Shiraz Shivji über dem Silicon Valley

Computerhelden (2): Shiraz Shivji – der Mann, der uns den Atari ST schenkte

Er liebte schnelle Autos. Und deshalb liebte er die deutsche Autobahn. Wann immer er bei Data Becker in Düsseldorf zu Besuch war, bat Shiraz Shivji darum, mit einem möglichst schnellen Wagen ein bisschen über deutsche Autobahnen rasen zu dürfen. Natürlich tat ihm Dr. Achim Becker, immerhin Sohn von Auto Becker mit Zugriff auf so ziemlich die heißesten Karren, die es damals gab den Wunsch. Schließlich wäscht eine Hand die andere, und so kam es, dass die Data Welt, deren Chefredakteur zu sein ich in jenen Jahren die Ehre hatte, viele Informationen rund um den Atari ST ein bisschen früher hatte als die anderen Computerzeitschriften. Das lag nicht nur an Shiraz‘ Vorliebe für viel PS, sondern am besonders innigen Verhältnis zwischen dem „Doc“ und Atari-Boss Jack Tramiel. Den zu interviewen behielt sich Dr. Becker immer selbst vor. Uns blieben die Entwickler, und ich hatte mehrfach das Vergnügen, mich mit Shiraz Shivji unterhalten zu dürfen.

Der Mann mit indischen Wurzeln, der in Tansania geboren wurde, aber in den USA aufwuchs, gilt vielen als der Vater des Atari ST, so wie ihn viele auch für den wesentlichen Entwickler des Commodore 64 halten. Beides ist nicht ganz richtig, denn Shiraz war von der Ausbildung her Ingenieur für Elektrotechnik, also weder Hard-, noch Softwareentwickler. Aber jeder, der ihn persönlich kennengelernt hat, war von seinen menschlichen Qualitäten begeistert. Shiraz Shivji ist ein warmherziger, freundlicher Mann, der ein Team zu motivieren weiß und in der Lage ist, rasch klare Entscheidungen zu treffen. Und das war in jenen frühen Jahren der persönlichen Computer mindestens so wichtig wie technische Expertise.

Shiraz Shivji ca. 1986 am Arbeitsplatz bei Atarai
Shiraz Shivji ca. 1986 am Arbeitsplatz bei Atarai
Schon ab 1978 hatte er sein berufliches Schicksal aufs Engste mit dem Wirken von Jack Tramiel verbunden, den er aufrichtig bewundert – was man immer feststellen konnte, wenn man beide gemeinsam erlebte. Über das Thema Taschenrechner war er zu Commodore gekommen, wo er aber bald in das Team kam, das am PET werkelte und den VC20 entwickelte. Mir erzählte er einmal, dass die Entwicklung eines Computers damals vor allem eine Fleißarbeit war, weil praktisch das komplette Debugging von Hard- und Software manuell durchgeführt werden musste. Im Klartext: Jedes einzelne Bauteil, jede Baugruppe, alle Schnittstellen und das gesamte Betriebssystem wurde Stück für Stück von Ingenieuren getestet. Fehler wurden händisch per Kugelschreiber auf Papier dokumentiert und dann in Meetings gemeinsam diskutiert. Dass es unter solchen Bedingungen überhaupt möglich war, ein System wie den Atarai ST von Grund auf in nur fünf Monaten zu entwickeln, erstaunt heute mehr als je zuvor.

Der Weg zum Atari ST

"Die "Monterey Group", die bei Digital Research GEM für den ST portierte
„Die „Monterey Group“, die bei Digital Research GEM für den ST portierte
Tatsächlich übernahm Jack Tramiel mit seinen Söhnen am 2. Juli 1984 die Firma Atari und setzte Shiraz Shivji, der ihm wie insgesamt sechs weitere Ex-Commodore-Ingenieure gefolgt war, zum Direktor für Forschung und Entwicklung. Außerdem stattete er ihn mit dem Auftrag aus, bis zur CES im Januar 2015 einen waschechten 16-Bit-Computer zu entwickeln, der besser als alle anderen Homecomputer, so benutzerfreundlich wie ein Apple Macintosh sein sollte, aber zu ähnlichen Preisen wie der Commodore 128 anzubieten sei. Auf diese Idee hatte übrigens Sohn Leonard den Papa Tramiel gebracht. Shiraz berichtete Ende der Achtziger Jahre, dass er und das legendäre Neuner-ST-Team exakt am 5. Juli begannen, die Spezifikationen zu diskutieren, die Leonard am 11. Juli vorgelegt und von ihm und seinem Vater abgesegnet wurden. Da gab es auch schon eine Skizze vom zukünftigen Gehäuse, dessen Aussehen ebenfalls schon im Juli 1984 feststand. Man habe dann Entscheidungen zu allen möglichen Bauteilen getroffen, und die Einkaufsabteilung habe dann nach Lieferanten gesucht und gleich Deals mit denen vereinbart.

