatsApp. Nur ist sie erstens alt, klärt mich Michael auf und macht zweitens vor allem andere Sachen.

„Die Funktion gibt es schon seit April 2025 und sie ist nicht neu wegen Meta AI – das entlarvt den „ab Samstag“-Alarm zusätzlich. Und sie ist kein Notfall-Feuerlöscher für eine bereits brennende Situation. Sie ist eher eine sinnvolle Extra-Absicherung für bestimmte Gruppen. Und drittens: Sie kann in der Standard Einstellung nicht nur vom Administrator an oder abgeschaltet werden – sondern von jedem Mitglied der Gruppe.“ Außer der Administrator hat das schon beim anlegen der Gruppe verhindert. (Das erklären wir gleich noch.)
Das muss ich alles erstmal sacken lassen. Wo ist mein Weinglas… Michael nutzt die Zeit um zu erklären, was diese Datenschutz Funktion konkret tut:
Erstens wird Meta AI in diesem Chat deaktiviert. Niemand in der Gruppe kann die KI dann in diesem Chat einladen oder ansprechen. Gut für Gruppen, in denen sensible Dinge besprochen werden. Und nur solange niemand aus der Gruppe den Schalter wieder umlegt…
Zweitens wird der Chat-Export blockiert. Niemand kann den kompletten Verlauf einfach als Datei rausziehen und weiterschicken.
Drittens landen Fotos und Videos aus dem Chat nicht automatisch in der Galerie des Smartphones.
„Ist das sinnvoll?“, frage ich Michael.
„Für manche Gruppen: ja, auf jeden Fall.“ Er überlegt kurz. „Ich empfehle das zum Beispiel Leuten, die eine Gruppe für den Sportverein oder die Nachbarschaftshilfe haben – wo manchmal Adressen oder Telefonnummern rumgehen. Oder private Infos. Da macht das Sinn. Oder wenn man eben wie in einer Familiengruppe auch mal über sensible Themen spricht. Aber Achtung: Diese Funktion ist kein Fort Knox.“
„Also doch nicht so sicher?“ will ich wissen. „Es ist ein „erweiterter Datenschutz“, aber kein Zauberschild wie aus den aktuellen Drachenromanen, die zur Zeit die Spiegelbeststellerlisten stürmen…“, ist Michaels Antwort. Anders gesagt: Screenshots, manuelles Speichern von Bildern und Copy & Paste sind weiterhin möglich.
„Und wer braucht die Funktion eher nicht?“
„Die Gruppe, in der ihr Fotos vom letzten Grillabend teilt? Eher nicht. Aber schaden tut’s auch nicht.“
So geht’s – falls ihr die Funktion aktivieren wollt:
- Öffnet den Gruppen- oder Einzelchat.
- Tippt oben auf den Chatnamen.
- Scrollt nach unten zu „Erweiterter Chat-Datenschutz“ und aktiviert die Option.
Fertig. Kein Countdown, kein „schnell bevor es zu spät ist“. Aber zumindest ein gewisser Schutz vor schneller Weitergabe von Infos die eher vertraulich sind oder vor dem spontanen „einladen“ der KI durch einen Nutzer.
Und wie war das: „Jeder Nutzer kann diesen Schutz auch wieder abschalten…“, frage ich nochmal bei Michael nach. Im Prinzip ja. Außer ihr macht folgendes – als Administrator einer Gruppe:
In Gruppen kann der Admin festlegen, dass nur Admins Chat‑Einstellungen wie den erweiterten Chat‑Datenschutz verändern dürfen.
„Dazu muss der Admin in der Gruppeninfo die „Gruppenberechtigungen“ so einstellen, dass nur Admins „Gruppeneinstellungen bearbeiten“ dürfen; dann können normale Mitglieder den Schalter nicht mehr nutzen.“ Wenn du also als Admin verhindern willst, dass andere die Funktion wieder ausknipsen, musst du genau diese Berechtigung in der Gruppe einschränken. Wenn ihr gerade als Gruppenmitglied das versucht und es geht nicht, hat Euer Admin das schon gemacht.

