Press Enter To Save.

Portrait 3Erinnerungen zur Menschlichkeit in der IT
von Raymond Wiseman

Beruf und Freundschaft, das sind zwei verschiedene Welten. Das gilt auch, wenn diese Welten seit 25 Jahren parallel laufen, wenn man also genau die Menschen, mit denen man heute freundschaftlich verbunden ist, auf einer großen Strecke des beruflichen Werdegangs immer wieder getroffen hat. Das gilt für Freunde, Kollegen, ja auch Mitbewerber, vor allem aber für jene Menschen, mit denen man in einem dauerhaften Dialog stand.

Und gerade in einer Branche, die so wie das Geschäft rund um PC- und Internet im letzten Vierteljahrhundert in einer ungeahnten Dynamik wuchs, von einem Nischenthema zu einer weltbeherrschenden Technologie wurde, kamen Menschen zusammen, die ansonsten sicherlich nie zusammengefunden hätten. Es war nicht die gleiche Geschichte, sondern die gemeinsame Zukunft, die uns auf diesem Weg zusammenführte, Geisteswissenschaftler, Musiker, Techniker, Mediziner, Menschen des Wortes, der Zahl und des Lötkolbens :-)

Jeder brachte halt mit, was er am besten konnte, und alle zusammen versuchten das Beste draus zu machen, auch wenn ihre Interessen nicht immer deckungsgleich waren. Doch gleiche Erfahrungen, gemeinsame Begeisterung, Fragen und Zweifel, die man zusammen entwickelte, das verbindet selbst Menschen, die nicht unbedingt eine intensive Freundschaft vereint.

Und dann war die Branche am Anfang zu klein, als dass man ernsthaft hätte Demarkationslinien ziehen wollen oder auch hätte ziehen müssen. Alles strebte so nach vorne das man – auch wenn man en Detail verschiedener Meinung war – doch die Dynamik des Ziels sah, die Möglichkeit vielen Menschen eine Informationstechnologie zu eröffnen, die bislang nur einer kleinen Minderheit zugänglich war.

Minolta DSC Zugegeben, die Vision, dass in jedem Heim ein PC stehen sollte, die Bill Gates einst formulierte, war weit entfernt von der heutigen Realität, in der jeder seinen Informationssatelliten in die Tasche steckt. Und die Möglichkeit, auch Privatrechner zu vernetzen, ließ uns noch nicht davon träumen, ließ uns auch noch nicht fürchten, dass wir einst permanent mit den Rechnern dieser Welt und miteinander verbunden sein sollten.

Es war eine weite Wegstrecke, die in wahnsinnig kurzer Zeit zurückgelegt wurde. Und daran waren viele beteiligt: diejenigen, die die Technik entwickelten, diejenigen, die sie verkauften, diejenigen, die den Verkauf befeuerten, diejenigen, die die Produkte der Öffentlichkeit vorstellten, und auch diejenigen, die Kritik übten. Mit all diesen Menschen und noch vielen anderen hatte ich im Lauf des Vierteljahrhunderts, die ich nun dabei bin, zu tun.

Thomas Baumgärtner, Pressesprecher Security & CopyrightUnd bei einer 25-jährigen Geschichte bleibt es natürlich nicht aus, dass der eine oder andere Gefährte nicht mehr mit uns auf dem Weg ist. Dabei denke ich an Menschen wie Michael Müller, mit dem ich viele Projekte zusammen realisiert, vieles geschrieben und vieles – im wahrsten Sinne des Wortes – erstritten habe. Er war früh dabei als Autor einer IT-Branche, die plötzlich auch die normalen Verbraucher ansprechen wollte, Themen fand die nicht nur für Techniker, sondern auch für Anwender interessant waren. Oder Ossi Urchs, Quergeist und Vordenker, der allein durch seine Erscheinung, durch seine Ausstrahlung, durch seine Ideen die Menschen bewegte, ganz nebenbei und ganz intensiv vermittelte welches Potenzial unsere digitale Zukunft haben kann. Und Thomas Baumgärtner, dessen Passion die analoge Musik und dessen Leidenschaft die Vermittlung von digitalen Hintergründen war, für die er sich begeisterte und die er vielschichtig und niemals mit Tunnelblick erläuterte und so eine Atmosphäre der produktiven Auseinandersetzung schuf.

RSchulzeEs gibt noch andere, die sich inzwischen zurückgezogen haben, nur mehr privat in Erscheinung treten, wie Theo Lieven oder Rudi Schulze, oder jene, die ihr Erfolg in die USA und auch wieder zurück geführt hat, wie Marco Boerries oder Achim Berg, oder diejenigen, die im Lande einen neuen Weg gegangen sind wie Hardy Köhler oder Ulrich Kemp, alles Menschen, die mit ihren Ideen zu brillieren wissen, die begeistern können und keine Scheu haben, anzuecken. Es gibt deren viele in meinem nahen Umfeld, das in den Jahren so rasch gewachsen ist, dass Zäune keinen Bestand hatten. Euphorie und Verzweiflung, Ideen und Produkte, Positionen und Ansichten, alles folgte Schlag auf Schlag und mancher Hype geriet rasch in Vergessenheit.

Die Erinnerung an die Protagonisten aber bleibt. Manche habe ich aus den Augen verloren, manche nicht kennengelernt, manche einfach vergessen. Mit manchen bin ich angeeckt und manche vermisse ich. Und dass Michael, Ossi und Thomas gestorben sind, macht mir bitter und unwiderruflich klar, wie vergänglich auch in unserer Branche die Menschen hinter den Daten sind, gleichgültig wie unvergänglich und langanhaltend prägend uns die Themen erscheinen und die Technologie, die tatsächlich die Welt verändert hat.

Beruf und Freundschaft, in diesen Jahren wuchs vieles zusammen, was zwischenzeitlich sich auch konträr gegenüber stand, wurde manche produktive Verbindung geboren und inzwischen auch mache Verbindung wieder gelöst. Vergessen aber mag ich keinen. Enter. Save.

Comments

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5 Gedanken zu „Press Enter To Save.“

  1. Lieber Ray, das ist ein schöner Text, der mich sehr sentimental werden lässt. Besonders wenn ich an Michael Müller denken, mit dem ich über die Jahre fast jeden Montag ein oder mehrere Biere draußen an der Hausbrauerei Schumacher in Düsseldorf trank und dabei mit ihm hochgeistig bis schwerlustig debattierte.
    Allerdings: Das Foto zwischen Bill Gates und Rudi Schulze (die zum Glück beide noch leben) zeigt NICHT Michael Müller. Leider finde ich auf die Schnell kein Bild von Michamu… Falls doch, stell ich es hier im Blog ein, okay?

    1. Lieber Rainer —
      Du hast Recht: Das Bild zeigt Thomas Baumgärtner, der Ende letzten Jahres gestorben ist und mit seiner Wärme und Herzlichkeit mir unvergesslich ist.

      Von Michael, zu dem mich genau wie bei Dir eine enge Freundschaft verband, habe ich leider kein Bild. Daher fehlt er hier. Umso mehr würde ich mich freuen, wenn Du eines beisteuern könntest.

      Liebe Grüße
      — Ray

  2. Heute habe ich erfahren, das Robert Basic gestorben ist. Auch er gehört zu den Menschen, an die ich denke und an die ich erinnern möchte. Sie haben unsere Szene maßgeblich geprägt, waren nachdenkliche Vordenker und kritische Enthusiasten, vor allem aber Weggefährten und Freunde. Ich trauere um sie, heute besonders um Robert.

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