Als mich die Agentur, für dich kurz nach der Jahrtausendwende tätig war, zu einem Neukunden nach Ahaus schickte, fragte ich: Ahaus, wollt ihr mich veräppeln? Denn unsere Neukunden aus den Bereichen IT und Telekommunikation saßen doch eher in München, Frankfurt, Hamburg und Düsseldorf. Aber, Ahaus? Am Rande des Münsterlandes, beinahe schon jenseits der niederländischen Grenze? So lernte ich Tobit und seinen Vater kennen: Tobias Groten. Dass Tobit mit einem ausgesprochen netten und kollegialen Kommunikationsleiter namens Dieter van Acken ausgestattet war, lernte ich den digitalen Pionier beim ersten Mal gar nicht kennen. Und weil Tobias Grote nie viel Zeit hat, beschränkten sich unsere Begegnungen auch später auf kurze Momente. Leider gehört es zu den eher traurigen Aufgaben unserer Seite, auch darüber zu berichten, dass es leider keine solchen Momente mehr geben wird. Im Mai 2026 ist Tobias Groten verstorben. Darum haben wir diesen Artikel den Rainer Bartel 2020 geschrieben hat heute nochmal aktualisiert online gesetzt.
Vorab: Wenn jemand bei uns in der Serie Computerhelden einen Platz gefunden hat, ist es unsere traurige Aufgabe auch mitzuteilen, wenn diese Person verstorben ist. Das gilt leider auch bei diesem Ausnahme-Unternehmer und Visionär aus Deutschland, der im Mai 2026 mit nur 59 Jahren verstorben ist. Der Artikel den Rainer Bartel damals, im August 2020 über ihn geschrieben hat, ist aber weitestgehend der Original-Artikel von damals. Denn: An der Leistung von Tobias Groten und den Gedanken die Rainer damals zu ihm hatte, hat sich nichts geändert. In seiner Firma heisst es: Sein Geist soll erhalten bleiben. Das wünschen wir allen dort sehr, dass das gelingt. Und hier nun der Artikel von Rainer.
In der Tobit-Kantine
Man traf sich in der Kantine, die eigentlich ein 24-Stunden-Restaurant für die Tobit-Mitarbeiter war. Er trug grobes Schuhwerk, Jeans und weißes Hemd sowie die Wuschelfrisur, an der man ihn auch heute noch erkennt. Drei Fragen, drei Antworten, fertig. Das meiste, was ich über den heimattreuen IT-Unternehmer weiß, habe ich von Dieter van Acken. Denn die Anhänglichkeit an seinen Geburtsort ist nur eine Seite des Mannes. Neben Ahaus steht seine Familie, der er bei allem Stress ein präsenter Ehemann und Vater ist, im Mittelpunkt. Er liebt die Musik, vor allem die soulige, funkige, rockige, kann prima feiern und hat eine Vorliebe für sehr schnelle Autos. Eine Anekdote aus jenen frühen Jahren sagt, er habe seinen Superduper-Mega-Porsche gern nachts auf der ohnehin wenig befahrenen A31 gern mal mit Tempo 300 bewegt. Außerdem habe er Spaß daran, mit Mitarbeitern und Geschäftspartner kurze, ultraschnelle Spritztouren zu unternehmen.
CeBIT Geschichten
Bevor wir aufs Ernsthafte kommen: Wenn ich in meinem CeBIT-Gedächtnis von 1986 bis 2017 krame, sind mir zwei unverzichtbare Partys hängengeblieben: die Burn-In-Party von Symantec und die tägliche Standparty bei Tobit Software. Die artete in manchen Jahren am letzten Messetag einigermaßen aus, und die Legende sagt, dass einmal ein Polizeieinsatz nötig wurde, um die Gemeinde der Feiernden vom Messegelände zu vertreiben. Ähnlich legendär aber auch das jährliche Musikevent in Ahaus. Ab 1998 als After Dark Festival auf den Wiesen im Schlosspark abgehalten, ab 2004 als Nightclubbing in einem Club in Ahaus und später direkt auf dem Tobit-Campus holten Groten und seine Leute Künstler und Bands wie James Brown, Kim Wilde, Die Fantastischen Vier, Joe Cocker, Tito and Tarantula, Grace Jones, 2Raumwohnung, Madness, Kool & the Gang und Jamiroquai ins Münsterland.
