Der olle Teletext auf einem modernen Samsung-TV (Foto: Digisaurier)

Ja, es gibt ihn noch den Teletext…

Oft gehört, selten genutzt: „Für die Untertitel zu dieser Sendung siehe Texttafel 150“. Allein das Wort „Texttafel“ hat einen nostalgischen Klang, und dass es im Fernsehen erwähnt wird, belegt, dass es den guten alten Teletext nach über 40 Jahren immer noch gibt. Die Nutzerzahlen sind aber seit dem Höhepunkt im Jahr 1997 mit 44 Millionen verschiedener Anwender der Angebote von ARD und ZDF parallel zur Verbreitung des WWW zurückgegangen. Aber im Jahr 2021 waren es immer noch mehr als sieben Millionen Menschen, die sich im „Videotext“ ihre Informationen holen.

Mein Fußballkumpel Michael, mit dem ich seit mehr als 15 Jahren bei jedem Heimspiel am selben Platz in der Kurve stehe und den Verein meines Herzens anfeuere, zählt zu diesen letzten Mohikanern. Er ist aber auch einer, der nie auf den digitalen Zug aufgesprungen ist. Michael besitzt weder einen PC, noch ein Smartphone, und den Dienst-Laptop verwendet er aus grundsätzlichen Erwägungen eben auch nur dienstlich. So ist ihm das Internet bis auf den heutigen Tag fremd. Wenn wir kommunizieren, dann per SMS. Im Grunde weiß ich, dass jedes Mal, wenn eine solche Textnachricht auf meinem Android-Maschinchen einläuft, dass sie von Michael kommt. Und der war es auch, der mich überhaupt wieder auf den Teletext aufmerksam machte (der offiziell übrigens nie „Videotext“ hieß.

Teletext gibt es von verschiedenen Sendern auch im WWW (Screenshot)
Teletext gibt es von verschiedenen Sendern auch im WWW (Screenshot)

Denn mein Freund informiert sich über die Partien vorher und nachher grundsätzlich über Tafel 275 im ARD-Text. Dort und auf den angrenzenden Seiten findet sich nämlich alles zur Zweiten Liga. Neulich hat Michael mich verblüfft, denn er kannte die Aufstellung des Spiels, das vor uns lag, früher als ich – aus dem Teletext. Während ich noch darauf wartete, dass die Kicker-App diese Info auswarf, hatte er zu Hause eben den Fernseher eingeschaltet und Tafel 297 nachgeschaut. Tatsächlich sind die Teletext-Angebote von ARD und ZDF schnell, schneller sogar als das, was die Medien im Web anbieten.

Den ARD-Text gibt's auch per App (Screenshot)
Den ARD-Text gibt’s auch per App (Screenshot)
Das gilt auch für die Nachrichten. Bei der ARD sind aktuell knapp zwanzig Redakteur:innen im Amt, die das Ohr an den diversen News-Tickern der Welt haben und die neuesten Neuigkeiten innerhalb von Minuten ins System einpflegen. Schnell ist der Teletext auch wegen seiner Kürze. 23 Zeilen zu je 40 Zeichen stehen zur Verfügung, und das bringt es mit sich, dass die Headlines schön straff daherkommen. Außer Text lassen sich auch Pixelgrafiken darstellen, wobei die Betonung auf „Pixel“ liegt. Was an Grafik zu sehen ist, hat den Charme der Klötzchenbilder aus den Zeiten der Homecomputer. Die Beschränkung ist aber noch größer, denn der Adressraum umfasst Seiten von 100 bis 899. Jede Seite hat eine eindeutige Nummer, über die sie aufgerufen wird. Allerdings ist seit etlichen Jahren möglich, mehrere Seiten miteinander zu verketten, um mehr Inhalte unterzubringen, und außerdem gibt es inzwischen auch Unterseiten ohne eigene ID.

Die App TXTVIDEO bietet den Zugriff auf (fast) alle Teletext-Dienste (Screenshot)
Die App TXTVIDEO bietet den Zugriff auf (fast) alle Teletext-Dienste (Screenshot)
Erdacht haben den Teletext BBC-Techniker in den Siebzigerjahren. Ihre Idee war es, die sogenannte „Austastlücke“ zu Informationsweitergabe zu nutzen. Als das Fernsehbild noch zeilenweise aufgebaut wurde, weil die Kathodenstrahlröhre das so wollte, entstanden zwangsläufig Zeilen ohne Bildinhalt. In denen ließen sich digitale Informationen unterbringen. Nun musste den Fernsehern nur noch eine Einheit zum Dekodieren verpasst werden, damit diese Infos auch am Bildschirm dargestellt werden konnten. Weil es anfangs noch gar keinen Seitenspeicher gab, wurde die nächste Seite erst reingeholt, wenn man die vorhergehende abwählte. Heute geht das Ganze digital, und aktuelle TV-Geräte haben spezielle Seitenspeicher, die teilweise mehrere Hundert Seiten zum schnellen Aufruf ablegen können.

Im deutschen Sendegebiet gab es zu Zeiten des terrestrischen Empfangs nur DEN Teletext, der von der ARD (genauer vom SFB, später RBB) verantwortet wurde. 1980 wurde der Service auf der internationalen Funkausstellung in Berlin präsentiert und traf auf eine gewisse Begeisterung bei den TV-Konsumenten. Das ZDF zog zwei Jahre später mit einem eigenen Teletext nach, der WDR war nächster Mitspieler. Heute haben die öffentlich-rechtlichen und die großen privaten Sender allesamt eigene Teletext-Angebote. Im deutschsprachigen Raum gibt es diese Services auch beim österreichischen Rundfunk und beim DRS in der Schweiz.

Kunst gibt's auch im Teletext (ARD-Text-Seite 830)
Kunst gibt’s auch im Teletext (ARD-Text-Seite 830)

Eine der wichtigsten Dienstleistungen im Teletext ist das Angebot von Untertiteln für Menschen mit Einschränkungen der Hörfähigkeit zu Sendungen (insbesondere Filmen), die über die Tafeln 150 (ARD) bzw. 777 (ZDF) erreichbar sind. Der ARD-Text bietet zudem spezielle Nachrichten- und Info-Seiten in sogenannter „Einfacher Sprache“ für Menschen mit kognitiven Einschränkungen. In Krisenzeiten steigen die Nutzerzahlen regelmäßig an. Vermutlich schätzen die Zuschauer nicht nur die Geschwindigkeit, sondern haben auch besonders großes Vertrauen zu den sehr knapp gehaltenen Nachrichten, die tatsächlich durchweg frei von Interpretationen und Meinungen sind, sondern jeweils nur die nackten Fakten liefern. Das war schon zu Zeiten der Kosovo- und Irka-Kriege so, das wiederholte sich rund um die Finanzkrise der Nullerjahre, jetzt wieder in der Pandemie-Epoche und rund um den Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine.

Nein, der Teletext ist noch lange nicht tot. Ob er technisch und in Bezug auf die Benutzeroberfläche noch weiterentwickelt wird, ist unwahrscheinlich. Aber, er ist doch auch gut so, wie er ist. Findet nicht nur mein Freund Michael.

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