Der Vobis Colani-PC: Biomorpher Rechner

Die 5 skurrilsten PC-Klone aller Zeiten

Größer konnten die Unterschiede nicht sein als zwischen den kommenden Digitalgiganten Apple und IBM und ihren ersten Computern für den Massenmarkt. Sowohl der IBM PC von 1981, als auch der Ur-Macintosh aus dem Jahr 1984 revolutionierten auf ihre Weise die Industrie. Während der Mac völlig neue Standards in Sachen Benutzerfreundlichkeit setzte, war der PC von vornherein auf Offenheit hin konzipiert. Wo der Mac mit einem proprietären Betriebssystem auf einer hermetischen Hardware lief, da kam IBM mit einer offenen Systemarchitektur und einem Betriebssystem, das jedermann kaufen konnte. Es war der IBM PC, der die ganze Branche der persönlichen Computer auf Jahrzehnte prägte. Und das lag an den Klonen. So nannte man die Computer, die mit denselben CPUs liefen wie die IBM-PC- und AT-Modelle (und später auch 286er und 386er), die dasselbe Bussystem aufwiesen und auch sonst hardwareseitig mit vielen Komponenten antraten, die auch IBM nutzte. Hauptsache, das BIOS war so gestaltet, dass auf der Kiste MS-DOS lief…

1. Compaq Portable

Der Compaq Portable von 1983 (Foto: old-computers.com)
Der Compaq Portable von 1983 (Foto: old-computers.com)

Nun war dieses Basic Input Output System aber IBMs geistiges Eigentum und öffentlich nicht verfügbar. Zwar waren schon wenige Monate nach Markteinführung alle wesentlichen Elemente und auch die relevanten Sprungadressen bekannt und dokumentiert, aber da musste 1982 erst das Start-up-Unternehmen Compaq antreten und dieses BIOS reengineeren. Das bedeutet im Klartext: Ein zwölfköpfiges Team begnadeter Programmierer schrieben ein BIOS von Null auf, das am Ende (fast) zu 100 Prozent mit dem BIOS des IBM PC identisch war. Um juristische Streitigkeiten zu vermeiden, fand das Projekt unter ständiger Aufsicht durch Fachleute statt, und zwei Team-Mitglieder, die wegen früherer Tätigkeiten bei IBM als “schmutzig” galten, durften nicht eine Zeile Code eingeben, das Team aber sehr wohl beraten.

Verrückterweise kam bei diesem Compaq-Gig aber nicht der erste PC-Klone heraus, sondern ein tragbarer, IBM-kompatibler Computer: der Compaq Portable. Das war Mitte 1983, und es dauerte noch einmal fast ein Jahr, bis gleich mehrere Hersteller begannen, den IBM PC zu klonen und mit einem reengineerten BIOS auszustatten. Anfangs ergriffen vor allem Anbieter von Komponenten (Diskettenlaufwerke, Festplattenlaufwerke, Grafikkarten, RAM etc.) die Chance, aber bald ließen alle möglichen Firmen aus dem Bereich der Büroausstattung solche Klone bauen, um sie unter dem eigenen Namen zu vertreiben. Erst ab etwa 1985 traten dann bekannte Computerhersteller auf den Plan, die es zuvor mit proprietären Systemen (Commodore) oder CP/M-Maschinen (Amstrad) versucht hatten.

2. Apricot Portable

Design ist alles - der Apricot Portable (Foto: old-computers.com)
Design ist alles – der Apricot Portable (Foto: old-computers.com)

Sagen wir so: Ganz so verrückt wie der legendäre Sir Clive Sinclair waren die Leute von Apricot Computers nicht. Weil sie aber auch sehr britisch waren, gingen sie selbstverständlich ihren eigenen Weg, der über den Markennamen ACT bis zum Sirius 1, den Chuck Peddle entwickelt hatte, führte, dem vielleicht ersten Computer, der das Zeug gehabt hätte, die Büros der Welt zu erobern; er war nicht IBM-kompatibel, lief aber unter MS-DOS. Gegen die Marktmacht von IBM (und auch Apple) konnten die Leute aus Birmingham jedoch nicht anstinken. Also warfen sie sich ab 1983 ebenfalls auf das Thema “IBM-Kompatible” und schufen mit dem ACT Apricot Portable einen der schönsten Vertreter seiner Gattung, der zum Beispiel dem Compaq Portable nicht nur in ästhetischer Hinsicht weit überlegen war.

Und weil er von Briten entworfen worden war, hatte man ihn mit verschiedenen, damals ziemlich skurril anmutenden Funktionen ausgestattet. Der Apricot Portable war der erste Computer mit Sprachsteuerung, der auf den freien Markt kam! Tatsächlich funktionierte das in englischer Sprache verblüffend gut. Man konnte dem Computer maximal 4.096 Wörter beibringen, aber immer nur maximal 64 davon tatsächlich nutzen – eine Folge des wenigen RAM. Auch völlig ungewöhnlich: das drahtlose Keyboard, das per Infrarot mit der Zentraleinheit kommunizierte. Das schöne Ding war kein nennenswerter Verkaufserfolg, und Apricot (1991 von NEC übernommen) brachte in rascher Folge mehr oder weniger stinknormale PC- und AT-Klone auf den Markt.

