Evolution der iPod-Bedienung

Kleine Weltgeschichte der Musikplayer-Bedienung – vom Tefifon bis Spotify

Kürzlich fiel mir im Schaufenster eines Antik-Sachen-Hökers ein original-echter Philips-Kassettenrekorder ins Auge, Baujahr vermutlich Mitte, Ende der Sechzigerjahre. Wir Jugendlichen jener Jahre, beatmusiksüchtig wie wir waren, träumten damals von so etwas. Also von einem Gerät, mit dem man jederzeit die Lieblingsmusik hören konnte. Die lief im Radio: auf Radio Luxemburg, den Piratensendern, aber auch in den legendären Musiksendungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Könnte man die Hits einfach aufzeichnen und dann nach Belieben wieder abspielen – das wäre wunderbar. Und so wünschten sich zwischen etwa 1965 und 1970 Tausende junger Männer Tonbandgeräte zum Geburtstag, zu Weihnachten oder zur Konfirmation. Die Mädchen waren an solch technischen Spielereien weniger interessiert, die wollten bloß, dass ihnen die Jungs ihre liebsten Songs vorspielten. Solch ein Kassettenrekorder hatte gegenüber den höchstens schleppbaren Tonbandgeräten den Vorteil wirklich portabel zu sein. Und: Er war leichter zu bedienen.

Das legendäre Reportergerät Uher Report aus den 60ern
Das legendäre Reportergerät Uher Report aus den 60ern
Bei dieser Gelegenheit fragte ich mich, wie eigentlich die Art und Weise, mit der wir heutzutage unsere MP3-Player und -Apps entstanden ist. Tatsächlich gibt es eine nachvollziehbare, beinahe bruchlose Evolution, die noch vor dem Philips-Kassettenrecorder beginnt. Wir reden von der ersten Phase der magnetischen Tonaufzeichnung, die bis in die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg studierten Toningenieuren vorbehalten war. Und Geheimagenten: Die ersten winzigen und batteriebetriebenen Aufzeichnungsgeräte, für die eigens extra schmale Bänder entwickelt worden waren, kamen wohl so um 1940 zum Einsatz – später wurden daraus Reportergeräte wie das legendäre Uher Report. Und genau mit diesem Maschinchen begann die Standardisierung der Bedienung. Bis dahin hatte jede Bandmaschine ihre eigene Benutzeroberfläche – manche kamen mit drehbaren Wählschalter, andere mit Druckknöpfen und wieder andere mit wirren Sammlungen verschiedener Schalter. Das Uher Report aber hatte je eine Taste für Start und Stopp, für Pause und für Aufnahme sowie für schnellen Vor- und Rücklauf – einfach, klar, sauber.

Etwas Besondere zu seiner Zeit: das Tefifon
Etwas Besondere zu seiner Zeit: das Tefifon
Tonbandgeräte waren nicht für Otto Normalverbraucher gedacht und für ihn auch eher unerschwinglich. Otto in seiner Eigenschaft als Musikliebhaber war auf die Schallplatte angewiesen, die in den Fünfzigerjahren immerhin den Schritt von der 78er-Schellack- zur 7-Zoll-Vinyl-Schallplatte bewältigt hatte. Tragbare Plattenspieler und Koffer, in denen man seine Singles mitschleppen konnte, waren Statussymbole der Halbstarken und Teenager – 12-Zoll-Langspielplatten waren noch rar gesät, teuer und vor allem klassischer Musik vorbehalten. Der Erfinder Karl Daniel hatte aber die Idee, die magnetofonische Musik der breiten Masse zuzuführen und entwickelte Tefifon, das System mit dem Schallband, das ab 1950 von avantgardistischen High-Tech-Usern geliebt wurde. Auf eine Schallbandkassette passten bis zu vier Stunden Musik, die Dinger waren robust, die Bedienung einfach. Nach dem Einlegen konnte man das Band abspielen oder anhalten, mehr nicht.

