Sir Clive Sinclair (Foto: BBC)

Computerhelden (4): Sir Clive Sinclair – Rule Britannia!

Es wird Zeit, die wichtige Rolle des Vereinigten Königreichs in der Geschichte der kleinen Computer zu würdigen. Denn gerade in Deutschland wird oft übersehen, wie weit Großbritannien der Bundesrepublik schon seit den späten Siebzigerjahren in Sachen IT voraus war. Eine Hauptrolle in dieser UK-Story gehört dabei unbedingt dem Mann, den viele Nicht-Briten für einen leicht verschrobenen Erfinder halten. Dass der Ingenieur Clive Sinclair 1983 von der Queen in den Adelsstand erhoben wurde, reflektiert auch die Tatsache, dass der kleine Mann eine ganze Industrie in seinem Heimatland vor sich hergetrieben hat. Während der legendäre Jack Tramiel mit Schreibmaschinen begann, waren es bei Clive Sinclair selbst entwickelte Taschenrechner, die im UK der Siebzigerjahre ziemlich populär waren. Außerdem eine Digitaluhr und elektrische Messinstrumente.

Ein Meilenstein in der Geschichte der Computer für jedermann aber war der von ihm fast im Alleingang entwickelte Billigstrechner ZX81, den es ab März 1981 in Großbritannien und dann im Herbst des Jahres auch in Deutschland zu kaufen gab – anfangs für stolze rund 400 Markt. Das Zigarrenkistchen mit der Folientastatur verfügte über ein eigenes BASIC zum Programmieren und konnte an den Fernseher als Monitor und einen handelsüblichen Kassettenrekorder als Massenspeicher angeschlossen werden. Als dann ein paar Monate später eine aus Aachen kommende Ladenkette namens VOBIS das englische Ding für schlappe 99 Mark (später teils sogar für 79 Mark) anbot, wurde dieser Rechner nicht nur ein Verkaufshit, sondern begründete auch den Erfolg des Unternehmens, das der Schöngeist Theo Lieven gegründet hatte.

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Nicht ganz so begnadeter Unternehmer

Seinen Ruf als nicht ganz so begnadeter Unternehmer begründete Sir Clive schon in dieser Zeit. Die erste Serie des ZX81 war so schlecht verarbeitet, dass fast jedes vierte Gerät defekt zurückging. Dafür machte das Unternehmen mit allerlei Zubehör einen unerhörten Reibach. Wer seinem Kistchen ordentlich RAM verpassen wollte, konnte für Zusatzmodule schnelle erheblich mehr Geld ausgeben als der Computer selbst gekostet hatte. Und trotzdem entstand eine weltweite Fangemeinde, die sich weder von VC20 oder C64, noch vom Atari 800 oder einem anderen Homecomputer locken ließen.

Der Sinclair ZX Spectrum (Foto: The Old Computer)
Der Sinclair ZX Spectrum (Foto: The Old Computer)

Auf der Messe “Which Computer?” im Februar 1987 in Birmingham kaufte ich einen Z88, der schon unter dem Firmennamen Cambridge Computer auf den Markt kam, weil das ursprüngliche Unternehmen von Sir Clive längst an Amstrad verkauft worden war. Es war Mister Sinclair höchstpersönlich, der mit den für damalige Verhältnisse revolutionären Computer verkaufte. Ich zahlte in bar und kam mit dem fröhlichen Herrn mittleren Alters ins Gespräch. Das bildete später die Basis für einen Artikel, der aber nicht erschien, weil weder der tragbare Computer, noch Clive Sinclair aus Sicht des Herausgebers noch Themen der Zeitschriften im Verlag Data Becker waren. Leider kann ich die am Messestand aufgenommene Kassette mangels Player nicht mehr anhören, sondern das Gespräch nur noch aus Notizen rekonstruieren.

