Der legendäre Vobis-Denkzettel (Screenshot)

Fast vergessen (9): Was wurde eigentlich aus VOBIS?

Überraschung! Vobis gibt es immer noch. Aber wie… Geschrumpft auf aktuell sechs Filialen – ausschließlich in Berlin und den neuen Bundesländern. Das war mal ganz anders. Erstens war Vobis in vielen, vielen Städten überhaupt die einzige Einkaufsquelle für Homecomputer, PC und Zubehör, und zweitens war dieses Unternehmen einst so groß, dass Chef Theo Lieven kurz einmal nach der Weltherrschaft griff – Mit-Digisaurier Christian Spanik hat vor sieben Jahren ein wunderbares Stück dazu geschrieben.

Geboren wurde Vobis 1975 als VERO GmbH von zwei Mathematikstudenten der RWTH Aachen, schlicht und einfach, weil es galt den Hunger der Kommilitonen nach den damals aufkommenden wissenschaftlichen Taschenrechnern zu befriedigen. Nur ein paar Jahres später erwies sich Mitgründer Theo Lieven, übrigens ein begnadeter Pianist, als eine der großartigsten Unternehmerpersönlichkeiten einer neuen Branche. Im Klartext: Lange bevor andere Computerfreaks auf die Idee kamen, Läden zu eröffnen und Firmen zu gründen, war die Vobis Data AG – so hatten sie die Vero 1981 umbenannt – schon da.

In Düsseldorf gab es eine Filiale im Stadtteil Mörsenbroich am Heideweg. Der Laden war im Erdgeschoss eines Wohnkomplexes untergebracht, fernab der City mit den Kaufhäusern und Shopping-Meilen, in der Nachbarschaft nur Supermärkte und Bäckereien. Da wollte ich meinen ersten kleinen Computer kaufen, einen ZX81 von Sinclair. Irgendwie war mir ein sogenannter „Merkzettel“ in die Hände gefallen, mit dem Vobis den kleinen mit den Radiergummitasten für schlappe 79 D-Mark bewarb. Da ich noch skeptisch war, was diese ganze Computerei anging, dachte ich mir: Für die paar Mäuse kannste nix falschmachen.

Der Laden war ein Wunderland, der mich beim ersten Besuch überforderte. Also nahm ich mir einen Sinclair-Karton vom Stapel, marschierte zur Kasse, zahlte, und machte mich schnell davon. Tatsächlich wurde ich so etwas wie ein Stammkunde, weil es in den folgenden Wochen öfters Bedarf an Speicherweiterung und Kassetten mit Programmen gab. Die fand ich in diesem Laden mit der unmöglichen Adresse. Über die folgenden fünfzehn Jahre hinweg habe ich dann praktisch alle zwölf Monate einen neuen PC bei Vobis gekauft, Zubehör sowieso.

Christian Spanik und Theo Lieven (Foto: C. Spanik)
Christian Spanik und Theo Lieven (Foto: C. Spanik)

Auf dem Höhepunkt des Weltruhms betrieb die 1991 in eine AG umgewandelte Firma fast 800 Filialen in elf Ländern und rühmte sich, dass mehr als die Hälfte aller deutschen Haushalte ihren ersten PC bei Vobis gekauft hat – um der Wahrheit die Ehre zu geben: mehr als 50 Prozent der Haushalte, die bis 1996 einen PC angeschafft haben. Ausgangspunkt für dieses irrwitzige Wachstum war die unternehmerische Entscheidung Theo Lievens, den Handelsriesen Metro AG an der Firma zu beteiligen. Damit hatte Vobis – im Gegensatz zu den anderen deutschen Computerhändler – dauerhaft genug Kapital im Rücken, den Markt nach Strich und Faden zu erobern.

