Helium - schöner Name, hat aber nichts mit Ballons zu tun... (Foto: pixabay.de)

Helium, das IoT-Netzwerk: Zukunftstechnologie, Hype oder gar Betrug?

Wenn dieser Tage etwas durch die Medien rauscht, das mit einem ganzen Cocktail an Buzzwords versehen ist, ist zumindest Skepsis angesagt. Bei Helium, das die Macher großspurig „The People’s Network“ nennen, werden Begriffe wie „Internet of Things“ (IoT), 5G, Blockchain und Kryptowährung gleich auf einmal durch die Tasten gejagt. Verschärfend kommt hinzu, dass vor allem die Dutzenden an Websites rund um Krypto, die gelegentlich auch Absender von Spammails sind, die neue Sau am heftigsten durchs Dorf treiben. An seriösen Quellen tun sich lediglich die englischsprachige Wikipedia und das Forbes-Magazin hervor. Dass Shawn Fanning, der Mann, der seinerzeit mit Napster stinkreich geworden ist, zu den Gründern zählt, macht die Sache nicht einfacher. Grund genug, sich dieses funkbasierte, plattformunabhängige Peer-to-Peer-Network einmal genauer anzuschauen.

Besonders visionäre Glaskugelleser raunen bereits eine freie Alternative zum Internet herbei, das nicht unter der Kontrolle der staatlichen Regulierer und der Großkonzerne steht. Wer denkt dabei nicht an die Anfangstage des World Wide Web, als libertäre Digital-Hippies unter dem Motto „Information will frei sein“ von einem friedliche Netz voller kostenlosen Contents für alle träumten. Damit hat Helium so wenig zu tun wie mit dem sogenannten „Darknet“, das mit dem Begriff „Deepnet“ besser beschrieben ist. Denn der Begriff IoT steht im Zentrum des Helium-Konzepts.

Sehr simpel ausgedrückt handelt es sich bei IoT um den Datenaustausch zwischen Geräten – zum Beispiel zwischen einem Sachenfinder wie einem Apple AirTag oder einem Tile und einem Smartphone. Mit Helium, so die Vision, bräuchte der Finder nicht mehr das Internet zu bemühen, um zu vermelden, wo sich der Hund, das Auto, der Schlüssel oder der Geldbeutel gerade befindet, sondern könnte die Info direkt über das IoT-Netz ans Handy liefern. Das gebuchte Datenvolumen würde nicht angegriffen, denn Helium ist in der Nutzung frei wie Freibier.

Auch eine Art Peer-to-Peer-Netzwerk (Foto: pixabay.de)
Auch eine Art Peer-to-Peer-Netzwerk (Foto: pixabay.de)

Das soll durch ein Peer-to-Peer-Netzwerk auf 4G-Basis (demnächst angeblich auch 5G) erreicht werden, in dem die Daten von Knoten zu Knoten weitergereicht werden. Jetzt kommt’s: Solche Knoten sollen (und werden bereits) von lauter Ottos Normaluser betrieben, die einen speziellen Router mit passender Antenne an ihrem häuslichen Wlan betreiben. Damit auch dieses Kind einen Namen hat, sprechen die Helium-Leute von einem Long Range Wide Area Network, abgekürzt: LoRaWAN. Eine gar nicht so schmale Palette an passenden Routern ist schon auf dem Markt, führend sind zurzeit die Marken Bobcat und SenseCap. Die Dinger kosten irgendwas zwischen rund 500 und etwa 1.200 Euro; die obligatorischen Antennen werden für etwa 30 bis 90 Euro angeboten. Zusammen bilden sie einen Helium-Hotspot; Stand jetzt (Juni 2022) sollen weltweit bereits über 750.000 solcher Hotspots laufen.

Dieser Begriff passt ganz gut, denn die Kombi aus Helium-Router, heimischen Wlan und Antenne funktioniert ähnlich wie ein öffentlicher Wlan-Hotspot: IoT-Devices können sich über einen solchen Hotspot mit dem Helium-Netz verbunden und fröhlich Daten austauschen. Die Helium-Jungs verweisen gern auf den E-Scooter-Anbieter Lime als 1a-Partner, der die Ortung seiner Roller über das Helium-Netz… ja, was? abwickeln soll. Lime selbst äußert sich öffentlich dazu nicht, aber ihr Unternehmen wird gern als Showcase genannt. Vielleicht besteht ja tatsächlich bereits eine Kooperation. Das gilt auch für die Hype-Firma Airly, die nach eigenem Bekunden weltweit die gute Luft im Blick hat. Die verkauft Sensoren, mit denen die Luftqualität gemessen werden kann – diese Empfänger sollen ihre Daten per Helium an zentrale Verarbeitungsgeräte liefern.

Ein Bobcat-Helium-Router samt Antenne (Foto: bobcat)
Ein Bobcat-Helium-Router samt Antenne (Foto: bobcat)

Wie gesagt: Es geht immer um das Internet der Dinge, also Sensoren, GPS-Empfänger, Kameras etc. pp, die Daten erzeugen, und Devices, die mit diesen Daten etwas anfangen können. Aktuell verbinden die sich in Smarthome-Entfernungen über das häusliche Drahtlosnetzwerk miteinander und draußen ganz klassisch über ihre IP-Adressen. Das funktioniert mittlerweile ganz gut. Die einzige Falle bei diesem Prinzip, und da setzt die Helium-Crew an, besteht darin, dass bei der Datenübertragung das Internet über das 4G- bzw. 5G-Netz benutzt wird und so kosten entstehen (und im Übrigen ganz schön Bandbreite gefressen wird). Ihre Lösung ist für die große Entfernung („Long Range“) gedacht.