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Verkauft an Amstrad

Besonders intensiv sprachen wir über den Übergang vom ZX81 (meinem ersten Computer übrigens; erstanden Anfang 1982 in der Düsseldorfer VOBIS-Filiale…) zum Spectrum. Sir Clive schilderte die Sache so, dass er und sein Team von den Forderungen der Sinclair-Gemeinde nach mehr Leistung, mehr Speicher und vor allem Grafik in Farbe regelrecht überrollt worden. Seiner persönlichen Vorstellung von einem Rechner fürs Volk entsprach das nicht. Er hätte lieber in Verbesserungen der Software investiert. Überhaupt fühlte sich Sir Clive durch den Erfolg seiner Kisten eindeutig überfordert. Er hätte, so sagte er, Tausende Ideen im Kopf gehabt, habe sich aber ständig um die Entwicklungen rund um den Spectrum und den schon im Labor befindlichen QL kümmern müssen. Weil er sich so auch kaum um die geschäftlichen Dinge kümmern konnte, habe es wirtschaftliche Schwierigkeiten geben, und deshalb habe er 1986 an Amstrad verkauft. Als ob sich Clive Sinclair je um geschäftliche Dinge gekümmert hätte…

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Theoretisch hätten der geniale Ingenieur Clive Sinclair und der mit allen Wassern gewaschene Marketing-Mensch Alan Sugar als Dreamteam agieren können. Aber in Wahrheit trafen in dieser Paarung zwei streitbare Charaktere aufeinander, wie sie unterschiedlich kaum hätten sein können. Tatsächlich lehnte es Sir Clive ab, mir gegenüber auch nur ein Wort über den Käufer seines Unternehmens zu verlieren. Vielleicht, weil er längst woanders war. Selbst der tolle Z88 – lange sein Lieblingskind – flog praktisch mit der Markteinführung unter dem Radar seiner Wahrnehmung. Trotzdem konnte ich ihn dazu bewegen, mir eine persönliche Lektion im Betriebssystem “Pipedream” und den integrierten Anwendungen des Computerbretts zu geben.

Der Cambridge Z88 (Foto: Old Computers Net)
Der Cambridge Z88 (Foto: Old Computers Net)

Dieses Ding war der Traum eines jeden Schreibers unterwegs. Groß wie ein DIN-A4-Blatt, fingerdick, mit einer lautlosen Gummitastatur und einem breiten 6-Zeilen-Display ausgestattet, lief der Z88 auf vier AA-Batterien bis zu zwei Wochen. Das OS war extrem genügsam in Sachen RAM und sauschnell. Die Anwendungen waren bei näherem Hinsehen Abwandlungen einer Tabellenkalkulation, aber es gab auch einen Timer mit Weck- und Stoppuhrfunktion. Ich habe meinen persönlichen, bei Sir Clive erworbenen Z88 über zehn Jahre aktiv genutzt. Zumal es ab 1988 Lösungen für den Datenaustausch mit DOS-Rechnern und Apple-Mac-Computern gab, die reibungslos funktionierten. Und weil das Brett völlig lautlos wirkte, konnte ich mir in Pressekonferenzen unauffällig Notizen machen.

Rule Britannia!

Dass Sir Clive überhaupt ein Unternehmen für Homecomputer gründete, verdanken wir einem unglücklichen Zufall. Die alte Tante BBC, die in Wahrheit immer schon ein jugendliches Wesen mit Drang nach Innovationen war und ist, hatte eine Ausschreibung für den BBC Micro veröffentlicht. Man wollte nämlich nicht nur Computerkurse im Fernsehen bringen, sondern gleich einen dazu passenden Rechner, sodass das sichergestellt war, dass alle Teilnehmer an den Fernkursen mit identischer Hard- und Software arbeiteten. Acorn gewann, Sinclair verlor. Und brachte den ZX80 bzw. wenige Monate später den ZX81 heraus, den er dem BBC Micro von Acorn für ebenbürtig hielt, der aber deutlich preiswerter war.