Warum Menschen die KI in einen Chat einladen und was dann passiert…
Ich habe mich wirklich gefragt, warum überhaupt jemand die KI in einen Chat einladen sollte. Und genau die Frage stelle ich jetzt auch Michael: „Naja – bei Leuten wie Dir, die nicht so schnell um eine Antwort verlegen sind, wird das weniger passieren. Aber manchmal sucht jemand Hilfe um in einer bestimmten Art auf etwas zu antworten, was gerade diskutiert wird. Oder will schnell die Fakten haben, um in der Diskussion etwas beitragen zu können. Und durch ChatGPT oder CoPilot von Microsoft haben sich viele Menschen daran gewöhnt eine KI sowas für sich formulieren oder suchen zu lassen. Und genau das tun sie dann, wenn sie erstmal wissen dass das geht auch direkt in so einem Chat.“

Es kann auch sein, dass ich ein Mitglied der Gruppe, das kein Muttersprachler ist Sachen übersetzen lässt und so weiter. „Aber – auch da gibt es ein Missverständnis – die KI liest dann, nach allem was ich dazu gefunden habe nicht den gesamten Chatverlauf, sondern nur das wo sie aktiv mit adressiert wurde oder das was man ihr konkret zu lesen gibt. Nicht einfach den ganzen Chatverlauf!“, erläutert Michael.
Das klingt aber nicht gerade bequem, finde ich. Man braucht Copy und Paste oder muss konkret sagen @Meta oder „Fass mir die letzten drei Nachrichten von X und Y zusammen“ usw. Michael stimmt zu: Bequem ist anders. Und wir Beide denken, dass sich diese Art der Einstellung vielleicht mal ändern könnte. Im „Sinne der Nutzer“, um es mit Meta zu formulieren. Aber auf Kosten der Privatsphäre. Also: Passt auf, was da so als „Features“ kommt. Wir tun es auf jeden Fall hier auch. Aber lasst Euch nicht sofort in die Panik jagen, wenn eine „Warnmeldung“ auftaucht. Schon gar nicht, wenn da steht, man soll die sofort weiterleiten.
Der eigentliche Ärger: Nicht die KI, sondern die Panik-Maschine
Was Michael und mich an solchen Nachrichten wirklich ärgert, ist nicht, dass Menschen besorgt sind. Die Sorge ist verständlich. KI-Themen entwickeln sich schnell, Meta ist nicht gerade für überbordende Transparenz bekannt, und das Vertrauen in Tech-Konzerne ist – zu recht – nicht grenzenlos.
Was uns nervt, ist das Mechanische daran, dass es so leicht macht. Der Kettenbrief funktioniert nach demselben Prinzip wie die Fax-Paniken der 90er. Wie die SMS-Viren der Nullerjahre. Wie der Prinz verschickt-Geld-E-Mails. Ein Körnchen Wahrheit. Ordentlich aufgeblasen. Ausrufezeichen. Und dann die magische Formel: „Bitte sofort weiterschicken.“
„Das Gemeine“, sagt Michael, „ist dass der Mechanismus ausgerechnet bei den Menschen am besten funktioniert, die am ehesten Hilfe beim Thema Datenschutz gebrauchen könnten. Die, die ich in meinen Veranstaltungen treffe, wollen das Richtige tun. Sie wollen sich schützen. Und dann kommt so ein Kettenbrief mit einer einfachen Anleitung daher – und der fühlt sich an wie Hilfe. Dabei ist er meistens das Gegenteil.“
Das trifft es ziemlich genau. Und deshalb ist das Schlimmste an solchen Nachrichten nicht Bosheit – sondern Panik, die sich selbst verstärkt.
„Was sagst du denen in deinen Veranstaltungen, wenn so ein digitaler „Kettenbrief“ auftaucht?“, frage ich Michael.
Er überlegt kurz. „Ich frage sie, ob sie die Information aus der Nachricht irgendwo überprüft haben. Stille. Dann erkläre ich, wo man das kann. Das ist eigentlich der wichtigste Schritt – nicht das Aktivieren einer Einstellung, sondern das kurze Innehalten vor dem Weitertippen.“
Eine Webseite wo man solche und andere Internetgerüchte prüfen kann haben wir für Euch als Tipp:

Was ihr jetzt wirklich tun solltet – der Digisaurier-Überlebenstipp
Keine Panik. Aber ein paar konkrete Dinge sind vielleicht wirklich sinnvoll:
Prüft, ob Meta AI in WhatsApp bei euch auftaucht. Das blaue Icon unten in der App zeigt es. Wenn ihr es nicht nutzen wollt – ignoriert es einfach. Nur wenn ihr @Meta eintippt oder das Icon antippt, hört es zu.