Shawn Fanning wäre nicht Shawn Fanning, hätte er beim 2013 gegründeten Projekt, das seit 2019 aktiv ist, auch an die Finanzen gedacht. Warum, so die Grundfrage, sollte ein User sich Hardware für 1.000 Dollar hinstellen, wenn er persönlich davon nichts hat? Da kam ihm und seinen Kollegen das Thema „Kryptowährung“ gerade recht. Denn aus Sicht der Helium-Router-Besitzer helfen sie nicht ohne Gegenleistung fremden Firmen, sondern sie SCHÜRFEN Coins einer neuen Kryptowährung namens … genau: Helium! Deshalb waren und sind es auch besonders die Krypto-Freaks rund um den Globus, die eh schon mit Bitcoins, Ether und anderen Kryptowährungen hantieren, die auf den Helium-Zug aufgesprungen sind.

Geldverdienen ohne Arbeit? Na ja... (Foto: pixabay)
Geldverdienen ohne Arbeit? Na ja… (Foto: pixabay)

Und schon sind wir beim Thema Blockchain, denn jedes geschürfte Helium wird seinem Erzeuger in einer Blockchain gutgeschrieben. Und wie sich das für dieses Geldprinzip gehört, können Heliums gehandelt werden, wobei jede Transaktion in der Blockchain – wie es immer heißt – „fälschungssicher“ aufgezeichnet werden. In einem Punkt ist Helium als Kryptowährung sehr interessant und zukunftsträchtig: beim Energieverbrauch. Es hat sich ja mittlerweile herumgesprochen, dass das Proof-of-Work-Konzept (PoW) von Bitcoin bereits dermaßen viel Strom verbraucht, dass es einen ernsthaften Negativeffekt aufs Klima hat. Denn um ein neues Bitcoin zu schürfen, muss der Bewerber eine komplizierte, rechenintensive Rechenaufgabe lösen bzw. von seinem Computer lösen lassen, um so seinen Versuch, ein Bitcoin zu erschaffen, zu verifizieren. Dazu werden seit langem zweckentfremdete GPUs (Graphic Processing Unit, vulgo: Grafikadapter) genutzt, und zwar gern in Mining-Farmen, in den Abertausende solcher Stromfresser Dienst tun.

Ethereum dagegen stellt auf das Proof-of-Stake-Prinzip (PoS) um. Dabei setzen potenzielle Mitspieler eine Anzahl Ether ein (einen „Stake“), um sich um einen neuen Ether zu bewerben. Der Bieter mit dem jeweils höchsten Angebot kann den neuen Ether dann validieren. Um einen Stake zu bilden, muss der Bieter eine gewissen Anzahl Ether festlegen, kann mit ihnen also so lange nicht handeln bis der Validierungsprozess abgeschlossen ist. Im Prinzip funktioniert das Ganze ähnlich wie eine Ebay-Versteigerung. Auf diese Weise wird gegenüber dem PoW-Prinzip bis zu 99 Prozent Energie gespart.

Helium aber hat das Proof-of-Coverage-Prinzip erfunden. Dabei zählt werden die Rechenkapazität, noch die Menge eingesetzter Krypto-Münzen, sondern die abgedeckt und genutzte Reichweite des/der beteiligten Helium-Hotspots. Wer also einen solchen Hotspot aufsetzt, der dann auch genutzt wird, sammelt Heliums ein. Ziemlich simpel. Heißt aber auch: Die Pioniere des Helium-Netzwerk wetten mit dem Kauf und Betrieb ihres Hotspots darauf, dass es immer mehr Hotspots geben wird, die mit ihrem vernetzt sind und die von IoT-Dingern heftig genutzt werden, weil sie so Heliums anhäufen können. Und damit Heliums überhaupt geschürft und mit ihnen gehandelt werden kann, braucht es natürlich eine Blockchain, auf der alle existierenden Heliums und alle Transaktionen mit ihnen aufgezeichnet werden.

So wird ein Schuh daraus. Die Frage aber stellt sich, ob es überhaupt User außerhalb des selbsternannten Netzwerks der Leute (People’s Network) gibt, die gern Heliums erwerben wollen, weil sonst alles in der Familie bleibt und keinerlei Werte geschöpft werden. Stopp! Erste Anbieter von Helium-Routern lassen sich jetzt schon mit Heliums bezahlen, ja, ein Versender in den USA verkauft die Devices jetzt schon ausschließlich gegen Heliums. Und damit kommen wir in gefährliche Nähe von Kettenbriefen, Pyramidenspielen und dem, was man Ponzi-Schemes nennt.

Nachtrag: Die oben erwähnten Digital-Hippies haben inzwischen einen Traum vom freien Netz für alle Menschen, der deutlich weitergeht. Das soll, um es von irdischen Energiequellen unabhängig zu machen, über ein Netz von Satelliten laufen und eine Quantenverschlüsselung bietet. Nur die die Knoten im All und die nötigen Quantencomputer haben sie noch nicht…

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