Die Welt und das Münsterland
Man hätte meinen können, derlei strahlende Ereignisse müssten Tobit in Deutschland weltberühmt gemacht haben. Aber außerhalb der Region und der Computerszene nahm man davon wenig Notiz. Auch das Engagement des großen Sohns der Stadt für Ahaus fand jenseits der regionalen Presse nur wenig Echo. Aber um persönlichen Ruhm ging es dem vor digitalen Ideen nur so sprühenden Kerl nie. Selbst als van Acken in der Harald-Schmidt-Show ein Stück aus dem Nachlass von Marylin Monroe ersteigerte, bliebt Groten im Hintergrund. Er hatte ja auch immer genug zu tun. Und zwar Dinge, die so wohl nur am Standort Ahaus möglich wären. So entstand am Ortsrand, unweit der Autobahn, ein Firmengebäude, das architektonisch von außen schon auffällig daherkam, drinnen aber schon um 2002 herum das digitalste Bauwerk weit und breit, ja, vielleicht sogar in ganz Deutschland war.
Tatsächlich war ich beim ersten Besuch nach einem Rundgang mit van Aken nachhaltig beeindruckt. Nicht nur darüber, dass an jeder Ecke ein Monitor an der Wand hing, der über die diversen Termine und Meetings Auskunft gab, sondern auch über die Ausstattung der Arbeitsplätze und die extrem kollegiale Kooperation in einer Struktur, auf die der Begriff „flache Hierarchie“ mehr als angemessen war. Der Hausherr selbst bewohnte ein Büro mit Überblick über den Patio. Immer heiß auf den neuesten technischen Sch… hatte er sich damals von der berühmten Tablet-Firma Wacom (damals ebenfalls Kunde von uns) einen der ersten echten Pen-PCs installieren lassen, also einen riesigen, schräg in die Tischplatte eingelassenen Bildschirm mit stiftempfindlicher Oberfläche. Groten behauptete, außer ihm würde nur der Wacom-Chef ein solches Ding haben. Aus diesem Firmengebäude (mit der wunderbaren Kantine!) wurde über die Jahre der Tobit-Campus – übrigens mit einem integrierten, sagen wir, Hotel, in dem Gäste oder eingeladene Experten nächtigen können. Außerdem weitere, hochtechnisierte Arbeitsräume, das Laboratorium.
Groten: „Ein in der Wolle gefärbter Computerfreak“
Und wie konnte das alles Realität werden? Weil dieser Tobias Groten, ein in der Wolle gefärbter Computer-Freak, schon an etwas dachte und glaubte, das er „Unified Messaging“ nannte, also das Verteilen von digitalen Informationen jeder Art über ein dezidiertes System mit Client-Server-Architektur. Ob Abruf, Fax, E-Mail, Dokumentenaustausch oder Chat: Alles sollte zusammengefasst, sozusagen „vereint“ ausgeliefert werden. Übrigens eine Idee, der er nicht nur formulierte, sondern realisierte, als in Deutschland ungefähr 99 Prozent der Unternehmen Mail als Kommunikationskanal noch nicht eingeführt hatten. Das Ding nannte er „David“ und bezeichnete es als Kommunikationsserver. Um ehrlich zu sein: Erfunden hat Groten den Begriff „Unified Messaging“ nicht. Aber als ein Dutzend US-amerikanischer Firmen dies in Form von Services anbot, die mehr oder weniger gut funktionierten, war David in Unternehmen ab Installation sofort voll einsatzfähig. Das brachte Geld. Viel Geld, nicht nur aus Deutschland und Europa, sondern auch aus den USA und dem Rest der Welt. Das lange Zeit einzige Produkt der Tobit-Software wurde kontinuierlich und mit erheblichem Aufwand weiterentwickelt, modernisiert, erweitert und einfach immer besser gemacht. Und zwar so, dass David noch heute eine weltweit anerkannte Lösung darstellt.