Die zweite kluge Entscheidung des TL: Sehr, sehr früh auf den PC, also den sogenannten „IBM-Kompatiblen“ mit MS-DOS als Betriebssystem zu setzen. Als es unter den Freaks und Hobbyisten noch hieß, so ein PC, der sei was für Bürohengste, standen schon Geräte aller Größen in den Filialen, und – dies gewusst aus eigener Anschauung – nur bei Vobis gab es die ersten tragbaren Kompatiblen. Dabei war die Firma bis zum Bau der ersten eigenen Rechner der Marke Highscreen nicht die Bohne markentreu. Kam in den USA eine interessante Kiste zu bezahlbaren Preisen auf den Markt, gab es sie bald auch bei Vobis.

Der Vobis Colani-PC: Biomorpher Rechner - so einen hatte ich zwischendurch auch mal (Foto: Vobis)
Der Vobis Colani-PC: Biomorpher Rechner – so einen hatte ich zwischendurch auch mal (Foto: Vobis)

Und dann Highscreen. Man muss dazu sagen, dass es um 1990 keine Raketenwissenschaft war, eigene MS-DOS-Computer bauen zu lassen, denn vor allem in Taiwan gab es Hunderte Computerschmieden, die das Innenleben einer solchen Kiste nach Kundenwunsch zusammenkauften und mehr oder weniger durchgehend zusammenbastelten. Das Gehäuse war dann das kleinste Problem, wobei die vielen Dutzend Kleinstanbieter durch die Bank zu Standardkästen griffen, durchweg in Rentnerbeige, praktisch, aber hässliche. Nun ist Theo Lieven auch Ästhet. Und das brachte ihn auf die nächste epochale Idee: Lass das Gehäuse von einem renommierten und/oder publikumsweit bekannten Designer entwerfen.

Und DER deutsche Designer, den die Deutschen alle kannten, war er sich gern im Fernsehen zeigte, war Luigi Colani. Der hatte sich darauf spezialisiert, allem, was nicht bei Drei auf dem Baum war, eine quasi biomorphe Gestaltung zu verpassen – Hauptsache keine Ecken und Kanten. Der Colani-PC der Marke Highscreen von Vobis war der Hit! 1993 konnte man das rundliche Ding in den Medien rauf und runter sehen, und dann wurde er 1994 noch von der Chip, dem Flaggschiff der deutschen Computerzeitschriftenlandschaft, zum PC des Jahres gewählt.

Theo Lievens Buch
Theo Lievens Buch

Der Himmel war die Grenze: Vom Logistikzentrum in Würselen bei Aachen aus flutete Vobis den Markt. Dabei waren die Highscreen-Kisten nicht einmal die billigsten, dafür aber so vorkonfiguriert, dass jeder DAU („dümmste anzunehmende User“) von Null auf Hundert mit der Computerei durchstarten konnte. Lieven und seine Bande hatten so um 1992 herum auch erkannt, dass Hardware nicht mehr die Hauptrolle spielte, sondern Betriebssysteme und Benutzeroberfläche. Man setzte volle Kann auf Microsoft Windows. Kenner wissen, dass dieses GUI ungefähr ab der Version 3.1 (erschienen 1992) halbwegs brauchbar war. Genau dieses System passte zur Vobis-Philosophie, Otto und Liese Normalverbraucher:in den Einstieg in die PC-Welt so einfach wie möglich zu machen.

Vobis wurde zu einem der weltweit größten Lizenznehmer von Microsoft Windows. Aber Theo Lieven – das ist der Inhalt von Christians Story – erkannte, wieder als einer der Ersten, dass die Quasi-Monopolstellung der Bill-Gates-Bude für die Entwicklung des PC-Marktes nicht gut war, denn auch Vobis litt schon um 1991 herum unter den Zicken der MS-DOS-Bastler. Deren Betriebssystem war in die Jahre gekommen, Windows verdeckte manche Schwächen notdürftig, Updates verzögerten sich oder waren annähernd unbrauchbar. Also ging Lieven hin und ließ auf den Highscreen-Kisten mal eben OS/2 vorinstallieren, dass von Mister Gates gar nicht für Consumer-PC vorgesehen war.

