Die NeXTstation - der NeXT für jedermann

NeXT: Wie Steve Jobs mal den vielleicht besten Computer aller Zeiten bauen ließ

Es soll ja Apple-Fanboys und -girls geben, die nicht wissen, dass His Jobness nicht immer bei Apple wirkte. Und wer aus dieser Zielgruppe es weiß, weiß vielleicht nicht, was Steve während der elf Jahre bis zu seiner triumphalen Rückkehr im Jahr 1996 getan hat. Die Antwort: Steve Jobs ließ mal eben den vielleicht besten Computer aller Zeiten bauen. Sein Baby hieß NeXT und war für Otto Normaluser so gut wie unerschwinglich. Das lag daran, dass Mister Jobs die Hardware aus allem komponieren ließ, was damals so richtig gut, aber auch so richtig teuer war. Aber eigentlich war solch ein NeXT zunächst gar nicht für Otto N. gedacht, sondern für das, was die damalige Marketingabteilung „Bildungseinrichtungen“ nannte. Das erste Modell, der mehr als legendäre NeXT Cube, fand so den Weg in die Hackstuben diverser US-amerikanischer Hightech-Unis. Also, NUR in diese Sorte Hochschulen. Das war so um 1989 herum, und die Computerwelt nahm so gut wie keine Notiz davon.

Leider hatte Steve ziemlich viel eigenes Geld in die Company gesteckt, ein bisschen was bei berüchtigten Investoren eingesammelt und 16 Prozent an Canon verkauft. Der japanische Konzern war scharf auf NeXT, weil im Cube ein magneto-optisches Laufwerk steckte; das dahinter stehende Patent wollte man schrecklich gern nutzen. Nun war diesem Laufwerk kein langes Leben beschieden, weil es beim Speichern und Laden ziemlich langsam war. Ja, dieses magische Ding war sogar noch langsamer als die Festplatten jener Zeit – und die waren schon richtig langsam.

Die Geburt eines Betriebssystems

Bekanntlich war Steve Jobs eher ein Ästhet und Kreativkopf mit großem Marketingtalent, aber so gut wie keiner Ahnung von Hardware- und Software-Technologien. Die brachten drei der anderen Dissidenten mit, die das von Anzugträgern feindlich übernommene Unternehmen Apple ebenfalls verlassen hatte. Als Steve die fragte, was für ein Betriebssystem denn der zukünftige NeXT-Computer haben sollte, lautete die Antwort unisono: Unix! Wer sich damals auch nur ein klitzekleines bisschen mit Betriebssystemen auskannte, hatte ja für Spielkram wie MS-DOS oder diese Kinder-OSse eines Atari ST oder eines Amiga nicht mal ein zynisches Grinsen übrig. Ja, die Puristen waren um 1990 herum der Ansicht, dass die merkwürdigen Code-Haufen, mit denen die kleinen Kisten gesteuert wurden, nicht einmal den Namen „Betriebssystem“ verdienten.

Wir wissen heute, dass sie voll und ganz recht hatten, denn heute regieren die unixoiden Systeme die Welt. Der Autor dieses Artikels – damals Chefredakteur einer PC-Zeitschrift – erntete noch 1978 Lachstürme als er den Sieg von Unix voraussagte und sich mit der Prognose, es werde auch Spiele für dieses System geben weit aus dem Fenster lehnte. Heute aber beherrscht das schwer unixoide System OS X samt seinem mobilen Bruder iOS die gesamte Mac-Welt. Das auf Smartphone schon beinahe monopolisierende Google-System Android basiert auf Linux – und das ist ein Unix für kleine Computer. Selbst in Windows stecken spätestens seit der Version 3.11 unixoide Elemente, die mit der Geburt von NT ins Windows geraten sind.