Um diesen Grundpfeiler seines Unternehmen herum erdachte Groten über die Jahre ständig neue Sachen; meist getrieben von seinen persönlichen Vorlieben und Bedürfnissen wie seinerzeit bei ClipInc und Radio.fx, ausgefeilten und -gefuchsten Online-Musikrekordern, mit dem man auf denkbar komfortabelste Weise Songs aus Streaming-Angeboten, auch von Spotify, mitschneiden und als MP3 abspeichern kann. Wie so oft entstand dieses Projekt, weil sich Tobias Groten darüber ärgerte, dass es so schwierig war, Songs aus Radiosendungen ohne Drumherum aufzunehmen bzw. Spotify-Song downloaden zu können. Aber, das ist nur ein Beispiel. Seit einigen Jahren dreht sich alles um die Digitalisierung verschiedener Prozesse, die in unterschiedlichen Branchen bisher mehr oder weniger zu Fuß abgewickelt werden. So ein Ding ist wayter, ein absolut realitätstaugliches Bestellsystem für Gastronomiebetriebe, mit dem die Gäste per eigenem Smartphone ordern, was sie haben wollen. Oder lytfass, ein System, mit dem Ladenbesitze und Wirte beliebige Wunschinhalte auf per HDMI angeschlossene Displays zaubern können. Ein Großprojekt heißt chayns; man könnte es als Website-Builder beschreiben, aber das Ding ist mehr: Ausgangspunkt einer digitalen Identität mit allem, was man als Nutzer im Web darstellen und anbieten will.
Smart City – ein Stück Zukunft, das bleibt. Nicht nur in Ahaus
Tobias Grotens letztes, aber dominierendes Thema hieß „Smart City„, und dazu hat er natürlich jede Menge Ideen … die er natürlich zuerst in Ahaus installieren und testen ließ. Hätte er mehr Zeit gehabt, so steht zu vermuten, dass er mit seinem Erfindungsreichtum, seiner Kreativität und seiner Energie noch lange nicht am Ende gewesen wäre. ABer was bleibt ist, was er geschaffen hat. Und darum sagen wir Digisaurier: Digitalfreunde dieser Welt, schaut auf Ahaus, schaut auf Tobit und schaut auf das Werk von Tobias Groten, es könnte sein, dass ihr dabei auf weiterhin ein ganzes Stück Zukunft seht.
Und hier noch ein spannendes WDR-Video über Tobias Groten und Tobit:
Statt eines Nachrufes, haben wir diesen Artikel neuerlich veröffentlicht. Das – so denken wir – lebendige Stück Geschichte das hier beschrieben ist, wird Tobias Groten und seiner Leistung am ehesten gerecht, auf unserern Seiten.
Tobias Groten war einer der ungewöhnlichsten digitalen Pioniere dieses Landes – ein Visionär, der konsequent seinen eigenen Weg gegangen ist und dabei aus einer Kleinstadt im Münsterland ein digitales Reallabor gemacht hat.
Am 3. Mai 2026 ist der Gründer und CEO von Tobit.Software im Alter von 59 Jahren überraschend an einem Herzinfarkt gestorben.
Sein Unternehmen, seine Heimatstadt Ahaus und eine ganze Branche trauern um den „Bill Gates von Westfalen“, der zeigte, dass große Software‑Geschichten nicht nur in Metropolen geschrieben werden müssen.
Sein Spirit – die Idee, Dinge radikal anders, digitaler und ein bisschen verrückter zu denken – lebt in Tobit, in Ahaus und in den vielen Menschen weiter, die er inspiriert hat.



Im Dezember 24 bin ich von Ms nach Ahaus gezogen, in erster Linie ,weil mich eine Erkrankung soweit beeinträchtigte ,das ich vorsorglich und frühzeitig einen Wohnungs/Ortswechsel in die Wege geleitet habe .Mein Hauptbezugspunkt natürlich ,einer meiner Söhne lebt schon einige Jahre mit sei er Familie hier in Ahaus. Bis heute habe ich es keinen Tag bereut ,in dieser wunderbaren Stadt zu leben. Bietet sie mir alles! was ich für mich brauche, eine tolle Wohnung zentrumsnah, eine tolle Einkaufsmeile, hervorragende Infrastruktur und so nach und nach auch die digitalen Möglichkeiten, und Vorzüge einer sehr zukunftsorientierten Stadt,dank dieses schlauen und besonders auch nachhaltig denkenden und planenden Herrn Tobias Groten. Je mehr ich über ihn lese und erfahre ,desto beeindruckender bin ich, die,die sich lange gegen die “ moderne Technik “ gesträubt hat. Das dieser Mann dennoch bodenständig bleibt,macht ihn umso sympathischer…….Dankeschön Herr Groten, von einer zufriedenen Neubürgerin in Ahaus.
Das ist eine sehr schöne und positive Ergänzung! Danke dafür!
in der Zwischenüberschrift fehlt ein t „gefärber“ :-)
Ich habe ein t gefunden, ich habe ein t gefunden ;-) Nein im Ernst: Danke für den Hinweis. Ist korrigiert!