Werbung für Borland-Tools von Micro Focus ca. 2009 (Abb. via Micro Focus)

Fast vergessen (20): Was wurde eigentlich aus Borland und TurboPascal?

Während Fans US-amerikanischer Fernsehserien beim Namen Borland an den Assistenten des Heimwerker-Kings denken, fallen uns Digisauriern natürlich gleich Turbo Pascal, Quattro Pro und Delphi ein. Eigentlich war der gebürtige Franzose, ETH-Zürich-Absolvent und Mathematiklehrer Phillippe Kahn mit seiner Softwareschmiede ein Spätstarter, denn im Gründungsjahr 1983 war der Kuchen der verschiedenen Softwaresparten für persönliche Computer schon weitgehend verteilt. Wir reden von der Ära, in der noch Millionen Hobbyprogrammierer Anwendungen entwickelten und in den einschlägigen Foren heftig über Programmiersprachen debattiert wurde. BASIC galt plötzlich als bäh-bäh, weil das strukturierte Programmieren en vogue war.

Besonders an den Hochschulen versuchte man den kommenden Entwicklerprogrammierern den Bandwurm-Code mit diversen GOTOs abzugewöhnen und ihnen vor allem eine ordentliche Deklaration von Variablen beizubiegen. Allen voran der großartige Niklaus Wirth an der Zürcher ETH (sic!). Der hatte mit Pascal eine von Algol abgeleitete Sprache geschrieben, die er ausdrücklich als Lehrsprache verstand. In der von ihm definierten Form war Pascal (benannt nach dem französischen Mathematiker des 17. Jahrhunderts Blaise Pascal) für eine ernsthafte kaum geeignet. Weil die ETH-Absolventen aber auch als Apostel auftraten, tauchte Pascal überall auf, unter anderem im Hause Apple – ja, die ersten Versionen des OS für den Apple II und den Mac wurden hilfsweise in Pascal geschrieben.

Phillippe Kahn ca. 2017 (Foto via Santa Cruz Tech Beat)
Phillippe Kahn ca. 2017 (Foto via Santa Cruz Tech Beat)

Aber nicht nur Apple setzten auf diese strenge Sprache, nicht ohne die Strenge aufzuweichen und den Funktionsumfang deutlich zu erweitern. In den späten Siebzigern existierten ungezählte proprietäre Varianten von Pascal, jeweils mit eigenen Entwicklungsumgebungen ausgestattet. Gehen wir ruhig mal davon aus, dass man den gute Phillippe an der Zürcher ETH auch mit Pascal gequält hatte, dass er aber klug genug war, das Potenzial dieser Sprache – besonders im Vergleich zu BASIC – zu erkennen.

Legendär: Programmieren mit Turbo Pascal (Screenshot)
Legendär: Programmieren mit Turbo Pascal (Screenshot)

Über die näheren Umstände seiner Auswanderung in die USA ist nichts bekannt, er hat darüber auch nie gesprochen. Wir vermuten der Einfachheit halber private Gründe. Ich bin Kahn zweimal persönlich begegnet und dabei einen kultivierten Menschen und wachen Geist kennengelernt, dem man auf den ersten Blick einen IT-Entrepreneur nicht zugetraut hätte. Dass er aber in Geschäftsdingen durchaus skrupellos vorgehen konnte, hat ihm den Spitznamen „The Barbarian“ eingetragen. Übrigens: Deutsch spricht er genauso fließend wie seine Muttersprache, Englisch und Spanisch.

Turbo Pascal war ohnehin nur das Trittbrett, denn das Interesse von Mr. Kahn galt von Anfang an den Datenbanken. Und obwohl die Turbo-Pascal-Pakete relativ preiswert waren, scheffelte Borland damit über einen Zeitraum von gut zehn Jahren die Dollarmilliönchen. Und die setzte man für die Weiterentwicklung der Sprache im Hinblick auf Datenbankanwendungen ein. Aber erst 1995 konnte man das zuvor Object Pascal genannte Ding unter dem Namen Delphi launchen.

Der ehemalige Borland-Campus in Scotts Valley, Kalifornien (Foto via Bizjournals.com)
Der ehemalige Borland-Campus in Scotts Valley, Kalifornien (Foto via Bizjournals.com)

Und wie das so war Ende der Achtzigerjahre: Alle wollten Bill Gates und Microsoft ans Bein pinkeln. Heißt: Viele Unternehmer wollten ein Stück vom Kuchen der Suiten à la Microsoft Office, die damals a) für sehr teuer Geld verkauft wurden und b) fantastische Profite generierten. Also brauchte man mindestens eine Textverarbeitung und eine Tabellenkalkulation, gern aber auch eine Datenbank oder ein Grafikprogramm. Wer hat es nicht alles probiert! WordPerfect, Novell, Corel und und und. Auch Phillippe Kahn begab sich auf diesen Weg. Er ließ zunächst eine Tabellenkalkulation namens Quattro programmieren, die zum Ladenhüter wurde. Dann kaufte er eine Anwendung dieses Typs dazu und nannte sie Quattro Pro. Das Ding war gut, wirklich gut, manche sagen, besser als Lotus 1-2-3 und MS Excel.