Was die Softwarezauberer bei NeXT zuerst taten, war, alle Open-Source-Varianten von UNIX zu evaluieren, um sich dann für BSD als Basis ihres eigenen OS zu entscheiden. Erst diese Entscheidung führte zu den Entscheidungen bei der Hardware, also für 68000er-Prozessoren von Motorola und den anderen Summs, der sich auf dem Motherboard tummelte. Aus diesem Schlamm entstand dann NeXTstep, das später NEXTSTEP, dann nach der Freigabe OPENSTEP hieß und die Mutter und der Vater aller Mac OSse seitdem ist. Wie wichtig BSD in dieser Sache war, zeigt die Tatsache, dass alle NeXT-Kisten alternativ mit diesem ersten freien, an der Universität Berkeley entwickelten UNIX-Derivat liefen.

Vier Wochen mit dem NeXT

Der Cube kostete nominell rund 6.000 US-Dollar. Aber praktisch niemand zahlte diesen Preis, weil Steve Jobs das Ding einfach in die Unis pumpen wollte. Damit versuchte er, einen Marketing-Erfolg des Mac zu wiederholen, der ja auch im Jahr 1985 zu Sonderkonditionen in die Schulen gehievt wurde. Apple hat das ja noch ein paar Mal probiert, und so entstand bei vielen Hard- und Software-Anbieter das Prinzip des Education-Preises. Wo immer der NeXT Cube adoptiert wurde, löste er Begeisterung, ja, Liebe aus. Und die Computerwelt erfuhr davon … nichts.

Nun hat His Jobness selten persönliche Fehler zugegeben, war aber immer bereit und willens, eine Fehlentscheidung rasch zu korrigieren. Der Cube wurde aufgegeben, die NeXTstation entstand in Windeseile. Das war nun ein Computer im seinerzeit schwer angesagten Pizzabox-Design mit Tastatur und Maus und einem „Megapixel“ genannten 17-Zoll-Graustufen-Monitor. Und der sollte in Deutschland etwa 10.000 DM kosten, also etwas mehr als die Hälfte eines Cube. Allerdings waren 10k Mark anno 1990 ein Haufen Kohle für einen Computer. Übliche PCs im Paket mit Tastatur, Monitor und Maus hatten sich bei rund 3.000 Mark eingependelt. Top-Hardware von Apple übersprang auch in den heftigsten Ausstattungsvarianten nicht die 8.000-DM-Marke.

Und trotzdem: Jobs ließ eine Vertriebsorganisation bauen und peilte auch die europäischen Märkte an. Es gab eine NeXT Deutschland GmbH und drei NeXT-Center sowie eine Vertriebspartnerschaft mit den Karstadt-Warenhäusern. So kam also eine NeXTstation für vier Wochen auf meinen Schreibtisch, denn man versuchte nach altem Steve-Jobs-Muster Evangelisten zu casten, also Multiplikatoren, die sich begeistern ließen und so die Botschaft in die Welt hinaus trugen. Obwohl ich beruflich schon woanders war, ließ ich mich gern auf diese Dauerleihgabe ein.

Der ultimative Flugsimulator

Hätte doch jemand ein Unpacking-Video gedreht! Mit jedem Deckel, den ich öffnete, mit jeder Komponente, die ich auspackte, wuchs die Faszination – das war alles so SCHÖN! Das dezente Grau der Maschine und ihrer Teile hatte etwas Aristokratisch-Futuristisches. Die Oberfläche fühlten sich gut an; Maus und Tastatur waren wie vom anderen Stern. Und dann dieser Monitor… Siebzehn Zoll! Wer-weiß-wie viele Graustufen – Fotoqualität. Ich konnte mich nicht daran sattsehen, öffnete und schloss Fenster und durchforstete die Harddisk nach Beispieldateien.

Ja, man hatte auch eine semigute Textverarbeitung, eine solala Tabellenkalkulation und ein recht kindliches Zeichenprogramm vorinstalliert. Der Hit aber war der Flugsimulator. Zugegeben: Der geniale Pilot am PC war ich nie, und nur einmal kriegte ich die Cessna unfallfrei auf die Bahn in Chicago. Deshalb versuchte ich gar nicht erst, diesen Flusi zu erlernen, sondern ergötzte mich allein am Demo-Modus. Stundenlang. Nix da mit vierfarbigen Klötzchengrafik – hier war alles fotorealistisch und sauschnell. Denn die NeXTstation war dank Prozessor, richtig viel RAM und der genialen Grafik-Unit richtig, richtig schnell.