Einer der ersten Philips-Kassettenrekorder aus den frühen 60ern
Einer der ersten Philips-Kassettenrekorder aus den frühen 60ern
Beim niederländischen Technologiekonzern Philips hatte man schon in den späten Vierzigerjahren entschieden, im Bereich der elektrischen und elektronischen Consumer-Produkte die Weltspitze zu erobern und den Menschen die neuesten Errungenschaften der Technik zu günstigen Preisen und einfach bedienbar zur Verfügung zu stellen. Dies aufbauend auf der Erfahrung mit Rundfunkgeräten, die bald in ein erfolgreiches Geschäft mit Fernsehern mündete. Überhaupt war Musik in Eindhoven ein wichtiges Thema, und als die Erfinder dort die Tonbandkassette zur Serienreife brachten, war der Weg zur magnetischen Aufzeichnung für die Massen offen. Der 1963 während der Funkausstellung in Berlin gezeigte Kassettenrekorder machte Furore, denn er versprach ein Leben ohne Bandsalat. Um die Menschen daran zu hindern, versehentlich mehrere Tasten auf einmal zu drücken, hatte man die Einknopfbedienung eingeführt: Mit einem Schalter, der in vier Richtungen bewegt werden konnte, ließ sich die Kassette starten und stoppen, vor- und zurückspulen. Für die Aufnahme gab es einen eigenen Knopf.

Ein Sony-Walkman der zweiten Generation
Ein Sony-Walkman der zweiten Generation
Die Compact Cassette machte schnell und weltumspannend Karriere. Michael Popmusikliebhaber stieg schnell vom Tonband auf die Kassette um, und nur eingefleischte Hifi-Freaks hielten der Tonbandmaschine die Treue, weil nur deren Aufnahme- und Abspielqualität verwöhnten Ohren genügte. Michael aber nahm alles auf, was nicht bei drei auf dem Baum war. Musik wurde plötzlich beliebig kopierbar. Hatte sich Uwe die neue Pink Floyd gekauft, standen Thomas, Klaus und Michael mit ihren Kassettenrekordern schon Schlange. Und hatten die ersten Piraten Live-Konzerte der großen Rockmusiker anfangs noch mit sündhaft teuren Uher-Report-Geräten aufgezeichnet und als Bootleg-LPs vertickt, waren jetzt die Philips-Rekorder gut genug für den Musikklau auch dieser Art. Sagen wir so: Die Menge an Musik, die von den Menschen konsumiert wurde, vervielfachte sich ab etwa 1965 exponentiell. Heute ist praktisch alles, was Künstler an Tönendem irgendwo auf Träger gebannt haben, verfügbar.

Ein sehr früher Sony-Discman
Ein sehr früher Sony-Discman
Die Bedienung solcher Dinger war also standardisiert. Was aber genauso wichtig ist: Auch die Symbole, die wir heute aus dem Effeff kennen, standen seit den Walkmännern so gut wie fest. Da sind die Dreiecke für die Laufrichtung, das Quadrat für Stopp und der senkrechte Doppelstrich für Pause – die Doppelpfeile für schnellen Vor- und Rücklauf hatte schon Philips erfunden. Die wesentliche Innovation, der entscheidende Beitrag des japanischen Unterhaltungselektronikriesen Sony war es, die Musik wirklich tragbar zu machen. Der Walkman war schon in seiner ersten Version sehr klein; die letzten dieser Spezies waren in jeder Richtung nur noch Millimeter länger als die Kassette selbst. Wie wir wissen, dauerte die Ära der Musikkassette kaum 35 Jahre – die Digitalisierung war einfach nicht aufzuhalten. Mit der Entwicklung der Kompressionsalgorithmen stand dem Zusammenfalten von Musik auf ein Maß nichts mehr im Wege, das elektronisch transportabel wurde. Die Compact Disc wurde als gemeinsames Werk von Sony und Philips geboren, und viele erinnern sich vielleicht nicht mehr daran, dass der erste Discman noch vor den ersten CD-Playern für die heimische Stereoanlage auf den Markt kam.