Shiraz berichtete weiter, dass das Team und er zwischen Anfang August und Weihnachten 1984 sechs Tage die Woche täglich mindestens zehn Stunden gearbeitet haben. Er selbst habe sogar Silvester im Büro verbracht und einfach weitergearbeitet, während draußen das Neujahrsfeuerwerk lief. Nachdem der Prototyp auf der CES vorgestellt worden war und große Begeisterung ausgelöst hatte, kümmerte sich Shiraz um die Bedingungen für die Produktion – jetzt nur noch an fünf Tagen die Woche. Schließlich wurde er zum wesentlichen ST-Missionar, der ab Mitte 1985 ein Jahr lang fast ununterbrochen weltweit auf Achse war, um Computerfreaks vom Atari ST zu überzeugen.

Atari TT, der ST-Nachfolger, an den Shiraz Shivji nicht glaubte
Atari TT, der ST-Nachfolger, an den Shiraz Shivji nicht glaubte
Der Atari TT war dann das zweite Projekt, das Shiraz Shivji federführend begleitete. Aber schon ab 1986 gab es zunehmende Unstimmigkeiten zwischen ihm und Leonard Tramiel über die Zukunft des persönlichen Computers und wie Atari darauf reagieren sollte. Leonard und sein Vater dachten in der Kategorie „schneller und mehr“ – auch weil sie von der IT-Technik wenig Ahnung hatten, dafür aber Meister der Vermarktung waren. Shiraz hatte dagegen eine Vorstellung davon, wohin die Reise gehen würde, durfte daran aber bei Atari nicht arbeiten. Wie große die Konflikte kurz vor seinem Ausscheiden 1990 wirklich waren, ist nicht überliefert. Und sicher sind Shiraz‘ Lippen in diesem Punkt auch versiegelt, weil er ein sehr loyaler Mensch ist und nicht zum Nachkarten neigt.

Die Momenta-Jahre und danach

Der Momenta Pen Computer von 1991 - Shiraz Shivjis Lieblingskind
Der Momenta Pen Computer von 1991 – Shiraz Shivjis Lieblingskind
Leider traf ich ihn nach seiner Zeit bei Atari nur noch einmal im Rahmen einer Roadshow zu seinem Lieblingskind, dem Momenta Pen Computer, in London. Wieder war er ganz Missionar und versuchte die zwei Dutzend anwesenden Experten und Journalisten vom Stiftcomputer zu überzeugen. Die Zeit war 1991 offensichtlich noch nicht reif, und der mitgebrachte Prototyp erwies sich als nicht funktionsfähig. Aber Shiraz glaubte ans Pencomputing und an sein Projekt. Und zwar so sehr, dass er mit einem Drittel der Anteile an der Firma Momenta beteiligt war. Ja, es gab dann tatsächlich einen Computer von Momenta, aber der wurde zum schlimmen Flop – vielleicht weil sich keine Softwareentwickler fanden, die stiftgesteuerte Anwendungen für die dicke Kiste bauten. Jedenfalls ging Momenta 1993 oder 1994 pleite, und Shiraz Shivji verlor dabei einen großen Teil seines Vermögens.

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Das „projection keyboard“ von Canesta, Shiraz Shivjis letzter bekanntern beruflichen Station
Von diesem Zeitpunkt an verliert sich seine Spur ein bisschen. Gelegentlich taucht er bei IT-Unternehmen als Mitarbeiter auf, aber oft nur für weniger als ein Jahr. Anfang der Nullerjahre finden wir ihn bei Canesta, einem mit viel Risikokapital ausgestatteten und schwer gehypten Startup, das über ein Patent für die Darstellung und Auswertung von 3D-Bildern verfügte und eine 3D-Tastatur entwickelte. 2010 wurde Canesta von Microsoft gekauft; das „projection keyboard“ wurde Realität, und Kinect für die Xbox One basiert unmittelbar auf Canesta-Technologien. Welche Rolle genau Shiraz Shivji dabei gespielt hat, ist genauso unklar wie die Frage, was er heute so treibt; seit etwa 2005 findet man keine Erwähnung seines Namens im Umfeld aktueller Entwicklungen mehr. Ob der 1947 geborene Mann vielleicht schon in Rente ist, entzieht sich meiner Kenntnis.

Im Internet findet man tatsächlich nur ein winziges Stück Video mit Shiraz Shivji – eine fast nicht zu erkennende Aufzeichnung eines TV-Berichts von 49 Sekunden Länge; anfangs spricht Leonard Tramiel, die letzten 12 Sekunden sind dann Shiraz vorbehalten:

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