Der Acorn Risc-PC (Foto: APDL)
Der Acorn Risc-PC (Foto: APDL)

Ja, “Rule Britannia!” Welch hellsichtige Menschen müssen Anfang die Achtzigerjahre bei der Britisch Broadcasting Corporation am Werk gewesen sein! In den Zeiten, als hierzulande Leute mit Interesse an Computer noch als Spinner galten, einen Volkscomputer für ein Telekolleg entwickeln zu lassen! Auch wenn der BBC Micro nicht ganz so populär wurde wie erhofft und es der Firma Acorn auch nicht gelang, ihre Kiste zum Standardcomputer in britischen Schulen zu machen, wurde das Know-how der Inselbewohner in kürzester Zeit auf das Niveau Kaliforniens gehoben. Und weil die Acorn-Leute mindestens so experimentierfreudige Ingenieure waren wie Sir Clive, “erfanden” sie die RISC-Technologie und bauten auch gleich einen ultraschnellen Risc-PC, der 1994 auf den Markt kam und weltweit … ein Riesenverkaufs-Flop wurde. Wer zu der Zeit einmal das Vergnügen hatte an einem Acorn-Risc-PC arbeiten zu dürfen, wird wissen, dass diese Kisten allem anderen auf dem Markt technisch weit überlegen waren.

So sehr Alan Sugar als Antipode von Sir Clive als reiner Vertriebsmensch gesehen wird, so sehr wird auch diesem ruppigen Kerl das nicht gerecht. Denn der Amstrad-Boss gab seinem Entwickler-Team oft freie Hand, ihre verrückten Ideen bis zur Marktreife zu führen. Gerüchten zufolge haben diese britischen und indischen Ingenieure zwischen 1986 und 1994 mehr als einhundert verschiedene Serien computerartiger Geräte erdacht und teils realisiert. Bekannt wurde Amstrad allerdings für seine eher unspektakulären CP/M-Maschinen, die vielen Anwendern als preiswerte Alternative zu IBM-Klones galten. Hierzulande waren die unter dem Namen “Schneider” (einem ursprünglich im Bereich der Unterhaltungsindustrie tätigen Unternehmen aus dem Allgäu) vertriebenen Rechner der CPC-Serie, die “Joyce” und später die MS-DOS-Maschinen recht erfolgreich.

Der Amstrad PenPad PDA600 (Foto: Wikipedia)
Der Amstrad PenPad PDA600 (Foto: Wikipedia)

Der Organizer PDA600, dem Apple Newton ähnlich, aber zu einem Viertel des Preises zu haben, war mein erster Pen-Computer. Innerhalb der Amstrad-Produktpalette war das handliche Ding ein Alien und wurde leider auch vom Vertrieb ein bisschen stiefmütterlich behandelt. Bezeichnet wurde er als “PenPad”, aber in Deutschland und unter dem Markennamen Schneider gab es ihn nicht. Wer weiß, wie sich die Welt der PDAs und später Smartphones entwickelt hätte, wäre Sir Clive am Thema noch interessiert gewesen.

Elektromobil und eFahrrad

Der aber hatte sich ganz vom Computer abgewendet und seine ganze Kraft seinem dreirädrigen Elektroauto C5 gewidmet. Das für damalige Zeiten schicke und fortschrittliche Gefährt kam 1985 auf den Markt. Aus heutiger Sicht handelte es sich um ein Liege-Pedelec, weil der Elektromotor durch Betätigen von ganz normalen Fahrradpedalen unterstützt und so entlastet werden konnte. Aber schon im November 1985 wurde die Produktion eingestellt.

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Aus den diversen Verkäufen und Pleiten blieb das Unternehmen Sinclair Research übrig, das noch heute existiert. Trotz des C5-Desasters widmete sich Sir Clive ab 1990 nur noch den Themen Elektromobilität und Individualverkehr. In seinem Labor entstanden vor allem Konzepte, nur sein Elektro-Klapprad namens A-Bike erreichte nicht nur Marktreife, sondern verkauft sich seit 2015 nicht schlecht. Das zugehörige Unternehmen wurde übrigens per Crowdfunding finanziert. Sir Clive hat das bestimmt gefallen, denn mit externen Investoren kam er nie so richtig gut zurecht.

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