Wikipedia ersetzt das Konversationslexikon

Die weltweit wichtigsten Websites (2): Wikipedia – das fröhliche Mitmachlexikon

Eher durch Zufall stieß ich im Herbst 2001 auf eine Website namens “Wikipedia” – und war sofort elektrisiert. Denn ähnlich wie der Erfinder des Mitmachlexikons im Internet zählte das Konversationslexikon im Bücherschrank meiner Eltern früh zu meiner Lieblingslektüre. Außerdem nennen mich viele Verwandte und Freunde einen Klugsch…, ähem, einen Besserwissen. Schließlich glaube ich an den Satz “Wissen ist Macht”. Und weil Wikipedia das Versprechen machte, das Wissen in den Köpfen von Millionen Menschen für jedermann verfügbar zu machen, sah ich das Projekt als geradezu typisch für die utopischen Verheißungen des Worldwide Web.

Wikipedia-Artikel schreibt man in einer speziellen Formatierungssprache
Wikipedia-Artikel schreibt man in einer speziellen Formatierungssprache
Natürlich wurde ich Mitglied kurz nachdem sich der deutschsprachige Arm der Internet-Enzyklopädie gebildet hatte. Per heute habe ich siebzehn Artikel ganz neu verfasst und bin an knapp 100 Beiträgen als korrigierender oder ergänzender Autor beteiligt. Das ist ja das Neue, das Besondere, das Faszinierende an der Wikipedia, dass nämlich jeder Mensch, der es sich zutraut, zum Wachsen und Blühen des Lexikons im WWW beitragen kann. Es genügt, sich zu registrieren und sich mit den Grundregeln der Mitarbeit sowie der speziellen Formatierungssprache vertraut zu machen.

Die Guten und die Bösen im Schwarm

Die Diskussionsseite eines Eintrags ist der Schlüssel zur Qualitätssicherung
Die Diskussionsseite eines Eintrags ist der Schlüssel zur Qualitätssicherung
In dieser Offenheit für das Wissen, Wollen und Tun des Schwarms liegt aber auch die große Schwäche der Wikipedia – und die hat das ganze Projekt schon mehrfach an den Rand des Abgrundes gebracht. Natürlich kann auch eine nicht so gutwillige Person schädliche Artikel einbringen oder sachlich richtige Artikel im Sinne von Propaganda, Desinformation und Fake News verunstalten. Das hat es schon gegeben, als die englischsprachige Wikipedia kaum 200.000 Einträge umfasste, erreichte seinen Höhepunkt um 2008 herum und ebbt bis heute nicht ab.

So sah die Startseite des Projekts im Jahr 2012 aus
So sah die Startseite des Projekts im Jahr 2012 aus
Dabei gibt es Kontrollinstanzen, die für die Qualitätssicherung zuständig sind. Kein neue*r Mitarbeiter*in der Wikipedia kann einfach machen, was sie/er will. Jede Änderung wird von ausgewählten Wikipedianern gesichtet und freigegeben, wenn es nichts zu beanstanden gibt. Allerdings lässt sich der Sichtungsprozess mit Geschick und ein bisschen “krimineller” Energie auch umgehen – z.B. indem man viele kleine Änderungen über die Zeit verteilt vornimmt. Meist fallen solche Verformungen erst Usern auf, die den entsprechenden Artikel aufgesucht haben. Sie können dann auf die Diskussionsseite, die zu jedem Eintrag gehört, gehen und ihrer Kritik veröffentlichen. Da alle Diskussionsseiten per Benachrichtigungen dauernd überwacht werden, fallen grobe Fälschungen relativ schnell auf. Die Wikipedia sauber zu halten, ist über alles gesehen ein Wettlauf mit der Zeit.

Ein sozialwissenschaftliches und ökonomisches Experiment

Über Wikimedia Commons kommen die Bilder in die Wikipedia-Artikel
Über Wikimedia Commons kommen die Bilder in die Wikipedia-Artikel
Reden wir vom Schönen und Erhabenen der WWW-Enzyklopädie, die sich Jimmy Wales schon Ende der Neunzigerjahre ausgedacht hat. Übrigens: Erst der Hinweis, das Lexikon mit der damals noch neuen Wiki-Technologie zu fahren, machte den großen Erfolg möglich. Für Wales (der demnächst auch Thema eines Beitrags aus der Reihe “Internethelden” sein wird) war und ist die Wikipedia ein Experiment mit sozialwissenschaftlichem und volkswirtschaftlichem Hintergrund, an der nachweisbar sein/werden soll, dass Menschen ohne staatliche Eingriffe große sozial relevante Projekte im Web stemmen können.

Die Wikipedia gibt es inzwischen in mehr als 200 Sprachen, Dialekten und Mundarten
Die Wikipedia gibt es inzwischen in mehr als 200 Sprachen, Dialekten und Mundarten
Die Größe der Wikipedia und ihrer Seitenprojekte ist atemberaubend. Im Sommer 2001, rund sechs Monate nach dem Start, enthielt die damals noch rein englische Version knapp 150.000 Artikel; 2012 waren es schon 3,9 Millionen sowie fast 1,4 Millionen Artikel in deutscher Sprache. Heute gibt es Wikipedia-Arme in mehr als 200 Sprachen, Dialekten und Mundarten; die Menge aller Einträge in allen Sprachen übersteigt inzwischen die 12-Millionen-Grenze deutlich. Übrigens: Artikel zum selben Stichwort in verschiedenen Sprachen sind nie bloße Übersetzungen, sondern immer eigenständige Versionen, die sich allerdings häufig an der englischen Variante orientieren.

Jede Menge quelloffene Inhalte

Das Projekt Wikipedia ist mehr als nur eine WWW-Enzyklopädie
Das Projekt Wikipedia ist mehr als nur eine WWW-Enzyklopädie
Neben der Enzyklopädie gibt es heute eine Reihe weiterer Services innerhalb des Wikipedia-Projekts. Am bekanntesten ist sich Commons Wikimedia, die Sammlung an quelloffenen Abbildungen. Wer einem Artikel ein Bild beifügen möchte, lädt es in dieses Wiki hoch, von wo aus dann per Link in den Beitrag eingefügt wird. Wichtig ist nicht nur an dieser Stelle das Stichwort “quelloffen”. Alle Inhalte aller Wikis innerhalb des Projekts folgen nicht den alten Copyright- und Urheberrechtsregeln, sondern fallen entweder unter eine Creative-Commons-Lizenz oder sind in der Public Domain. Das bedeutet, dass – Angabe der Quelle und der Lizenz vorausgesetzt – alles aus dem Wikipedia-Projekt ohne besondere Genehmigung und ohne Einschränkungen im Web zitiert werden darf.

Und so ist die Wikipedia immer noch mein täglicher Begleiter und Helfer in Fällen, in denen ich entweder etwas nicht weiß oder nicht sicher bin, ob ich mit meinem Wissen richtig liege. Und das gilt nicht nur für den Arbeitsalltag, sondern auch für viele Freizeitbeschäftigungen. Klassischer Fall: Wir schauen uns einen Film an und wollen wissen, in welchen Streifen diese eine Schauspielerin noch aufgetreten ist – Wikipedia weiß es. Und weil Millionen Wikipedia-Mitstreiter vor allem auch Einträge zu Themen ihrer Hobbies beigetragen haben, weiß die Internet-Enzyklopädie über Dinge Bescheid, die es nie in ein klassisches Konversationslexikon geschafft hätten.

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