Parallel hatte Kahn Paradox entwickeln lassen, ein Datenbankprogramm, das besser war als MS Access und anwenderfreundlicher als dBase. Um dieses Niveau zu halten, kaufte Borland 1991 das wesentlich größere Unternehmen Ashton-Tate, die Mutter der damals führenden Datenbank dBase. An einer Textverarbeitung oder einem Grafikprogramm versuchte man sich bei Borland nie, mit SideKick, dem wirklich allerersten Personal Information Manager (PIM) hatte man bereits 1984 einen Überraschungserfolg gelandet.

Quattro Pro, eine ziemlich gute Tabellenkalkulation (Screenshot)
Quattro Pro, eine ziemlich gute Tabellenkalkulation (Screenshot)

Für einen stetigen Einnahmestrom aber sorgten neben Turbo Pascal die Entwicklungsumgebungen für andere Sprachen: Turbo BASIC, Turbo Prolog, Turbo C und später Turbo C++. Auf die zielte Microsoft spätestens ab 1991 mit den Entwicklungsumgebungen der Visual-Familie. Zu diesem Zeitpunkt war Borland nach dem Umsatz gerechnet die Nr. 3 der Software-Companies und begann gerade damit einen eigenen Campus im Stile der Großen zu bauen, der am Ende annähernd 100 Millionen US-Dollar kostete.

Aber der Versuch, sich mit Microsoft auf dem Feld der Anwendungssoftware zu messen, ging daneben. Das führte dann 1995 auch zur Demission von Phillippe Kahn als CEO. Zuvor hatte er zusammen mit seiner Gattin, Sonia Lee, eine Firma namens Starfish gegründet, die nicht einmal drei Jahre lang existierte und keine größeren Spuren hinterlassen hat. Seitdem gilt Kahn als einer dieser Software-Milliardäre, die hier und da dies und das ausprobieren und ein relativ unstetes Leben führen. Zuletzt trat er – wie sollte es anders sein – mit Aussagen und Ideen zur Künstlichen Intelligenz in Erscheinung. Letztes Jahr wurde er siebzig, und es steht nicht zu erwarten, dass er in der IT noch einmal eine größere Rolle spielen wird.

Borland Delphi 7 aus dem Jahr 2002 (Screenshot)
Borland Delphi 7 aus dem Jahr 2002 (Screenshot)

Die Company hatte da aber bereits völlig die Richtung verloren und sich zwischenzeitlich sogar in Inprise Corporation umbenannt. Selbst dBase hatte massiv an Boden verloren und wurde 1999 verkauft. Borland war praktisch aus dem Bewusstsein der IT-Gemeinde verschwunden. Als neuer CEO verkleinerte Scott Arnold den Laden drastisch, und zwar im Hinblick auf die Belegschaft und das Hauptquartier, mehr noch in Sachen Produktpalette. Eigentlich blieben nur der C++ Builder und Delphi übrig. Mit der Konzentration auf .NET und die Internet-Anwendungsentwicklung kämpfte sich Borland langsam wieder zurück.

Auf dieser Basis kam es dann um 2005 herum zu einer grundlegenden Änderung, beinahe einem Neuempfang. Während Delphi zu einem wichtigen Entwicklungstool für alle möglichen Plattformen geworden war, setzte man nun vordringlich auf die Automatisierung der Softwareentwicklung und das Lifecircle-Management. Zwischendurch wurde die Turbo-Familie mit eher mäßigem Erfolg neu aufgelegt. Und 2009 kaufte der Gemischtwarenladen Micro Focus den ganzen Laden, für den seinerzeit weltweit noch rund 750 Mitarbeiter:innen tätig waren.

Werbung für Borland-Tools von Micro Focus ca. 2009 (Abb. via Micro Focus)
Werbung für Borland-Tools von Micro Focus ca. 2009 (Abb. via Micro Focus)

Inzwischen wurde Micro Focus von Opentext übernommen; das britische Unternehmen hat angekündigt, alle Borland-Produkte rund um das Application Delivery Management weiterzuführen. Und, was wurde aus Delphi und Turbo Pascal? Nachdem Turbo Pascal noch von Borland selbst zur Freeware erklärt wurde, landeten die Rechte daran und auch an einigen Delphi-Tools bei einer Firma namens Embarcadero, die 1993 von Ex-Borland-Leuten gegründet worden war. Bis ca. 2014 konnte man die Entwicklungsumgebungen der Turbo-Familie noch kostenlos herunterladen, inzwischen scheinen sie vollkommen verschwunden zu sein.

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