Wie Christian schon vor 30 Jahren die Computer-Zukunft verstanden hat

Hannes-Chris-Amigazeit
Hannes und Christian in der Zeit der Amigabücher…

30 Jahre Amiga! Am heutigen Tag, dem 23. Juli, jährt sich die Weltpremiere von Commodores Multimedia-Computer. 1985 hatte Commodore die Künstler Debbie Harry (Frontfrau der Band „Blondie“) und Andy Warhol auf die Bühne des New Yorker Lincoln Center geholt, um die bahnbrechenden Fähigkeiten des Rechners der vorher von dem Heimcomputer-Hersteller aufgekauften Firma Amiga zu präsentieren. 1986 wurden dann die ersten Amigas in Düsseldorf bei Data Becker verkauft – das Beitragsbild zeigt Dr. Achim Becker und den Commodore-Chef Winfried Hoffmann. Bei dieser Veranstaltung hatten wir dann schon kräftig unser Finger drin. Denn für Christian und mich sollte der Amiga ein wichtiger Wegbereiter werden – auch wenn wir das im Sommer 1985 noch gar nicht so recht wussten.

Bild: Wikipedia, Kaiiv, CC BY-SA 3.0 de
Titelbild: Wikipedia, Kaiiv, CC BY-SA 3.0 de

Zu dieser Zeit waren Christian und ich um die 20 Jahre alt und hatten in den beiden Jahren zuvor unsere ersten Computer-Bücher und -Fachartikel zum Commodore 64 veröffentlicht. Ich war damals im wesentlichen damit beschäftigt, meine Zeit bei der Bundeswehr abzusitzen, Christian verdiente erstes Geld und erste Meriten als Werbetexter in Frankfurt. Beide waren wir noch längst nicht so gut in der Branche vernetzt, dass wir im Lincoln Center hätten dabei sein dürfen. Heute können wir – und Sie – uns die dortige Veranstaltung natürlich im Internet anschauen:

Aber Christian hatte es dank Standort-Vorteil Frankfurt und nach wie vor gutem Kontakt zur Firma Commodore geschafft, zumindest auf die Deutschland-Vorstellung des Amiga in die Alte Oper in Frankfurt eingeladen zu werden und der feierlichen, wenn auch etwas langatmigen, Präsentation durch TV-Star Frank Elstner zu lauschen:

Nach unseren ersten gemeinsamen Erfolgen als Fachautoren zum Thema Computer stellte sich für uns zu diesem Zeitpunkt recht deutlich die Frage „What Next?“.  Ein paar Wochen später sollten wir auf dem Data-Becker-Stand auf der Frankfurter Buchmesse Dr. Achim Becker treffen, der uns in die Autorenfamilie von Data Becker holen würde. Doch welches Projekt sollten wir dort als nächstes angehen?

Amiga-Zeiten
Impressionen aus dem Leben von Amiga-Autoren: Hannes auf dem Balkon in Düsseldorf. Schreibend auf einem NEC Laptop, Christian (spät nachts) auf der Suche nach inspirierender Musik. Eine Amiga-Kappe am Tag der Buchabgabe und dann die Arbeit am nächsten Buch: Amiga 2000…

Obwohl die überwiegend von deutschen Computer-Managern und -Experten getragene Vorstellung in Frankfurt es nicht ganz mit der Weltklasse-Liga aus New York aufnehmen konnte, kam Christian von dieser Abendveranstaltung einigermaßen geflasht zurück – was wir wohl am darauffolgenden Wochenende ausgiebig diskutiert haben müssen. Für mich war die Sache zu diesem Zeitpunkt keineswegs so klar. Auf Basis der technischen Daten und ersten Rezensionen in den damaligen Computer-Magazinen schien mir der Atari ST unterm Strich interessanter zu sein als der vermeintliche Spielcomputer Amiga. Mit seinem hochauflösendem Schwarzweiß-Monitor und dem vergleichsweise etablierten Betriebssystem GEM war der Atari doch deutlich näher am Apple Mac – den damals alle als das Nonplusultra betrachteten, den sich aber in unserer Sold- bzw. Gehaltsklasse niemand ernsthaft hätte leisten können.

Für Christian war das keine Frage – er sah im Amiga sofort den spannenderen, glamouröseren Ansatz. Für ihn war klar: Dieser Computer würde die Maschine werden, den eben nicht nur Hobbyprogrammierer, Ingenieure und Profi-Musiker interessant finden würden. Dabei spielten Argumente wie Multitasking-Betriebssystem, Grafik- und Sound-Koprozessoren und Ähnliches eine allenfalls untergeordnete Rolle. Für Christian war klar: der Amiga war Hollywood, der Atari eher Fachhochschule.

Ich war bis zu diesem Zeitpunkt gut damit gefahren, Christians Bauchgefühl zu Märkten und Strategien zu vertrauen und ließ mich von seiner Begeisterung überzeugen und anstecken. Hinzu kam überdies, dass Data Becker zum Atari ST schon jede Menge Autoren hatte – wohl nicht zuletzt, weil die meisten Computerfreaks und -schreiber ähnlichen Impulsen gefolgt waren wie ich beinahe auch. Für den Amiga hatten sich dagegen noch keine Autoren gemeldet – ideale Startbedingungen für die beiden Newcomer aus Frankfurt beziehungsweise Würzburg.

Amiga-Covers

So stand schon wenige Monate später eine Leihgabe eines Amiga 1000 auf dem Schreibtisch in meinem Jugendzimmer (erfreulicherweise war ich nach der Grundausbildung beim Bund „Heimschläfer“ – konnte mich also nach dem langweiligen Wehrdienst-Tag abends wirklich spannenden Themen widmen). Eine zweite solche Maschine stand in Christians Wohnung in Frankfurt. Und Christian und ich begannen mit den Arbeiten an unseren ersten Büchern zum Amiga. In Frankfurt entstand „Amiga für Einsteiger“, in Würzburg unser Lern- und Praxisbuch zu „Amiga BASIC“. Die Resultate waren unser Einstieg in unser Berufleben und haben dieses bis heute geprägt.

Und diese Weichenstellung hat uns alles andere als geschadet. Denn Christian sollte Recht behalten: Der Atari ST fand seine Anhängerschaft vor allem unter jenen, dies es mit der Computerei „ernst“ meinten. Viele seiner bis heute glühenden Verfechter landeten im nächsten Schritt beim IBM PC, wurden Netzwerk-Spezialisten, Server-Administratoren oder Webprogrammierer. Ohne den Komponisten und Grafikern unrecht tun zu wollen, die sich damals für den Atari entschieden – die Mehrzahl der bunten Vögel, Kreativen, Animationsdesigner, Videofilmer und angehenden Digital-Künstler kauften sich doch eher einen Amiga. Und wurden so unsere Leser, Kollegen, Gleichgesinnten. Die Moral von der Geschichte? Märkte und Visionäre kümmern sich nur bedingt um Betriebssystem-Konzepte und höhere Monitorauflösungen. Sie sehen eher das große Ganze und das, was in ein, zwei Entwicklungsgenerationen aus einer neuen Technik werden könnte. Das hat sich bis heute nicht geändert.

 

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