Es kam zu einem Rechtstreit, der dann beigelegt wurde, weil Microsoft erkannte, dass es nicht gut sei sich mit einem zwar nur in Europa aktiven, aber sehr, sehr großen Hersteller und Händler anzulegen. Okay, man kann die Historie der Streitigkeiten zwischen Vobis und Microsoft auch ein wenig anders darstellen, aber ungefähr so war es. Warum genau Theo Lieven die Nase voll hatte, darüber hat er nie erschöpfend Auskunft gegeben – warum auch? Jedenfalls verkaufte er 1996 die restlichen Anteile an die Metro und zog sich ins Privatleben zurück. Im hohen Alter von beinahe fünfzig Jahren absolvierte er ein BWL- und VWL-Studium an der Fernuni Hagen, und als es dem Traditionsverein Alemannia Aachen so schlecht ging, dass ihre Existent bedroht war, leitete Lieven für ein paar Monate den Club und führte ihn durch die Krise.

Über weitere Aktivitäten gab und gibt es immer mal Gerüchte – zum Beispiel, dass er sein Pianospiel durch intensives Trainieren bei renommierten Lehrer:innen perfektioniert habe. Fakt ist, dass er Mitgründern der International Piano Academy Lake Como und später die nach ihm benannte, Internationale Klavierstiftung Theo Lieven zu Hamburg gründete. Sein 2000 erschienenes Buch „Unternehmen sein heißt frei sei“ ist ein noch heute lesenswertes und flammendes Plädoyer für das Unternehmertum, wobei er – und dies aus Erfahrung und Beobachtung des Marktes, in dem er tätig war – klar zwischen Unternehmern und Managern unterscheidet. So erklärt sich der Erfolg, aber auch der Niedergang einst großer Firmen … eben auch der Vobis AG.

Dass das Kerngeschäft mit Ready-to-use-PCs irgendwann schrumpfen würde, muss Theo Lieven erkannt haben, denn sein Ausstieg fällt in die Zeit, in der ALDI & Konsorten massenhaft Billig-Maschinen verscherbelten und durch die gewaltigen Stückzahlen der taiwanesischen Massenware alle Preise unterbieten konnten. Treppenwitz dieser Geschichte ist, dass es die Metro es nicht schaffte mit Vobis dagegenzuhalten und der Essener Anbieter Medion dank Aldi beinahe die ehemalige Vobis-Rolle übernehmen konnte. 1999 begann die Metro Vobis zu zerschlagen, die Mehrzahl der Filialen verschwand, die Auslandsaktivitäten wurden eingestellt. Und im Jahr 2000 wurde die Vobis AG abgewickelt. Der Name überlebte. Decken wir den Mantel des Schweigens über das teils würdelose Spiel der Jahre ab etwa 2008, der zu dem traurigen Zustand führte, in dem Vobis nun ist.

Eine Anekdote habe ich noch. Es muss so um 1988 herum gewesen sein. Damals galt die Systems in München noch als Leitmesse der Branche. Über die Jahre hatte sich eine kollegiale „Feindschaft“ zwischen den Computerjournalisten der in München und Umgebung beheimateten Verlage und den Düsseldorfer Schreibern. Die Systems galt für die Münchner Bande als Heimspiel. Die Rheinländer hatten sich als selbstironisch „Düsseldorfer Daten-Mafia“ genannte Gruppe zusammengetan und wollten den Münchner eins auswischen. Und so fand in jenem Jahr die beste Party der Messe in einer seinerzeit total angesagten Disco in Schwabing statt, eingeladen hatte die Düsseldorfer Daten-Mafia, finanziert hatte das Ganze… genau: Theo Lieven.

2 Gedanken zu „Fast vergessen (9): Was wurde eigentlich aus VOBIS?“

  1. Schöne Geschichte.
    Kleine Korrektur am Rande: Der ZX81 hatte eine grauenvolle Folientastatur, die „Radiergummitastatur“ hatte erst der Nachfolger, der ZX Spectrum.

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