Retro ist ja fein, aber früher war nichts besser!

Letzte Woche ging unsere Spülmaschine kaputt. Und plötzlich war alles wie früher. Morgens, vor dem ersten Kaffee stand ich an der Spüle, den Kopf an den Hängeschrank gelehnt und spülte Tassen, Teller, Besteck. Wie damals in der WG. Hach, damals, als das Abspülen noch Spaß machte. Moment mal! Das hat überhaupt keinen Spaß gemacht. Ich habe nur einen Retro-Anfall!

Das war schon toll damals, in der WG. In meinem Zimmer im fünften Stock Altbau stand mein Schreibtisch, eine Sperrholzplatte auf zwei Böcken. Darauf der Atari XL und ein Röhrenfernseher. Links der Star NL 10 auf einem wackeligen Gestell, das umzukippen drohte, sobald ich das Drucken anfing.

Ja, war schon toll damals. Wenn ich programmiert habe und einen Blick auf das Programm werfen wollte, musste ich es drucken. Meterweise Papier, nur um irgendwo den Fehler mit dem Kugelschreiber zu markieren.

Klar, war das toll. Da habe ich noch mit dem Stift programmiert. So richtig auf Papier. Ein fantastisches haptisches Gefühl, wenn die Lochstreifen durch die Finger glitten.

So ein Mumpitz!

Nichts war toll daran. Aus heutiger Sicht war das unendlich umständlich. Aber wir hatten halt nix anderes. Es gab nichts Tolles an der 40-Zeichen-Darstellung auf einem flimmernden Fernseher. Irgendwann konnte man nämlich nicht mehr hinsehen, weil die Augen brannten.

Flimmerkiste: Nach ein, zwei Stunden brannten die Augen.
Flimmerkiste: Nach ein, zwei Stunden brannten die Augen.

Retro nicht verklären

So toll ist retro gar nicht, oder? Es ist wie immer eine Frage des Standpunktes. Aus damaliger Sicht war es schon prima, überhaupt etwas zu programmieren. Oder Texte nachträglich ändern zu können. Die Textverarbeitung war für mich eine ganz große Sache. Aber aus heutiger Sicht ist das nichts mehr besonderes.

Wenn ich zurück blicke, sehe ich reichlich verklärt auf die alten Zeiten. Meinen 800 XL hege und pflege ich. Aber wenn ich den Nostalgie-Schleier beiseite nehme, erkenne ich, was das damals für eine Plackerei war mit den Computern.

Multitasking gab es auf den Heim-Computern noch nicht. Von einem Programm auf ein anderes umschalten? Na klar. Computer aus, andere Diskette rein, Computer an. Nicht einmal unter DOS wurde das viel besser. Immerhin ging es ohne Neustart. Aber immer noch: Programm verlassen, anderes Programm starten.

Oder nehmen wir – noch etwas später – Windows. Bis hin zu Windows ME waren Abstürze an der Tagesordnung. Wenn Dir die Kiste mit Windows 98 nicht einmal am Tag abgeraucht ist, hast Du nicht wirklich gearbeitet. Erst mit Windows 2000 und später Windows XP gab es halbwegs stabile Systeme.

Oder die frühen Online-Tage, als wir Telefonhörer in die Muffen eines Akustikkopplers drückten und beteten, dass niemand zur Tür hereinkam. Trittschall war tödlich für die Verbindung! Oder etwas später, als Leute tatsächlich dafür bestraft wurden, wenn sie Modems ohne Posthorn an die Leitung klemmten. Oder noch später, als Internet-Verbindungen im 8-Minuten-Takt abgerechnet wurden und mir eine Rechnung von 700 D-Mark ins flatterte. Toll? Von wegen. Das war doch Mist!

Und dennoch: ich liebe Retro

Wenn doch alles Mist war, warum verkläre ich die alte 8-Bit-Zeit dann so? Warum greife ich immer wieder zum Atari oder zum NES? Ich glaube, das liegt daran, dass ich das Gefühl aus jenen Tagen dann wieder spüre. Die Faszination der Computertechnik, die unendliche Kreativität barg. Damals waren diese alten 8-Bit-Kisten revolutionär. Unbequem, ja, aber neu und der Anfang einer großen Ära. Das darf ich schon ein bissl verklären, oder?

So, und jetzt gehe ich die Spülmaschine ausräumen.

Ein Gedanke zu „Retro ist ja fein, aber früher war nichts besser!“

  1. Sehr schön geschrieben! Ja, das Verklären ist tatsächlich ein Thema. Immer wieder fragt man sich: warum befasse ich mich so viel mit diesen (Retro-)Dingen? Für mich ist die Antwort dennoch einfach: weil sie unsere Gegenwart definieren! Und weil Retro nicht gestern ist, sondern heute noch “lebt”. Und natürlich machen auch die alten Spiele großen Spaß. Eben weil sie nicht so ausgeklügelt sind, sondern dem Spieler viel Geschicklichkeit und Kreativität abverlangen. Reduktion fordert immer Fantasie ein. Das kann keine HD-Grafik wettmachen. Danke Martin für Deine Anregungen :)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.