Das Dilemma der IT-Journalisten

„Fragt sich nur noch, wer das brauchen kann“, murmelte die Kollegin neben mir, als wir beim CeBit-Presserundgang einen Stand verließen. Erst habe ich mich ein klein wenig aufgeregt – innerlich selbstverständlich – über diese typische „ich bin kritisch, ich verhindere das“-Haltung.

Dabei habe ich der Kollegin vielleicht sogar Unrecht getan. Schließlich gibt es zwei Reaktionen auf die Frage „wer kann das brauchen?“.

Treffpunkt der IT-Journalisten zur CeBit: Das Pressezentrum der Messe in Hannover.
Treffpunkt der IT-Journalisten zur CeBit: Das Pressezentrum der Messe in Hannover.

Die erste ist „klar, braucht eh keine Sau“, die zweite: „hey, lass uns herausfinden, wer das braucht“. Und genau diese beiden Reaktionen sind das Dilemma des IT-Journalismus. Welche Rolle nehmen wir wann ein? Wir haben die Wahl.

Das braucht keine Sau!

Natürlich müssen wir kritisch sein, hinterfragen und ebenso fragwürdige Entwicklungen bremsen. Man denke nur an jene esoterischen RAM-Verdopplungsprogramme wie Softram 1995, die für viel Geld genau gar nichts leisteten. Nach einigen halbseidenen Rezensionen in anderen IT-Zeitschriften, sind die Kollegen der c’t damals dem Hersteller von hinten zwischen die Beine gegrätscht.

Blutig.

Und zu Recht.

In solchen Fällen sind wir IT-Journalisten in der klassischen Rolle der Türsteher, der Schwellenhüter. Derjenigen, die kritisch testen und beurteilen und dem Käufer sagen: „Kauf das nicht!“ Oder: „Ok, Du kannst das kaufen.“

Bis auf gelegentliche Kritik seitens der Hersteller ist diese verhindernde Haltung der einfachere Weg. Schließlich ist es leichter, jemandem zu sagen, er solle etwas unterlassen. Anders herum mit einem „probier das aus“ übernimmt man nämlich Verantwortung. Verantwortung dafür, dass die Leute Geld ausgeben für ein Produkt oder folgenschwere Entscheidungen für ihre IT treffen. Ok, klar, letztlich ist immer der Leser verantwortlich aber wir sind eben mitverantwortlich.

Hey, lass es uns herausfinden

Als Kritiker, als Niederreißer, als Schwellenhüter komme ich bequemer durch Leben. Hier ein Verriss, da ein Rant. Aber ich versuche seit einer Weile öfters die andere Sichtweise einzunehmen. Nämlich: „Ok, hier haben wir eine neue Technik. Wofür können wir sie brauchen?“ Ich glaube nämlich, dass jede neue Idee es zuerst einmal verdient hat, wohlwollend betrachtet zu werden.

Natürlich bleibt es dabei unbenommen, irgendwann zu dem Schluss zu kommen: „Nää, das ist nichts.“ Aber diese Überlegung steht dann am Ende eines Prozesses, nicht am Anfang.

Ähnlich sehe ich das bei Produkten, die noch nicht auf dem Markt sind. Erst wenn ich sie in der Hand hatte, erst nach einem Test kann ich mir ein Urteil erlauben – und gegebenenfalls das Produkt verbal in die Tonne treten.  Vorab-„Tests“ anhand von Datenblättern sind nicht meins. Aber das ist noch ein anderes Thema.

Mein Grundsatz (im Versuchsstadium)

Und so versuche ich, mich an folgenden Grundsatz zu halten:

Ist etwas noch unfertig, eine Idee, ein Konzept, ein Plan, so gehe ich damit offen und konstruktiv um. Ich kritisiere nicht, ich versuche Impulse zu geben, Ideen weiterzuspinnen und nach Einsatzszenarien zu suchen. Das gilt auch für Themen, die ich noch am Anfang ihrer Entwicklung sehe, sei es 3D-Druck, Industrie 4.0 oder Wearables.

Erst wenn ein Produkt fertig ist, lasse ich den Kritiker raus. Dann messe ich eine Software oder Hardware an ihren Versprechen, dann wird nach Fehlern gesucht und geurteilt.

Ok, so ganz haut das nicht immer hin. Manchmal stöhne ich auch „wer soll diesen Blödsinn nur kaufen?” – so wie bei Smartphones oder Facebook.

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