Winamp, einer der ersten MP3-Player für den PC
Winamp, einer der ersten MP3-Player für den PC
Wie immer, wenn die Digitalisierung in Fahrt kommt, jagt eine Veränderung die andere. Während sich die Musikfeinschmecker noch über den toten Sound der CD echauffierten, waren die Fraunhofer-Ingenieure schon fleißig dabei, das MP3-Format zu definieren, das den Musikkonsum in höherem Maße revolutionieren würde als jede andere Innovation zuvor. Plötzlich war es möglich, auch ausufernde Songs wie die Bohemian Rhapsody von Queen in eine kleine Datei zu packen, die mit geeigneter Hard- und/oder Software jederzeit an jedem Ort reproduzierbar war. Und weil etwa zeitgleich das weltweite Web uns alle erreichte, brauchte es nicht viel Kreativität, es zum Verteilen von Mucke zu nutzen – ähnlich wie in den Tagen der Bootlegs vor allem zur illegalen Distribution. Napster brachten den Musikfreunden in wenigen Wochen praktisch alles an Liedgut, was je von Menschenhand digitalisiert worden war – das Zeitalter der MP3-Player brach an.

Der Rio Karma - einer der besten MP3-Player aller Zeiten
Der Rio Karma – einer der besten MP3-Player aller Zeiten
Die Bedienung der MP3-Abspieler für unterwegs, aber auch der MP3-Software-Player orientierte sich von Beginn an an der Tradition von Kassettenrekorder, Walk- und Discman. Und als Apple dann mit dem ersten iPod den Markt betrat, rieb sich mancher verwundert die Augen, dass sich das angestammte User Interface tatsächlich noch hatte verbessern lassen. Ansatzpunkt der Apple-Entwickler war das Problem, sich schnell und/oder präzise durch den gespeicherten Musikbestand wühlen zu können – das Jogg-Shuttle-Prinzip war geboren – ein enormer Fortschritt gegenüber dem klassischen Doppelpfeil zum Vorwärts- und Rückwärtsspringen von Titel zu Titel. Ach ja: Das Symbol für die Zufallswiedergabe (“Shuffle”) gab es schon bei den allerersten MP3-Playern von Archos und Rio.

Poweramp, der beste MP3-Player für Android-Smartphones
Poweramp, der beste MP3-Player für Android-Smartphones
Man mag es angesichts dieser Historie, die gerade einmal 60 Jahre umspannt, dass Dinger wie der iPod auch schon wieder passé sind. Gut, den sündhaft teuren iPod touch hat Apple noch im Programm, und im Handel finden sich Dutzende MP3-Player, die selten mehr als 25 Euro kosten, aber, wer ein halbwegs aktuelles Smartphone besitzt, hat einfach keinen Bedarf mehr nach einem Gerät, das nichts anderes kann, als MP3-Dateien in Musik zu verwandeln. Selbst die einst revolutionären Nebenfähigkeiten (Cover werden angezeigt! Es hat einen Equalizer etc.) sind heute bei allen Apps zum Zwecke der Musikabspielung Standard. Und alles, was nicht MP3 ist – von der analogen Musik bis hin zu High Definition Audio – dümpelt nur noch in mehr oder weniger breiten Nischen. Wenn die Summe aller von Streamingdiensten (Apple, Google, Spotify usw.) angebotenen, unterschiedlichen Titel momentan bei mehr als 100 Millionen liegt, dann hat das Format einfach gewonnen. Und, um ehrlich zu sein, ein mit dem Kassettenrekorder per Mikro vom Radio aufgenommenes Lied hörte sich tausendmal schlechter an als solch ein MP3-Song per Handy und Ohrhörer.

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