Aktiviert „Erweiterter Chat-Datenschutz“ in Gruppen, in denen sensible Themen besprochen werden. Sinnvoll? Ja. Alles andere ist Ermessensache. Es macht auch Sinn die Gruppenmitglieder über diese Einstellung zu informieren. Dann wissen alle Bescheid – und bombardieren euch nicht mit solchen Panik-Nachrichten.
Den Kettenbrief bitte nicht weiterleiten. Dafür könnt ihr stattdessen diesen Artikel in die Gruppe schicken. Das ist mehr im Sinne aller Beteiligten – und der einzige „Klick“, der hier wirklich weiterhelfen kann. Wir haben Euch am Ende als Service eine kurze Zusammenfassung geschrieben, die ihr an besorgte Gruppenmitglieder per WhatsApp schicken könnt. Einfach mit Copy & Paste nutzen, wenn ihr wollt.
Widersprecht dem KI-Training auf Facebook und Instagram – auch wenn die große Frist vom 26. Mai 2025 vorbei ist. Für alles, was ihr ab jetzt noch postet, lohnt sich der Widerspruch immer noch. Die Linkszu unserem Artikel dazu findet ihr oben.
Und wer jetzt trotzdem den Impuls verspürt, diese WhatsApp Kettenbrief-Nachricht mit „SOFORT AN ALLE!!!“ in zehn Gruppen zu schicken: Der Herr aus Michaels Veranstaltung hätte sie ausgedruckt. Mit einem Textmarker für die wichtigen Stellen. Gut gemeint. Wirklich. Aber vielleicht doch lieber diesen Link oder unsere Zusammenfassung schicken.
Habt ihr den Kettenbrief auch bekommen? Aus wie vielen Gruppen? Und habt ihr den Widerspruch bei Meta rechtzeitig eingelegt – oder habt ihr das auch erst jetzt gelesen? Schreibt’s in die Kommentare.
Die Infos zum Thema basieren auf Recherchen zur Meta-Datenschutzdokumentation, Berichten der Verbraucherzentrale NRW, Mimikama und netzpolitik.org sowie dem Urteil des OLG Köln vom Frühjahr 2025.
Und hier der versprochene Text, den ihr als Copy & Paste in Eurer WhatsApp Gruppe teilen könnt:
Liebe Gruppe, nein – ihr müsst nicht die WhatsApp‑Gruppe umstellen und die KI liest eure Nachrichten nicht mit. Nicht heute und nicht ab Samstag. Hier ein paar Fakten:
- Meta AI (die KI in WhatsApp) sieht eure Chats nur, wenn ihr sie aktiv einschaltet – zum Beispiel mit „@Meta AI“ oder wenn ihr eine Nachricht ausdrücklich an sie weiterleitet.
- Es gibt keinen „Stichtag“, an dem plötzlich alle Chats automatisch von der KI gelesen werden. Das ist ein Kettenbrief und so nicht richtig.
- Eure normalen WhatsApp‑Chats bleiben Ende‑zu‑Ende‑verschlüsselt. Das heißt: Weder Meta noch die KI können einfach so alles mitlesen.
- Der „Erweiterte Chat‑Datenschutz“ ist eine Zusatzfunktion:
– Er verhindert, dass Meta AI direkt in diesem Chat genutzt wird.
– Er blockiert den Export des Chats und das automatische Speichern von Bildern/Videos.
– Er macht aber aus euren Nachrichten keinen unknackbaren Super‑Safe: Screenshots und manuelles Kopieren sind weiter möglich. - Das eigentliche Risiko ist weniger „die KI liest heimlich mit“, sondern dass Menschen selbst zu viele Inhalte an KI‑Dienste oder andere Apps weitergeben. Also lieber nachdenken, was man teilt – nicht panisch jeden digitalen Kettenbrief weiterleiten.
Wenn ihr das Thema genauer nachlesen wollt, findet ihr eine ausführliche, verständliche Erklärung bei den Digisauriern auf www.digisaurier.de.
Und hier noch das Original-Bild für alle Retro-Fans. Aus diesem Bild habe ich unser Titelbild für diesen Beitrag gemacht. Und übrigens: Nachdem die Rotweinflasche nun doch halb leer geworden ist – dieser Geruch nach Waldbeeren ist einfach unwiderstehlich – fällt mir ein, warum diese „Kettenmail“ in WhatsApp doch auch was gutes hat: Sie sorgt zumindest dafür, dass Leute sich dann mal mit dem Thema Datenschutz beschäftigen, die es bisher vielleicht nicht getan haben. Prost!