Nach Feierabend saß ich also vier Wochen lang immer ein Stündchen vor dem NeXT, probierte dies, experimentierte mit dem und quälte mich mit der Frage, ob diese Kiste nicht genau das Richtige für mein Büro wäre – 10.000 Ocken hin oder her. Am Ende blieb ich dann doch bei meiner bewährten Kombi aus Windows-Kisten und Macs, die damals ja noch recht gut miteinander Daten austauschen konnten. Natürlich verfolgte ich das Schicksal der Job’schen Firma, die schon anderthalb Jahre später die Produktion von Hardware einstellte und sich ganz auf NEXTSTEP konzentrierte. Aber so richtig schlau wurde ich daraus nicht. Aber manchmal, da schaue ich immer noch auf eBay nach, ob es nicht irgendwo eine NeXTstation für kleines Geld gibt. Tatsächlich werden die wenigen Maschinen, die überlebt haben, in den USA oft für einen halben Dollar-Hunderter vertickt. In Europa dagegen so gut wie nie…

2 Gedanken zu „NeXT: Wie Steve Jobs mal den vielleicht besten Computer aller Zeiten bauen ließ“

  1. Danke für den Text! Schön geschrieben und versetzt einen gut in das Zeitgeschehen zurück. Auch wenn bei Atari ST Freunden sicher ein paar Tränen kullern werden. Im Zeitalter von „Retro“ hat ja jeder Liebling eine Berechtigung.

  2. Ich habe meine NeXTStation (Turbo) ca. 2003 für ein paar hundert Euro bekommen. Leider habe ich bei einem Softwareupdate auf das „neueste“ Openstep ein paar sehr gute Programme verloren. (War es unter anderem nicht sogar Famemaker?) Etwa ein Jahr lang habe ich den Rechner noch für einiges richtig eingesetzt, aber gegen Ende war immer ein bisschen umständlich ohne Airdrop und SMB nur mit nfs, Diskette und ftp und ganz ohne WLAN oder USB.

    Meine NextStation hat aber nur 4 Graustufen, wie der Commodore A2024 am Amiga (und die gleiche Auflösung). Die CPU ist eine Generation moderner und der Rechner hat mehr RAM als der Amiga 3000, trotzdem ist die NeXT in Alltagssituationen eigentlich nicht schneller.

    Die beiden Rechner sind sich in manchen Punkten ähnlich, was – neben dem ungefähr gleichen Alter – vielleicht auch daher kommt, dass AmigaOS etwas näher an UNIX ist als das im Text versehentlich angeführte Windows 3.11. (War NT nicht eher an VMS als an UNIX angelehnt? OK zugegeben: immerhin ist Windows auch POSIX konform geworden – was Linux nicht immer war und Android nicht ist).

    Momentan ist die NeXT bei mir nur noch ein (obwohl voll funktionsfähiges) Dekorationsstück. Ich musste mir eingestehen, dass der iMac alles geworden ist, was NeXT einmal sein wollte(aber im Gegensatz zur NeXT nie eine richtig tolle Tastatur und Maus bekommen hat) und es deshalb eigentlich keinen Grund gibt das ältere Modell vorzuziehen.

    Der Umstieg ist auch leicht: Meine Diagram-Dateien machte OmniGraffle natürlich anstandslos auf, ebenso wie die Postscript und RTF-Dokumente der NeXT auf dem Mac natürlich perfekt aussehen. Und eigene Programme mussten kaum geändert werden, weil NEXTSTEP ja Teil von macOS ist.

    Leider hatte der NeXT-Laserdrucker bei mir von Anfang an einen kleinen Defekt, der immer ein paar dünne Linien zu den sonst makellos-perfekten Blättern hinzufügte. Zwar flackerte das Licht im Haus, wenn der Drucker startete, aber ich bin immer noch der Meinung, dass ich nie einen besseren Drucker benutzt habe. Mit der kleinen Papierkassette ist er aber nicht für Rechenzentren und Großraumbüros geeignet gewesen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.