Das Ende der Prozessorleistung

Wann immer ein neuer Computer auf den Markt kommt, fragen wir uns: „Wie schnell ist er?“. Doch ist diese Frage noch zeitgemäß? Haben wir nicht schon genug Prozessorleistung, und ist es nicht an der Zeit, sich auf andere Eigenschaften der Computer zu konzentrieren? Digisaurier Martin hat da so seine eigenen Gedanken.

Wir sind gelernte IT-Journalisten. Wir haben es gelernt, auf Zahlen zu gucken. Nur leider ist aus dem Gucken ein Anstarren geworden. Wann immer ein neuer Computer – sei es das Surface Pro von Microsoft oder das neue Macbook Pro – auf den Markt kommt, zerpflücken wir die Specs, bis die Taktfrequenz qualmt.

Das rührt daher, dass sich in den späten 80ern und den 90ern des letzten Jahrtausends die Prozessor-Geschwindigkeiten enorm gesteigert haben. Jede neue CPU-Generation war eine Offenbarung. Mein erster XT lief mit einem 8 MHz-Prozessor, dem 8086, dann kamen 80286, der 80386 mit sagenhaften 33 MHz. Man denke nur an den Umstieg vom 486er auf den Pentium oder an die Zeit, als die Taktfrequenzen über die 1GHz-Grenze gesprungen sind. Was für ein langer und schneller Weg.

Wir haben genug Power

Und jetzt? Jetzt haben wir genügend Rechenleistung für die meisten Anwendungen. Mit Rechen-Power alleine kann niemand mehr Computer verkaufen.

Doch für mich ist der Punkt gekommen, an dem ich sagen kann: Mir reicht die Leistung. Mit meinem iMac kann ich prima Video schneiden, auch in 4k Auflösung. Ob das Video dann ein paar Minuten schneller oder langsamer heraus rechnet – egal. Mir reicht mein Rechner auch in den nächsten drei, vier Jahren sicher noch.

Genau da liegt aber das Dilemma der Branche: Das Rennen nach mehr Rechenleistung ist vorbei. Auch wenn sich viele Tech-Kollegen noch nicht von den Spezifikationen trennen können, etwas anderes hat längst die Führungsrolle bei Neuentwicklungen übernommen: Das User Interface. Wie können Computer und Menschen noch besser vernetzt werden? Da stellen die Unternehmen einiges in Frage, machen Vorschläge, probieren aus.

Ein Intel Core 2 Duo von 2005. War damals schon ziemlich flott.
Ein Intel Core 2 Duo von 2005. War damals schon ziemlich flott.

Es geht um das User Interface

Nehmen wir die Touchbar von Apple – sieht doch interessant aus. Ausprobieren konnte ich sie leider ebenso wenig wie den lustigen Interface-Knubbel von Microsoft, das Surface Dial. Oder nehmen wir die Bildschirme. Wer einmal an einem hoch auflösenden Bildschirm wie dem Retina-Display saß, dem kommen alle anderen Screens vor wie Pixelsuppe. Die hohe Auflösung erleichtert die Arbeit enorm. Das ist – für mich zumindest – wichtiger als reine Prozessor-Leistung.

Und wir müssen mit ausprobieren. Wird sich der Touch Screen auf Desktop Computern und Notebooks durchsetzen? Apple meint „nein“, Microsoft meint „ja“. Mir persönlich wäre es zu unbequem, auf meinem 27-Zöller herumzutappen. Aber da zählt nicht alleine mein Standpunkt. Der Markt wird das entscheiden.

Ebenso die Spracherkennung, die mit Cortana und Siri auf den Desktops gelandet ist. Wer braucht die? Und wer nicht? Ist Sprache wirklich so gut als Computer-Schnittstelle?

Überhaupt – werden wir vielleicht in ein paar Jahren ein Betriebssystem sehen, das alle Interfaces genial vereint. Vielleicht mit Sprachunterstützung für den Touchscreen? Wie auch immer das konkret aussehen mag. Ich bin gespannt.

Seit dem 80386 hat sich enorm viel in der Prozessor-Entwicklung getan. Doch der Geschwindigkeitszuwachs lässt nach.
Seit dem 80386 hat sich enorm viel in der Prozessor-Entwicklung getan. Doch der Geschwindigkeitszuwachs lässt nach.

Die Schnittstellen

Und noch eine zweite Baustelle liefert meiner Ansicht nach viel Potenzial: Die Datenschnittstellen. Wer einmal gesehen hat, wie 30 GByte Videomaterial auf eine USB-3-Festplatte kriechen, weiß, dass da noch viel Luft nach oben ist. Deswegen sind meiner Ansicht nach neue Schnittstellen so bahnbrechend wie USB-C mit bis zu 10 GBit/s oder Thunderbolt 3 mit satten 40 GBit/s. Dazu brauchen wir natürlich auch noch geeignete Speichermedien. Schnelle SSD-Medien, mit denen sich die Bandbreite auch nutzen lässt. Auch hier wird die Musik spielen. Denn die Datenmengen werden sicher nicht geringer.

Wir sollten das Blickfeld erweitern

Wir tun gut daran, uns vom Starren auf die Prozessorleistung zu lösen und das Blickfeld zu erweitern. Natürlich müssen wir nicht alles gleich kaufen, was Microsoft und Apple vorschlagen. Aber zumindest einmal wohlwollend betrachten und ausprobieren, bevor wir darüber urteilen. Denn beide Unternehmen versuchen, den Fortschritt in eine andere Richtung zu lenken – weg von der reinen Prozessor-Leistung.

Und das halte ich für eine gute Richtung.

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