3. Vobis Colani-PC

Luigi Colani auf der IFA 2013 (Foto: Wikimedia)
Luigi Colani auf der IFA 2013 (Foto: Wikimedia)

Genau drei bzw. vier clevere Kerle brachten um die Wende zwischen den Siebziger- und Achtzigerjahren das Geschäft mit den Computern für jedermann in Deutschland in Schwung: Dr. Achim Becker als Gründer von Data Becker, der als “Orgel-Schmitt” bekannte Manfred Schmitt mit seiner Marke Escom und der Aachner Theo Lieven, der mit seinem Kompagnon Reiner Frailing schon 1975 Vobis Computer gründete und als erster die Sinclair-Maschinchen ins Land brachte. Während Data Becker eng mit Commodore verheiratet war und deren Boss Jack Tramiel natürlich Richtung Atari folgte, setzten Escom und Vobis sehr, sehr früh auf “den PC”, also auf IBM-kompatible Rechner. Und als der Markt durch das Auftreten von immer mehr Anbietern immer enger wurde, blieb etablierten Firmen wie Vobis nichts anderes übrig, als sich vom Rest abzuheben.

Der schlaue Lieven tat das einerseits, indem er Microsoft und deren MS-DOS-Lizensierungspolitik frontal anging, und andererseits mit der Verpflichtung des damals ungeheuer populären Designers Luigi Colani. Der designte alles, was nicht bei Drei auf dem Baum war, und tat das auch immer gleiche Weise – Kunststoff in biomorphen Formen. Damit beklebte er auch Tower-PCs aus dem Hause Vobis, die auf der CeBIT 1993 mit großem Aplomb vorgestellt wurden. Dazu sei nur gesagt: Schönheit liegt im Auge des Betrachters…

4. Mattel Barbie PC

Barbie lernt Computer - Mattel 1998 (Foto: www.format.com)
Barbie lernt Computer – Mattel 1998 (Foto: www.format.com)

Ende der Neunzigerjahre trafen zwei unheilvolle Trends aufeinander, der starke Wunsch, Computer mögen keine langweiligen, beigefarbigen Kisten mehr sein, und der soziale Druck JETZT ABER ENDLICH MAL das Computern zu lernen. Der renommierte Spielwarenkonzern vergab in diesem Sinne eine Barbie-Lizenz an den bis dahin unbekannten Hersteller Patriot Computer, der ein absolutes Low-End-System mit diesem und jenem Mädchenkram beklebte und bedruckte und dann für unverschämte 700 Bucks an Eltern vertickte, die alles, alles, alles für ihre kleine Prinzessin tat. Rund 3.000 Dumme fand man bevor die Company im Jahr 2000 die Rollläden für immer herunterließ – ohne eine einzige Vorbestellung erfüllt zu haben.

5. Packard Bell Corner PC

Um die Ecke - der Packard Bell Corner PC (Foto: Youtube)
Um die Ecke – der Packard Bell Corner PC (Foto: Youtube)

Die renommierte Fachzeitschrift PC World nannte Packard Bell einmal den unglücklichsten PC-Anbieter aller Zeiten. Tatsächlich machten die Verantwortlichen dieses Abkömmlings der größten Telefongesellschaft der Welt in den knapp zehn Jahren ihres Wirkens fast alles falsch, was man in dieser Branche falsch machen konnte. Da wurde Modell um Modell entwickelt … und immer ein bisschen zu spät auf den Markt geworfen. Da kreierte man Butter-und-Brot-Kisten, in denen Fachleute beim Test gebrauchte Komponenten entdeckten. Da bot man ein und dasselbe Modell unter bis zu vier verschiedenen Marken zu vier verschiedenen Preisen an. Und da versuchte man mehrfach, mit schrägen Designidee das Steuer herumzureißen – ein Experiment nannte sich “Corner-PC” und sah auch so aus. Komischerweise hat nie irgendein anderer Hersteller versucht, dieses Design zu imitieren.

Bitte akzeptieren Sie YouTube-Cookies, wenn Sie dieses Video abspielen wollen und unsere Videos hier auf der Seite sehen.
Wenn Sie akzeptieren, werden Sie auf Inhalte von YouTube zugreifen, die von uns inhaltlich stammen, aber von einem externen Dritten technisch angeboten werden.

Hier findet sich die YouTube privacy policy

Wenn Sie diesen Hinweis akzeptieren, wird Ihre Auswahl gespeichert und die Seite wird aktualisiert.

Comments

comments

[Titelfoto: Vobis Colani PC – Christos Vittoratos via Wikimedia unter Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert“ / Foto “Luigi Colani auf der IFA 2013” – Lukas Plewnia/www.polen-heute.de via Wikimedia unter Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 generisch“ / alle anderen Fotos: old-computers.com/museum/]

Comments

comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.