Hoppla jetzt komm ich…Self Publishing aus Digisaurier Sicht

Als ich 16 war und zum ersten Mal auf die Buchmesse ging, da dachte ich: da kommen Autoren hin und zeigen den Buchmachern, die Verleger heißen, ihre Manuskripte. Und dann entsteht ein Buch. Ich brauchte ein paar Jahre um zu verstehen, dass Autoren da eigentlich gar nicht so gern gesehen waren. Außer natürlich die berühmten, die Lesungen hatten oder Interviews und Autogramme gaben. Self Publishing, eBook & Co bringen die Branche aber gerade irgendwie durcheinander. Doch Vorsicht: es ist nicht alles Gold, was da für Autoren scheinbar glänzt. Und hinter den Kulissen sieht es sogar ein wenig armselig aus…

BM14_Bierbänke (1 von 1)Frankfurt vor 12 Monaten im Oktober 2014:
Ein paar Bierbänke und Biertische – obwohl das Oktoberfest vorbei ist. Nein, das ist nun wirklich nicht das attraktivste der vielen „Cafes“ auf der Buchmesse in Frankfurt. An Sperrholzwänden, die vermutlich Design sind und nicht ein Versehen – treffen sich einige Self Publisher zum Gedankenaustausch.

Self Publisher – heimatlose Autoren mit neuer Macht?

BM14_Selfpublisher (1 von 1)Self-Publisher – das sind heute die Leute, die schon früher auf der Buchmesse rumliefen und versuchten bei Lektoren von großen bis ganz kleinen Verlagen Gehör und vor allem Zeit zu finden. Zeit für ihren Text, ihr Manuskript. Auf das es einer liest, der die Macht hat zu publizieren. Spätestens nach dem zweiten Tag Buchmesse als Neu-Autor war man demütiger, suchte die kleineren und kleinsten Verlage auf, weil man bei den großen unerklärlicherweise nie den zuständigen Lektor antraf. Klingt nach Klischee – aber ging vorsichtig geschätzt hunderten von Autoren Jahr für Jahr so. Und darum gab es immer schon Verlage, die aus dieser Not durchaus ihr Geschäft machten. Mit klingendem Verlags-Namen und dem Versprechen: „Verlag sucht Autoren“ Und im Kleingedruckten: „…sofern der Autor was dazu zahlt…“ Diese Stände waren immer ein wenig das Rotlichtviertel auf der Buchmesse. Doch seit einiger (digitaler) Zeit soll sich vieles ändern. Dank neuer Technologie…Das war das Mantra 2014… Ich fahre übrigens gerade auf die Messe 2015 und will nachsehen, was davon geblieben ist. Und was Digitalisierung in der Branche sonst noch so macht… Aber zurück zu meinen Erkenntnissen bisher zu denen die nun Selbst-Publizieren…

Neue Technologien – neue Chancen für Schreib-Talente?

Endlich die Geschichte erzählen, die einem am Herzen liegt? Einfach mal eben publizieren und die Welt erreichen? Kann es wirklich bald so sein? Oder ist es gar schon so?  Wenn ich meinen Besuch vor einem Jahr auf der Buchmesse 2014 Revue passieren lasse, würde ich sagen: die Chancen stehen durch neue Technologien fünfzig zu fünfzig. Und das Glas ist eher halbvoll, als halbleer. Das ist die gute Nachricht. Und was sagen den die Profi-Literatur-Platz Sucher?
BM14_Gerd Rumler (1 von 1)„Für uns als Literaturagenten sind die neuen Möglichkeiten im Grunde nur eine Erweiterung. Wir behandeln beispielsweise Amazon oder andere eBook Anbieter im Grunde wie alle Partner, wenn es um die Autoren geht, die wir vertreten.“, erzählte mir Gerd Rumler, jahrelang selbst Programmchef bei renommierten Verlagen und heute als Agent erfolgreich aktiv.

Holzfaser adelt…

BM14_Martina Kuscheck (1 von 1)Seine Partnerin Martina Kuscheck ergänzte: „Wir versuchen bei Autoren abzuschätzen, ob dieser Bereich – von eBook bis im Zweifelsfall Book on demand – zum Profil des Autors passt.“ Also: die Agenten, so scheint es, betrachten ihre Schutzbefohlenen, als Gesamt-Kunstwerk. Und versuchen an den richtigen Stellen, das Richtige für sie zu machen. Wobei drolligerweise trotz Tablett, Smartphone & Co ein Wunsch zentral bleibt: ein echtes Buch soll es werden! Holzfaser als Trägermedium – das scheint immer noch die High Society, der heilige Gral, der Adelsstand – kurz das gelobte Papierland…

„Bei denen die zu uns kommen ist aber der Fokus immer noch: das gedruckte Buch als Ziel.“

Martina Kuscheck & Gerd Rumler, Literatur-Agenten

BM14_Wolfgang Tischer (1 von 1)„Aber man muss klar sehen – viele Verlage bieten jetzt auch reines eBook Publising an, um bestimmte Autoren an den Verlag zu binden. Auch wenn vielleicht gerade das aktuelle Projekt des Autors noch nicht ins Programm passt.“, sagte mir Wolfgang Tischer  von Literaturcafe.de  Er ist kritischer und engagierter Beobachter des Self-Publishing Marktes.

Also: elektronisch ans Verlagshaus binden, sagen die einen. Zwischenparken sagen die anderen. Und ein befreundeter Kollege eines Branchenblattes sagt es etwas unfeiner…

Expertenmeinung: „Super: das ist digitale Mülltrennung…“

BM14_Self-Publishing-Area (1 von 1)Es ist – wenig überraschend – nicht nur Nettes, was man über die digitalen Selbst-Veröffentlicher auf der Buchmesse hört. Insbesondere von Fachjournalisten.

„Ich finde es super, was die Digitalen da machen. Das ist im Grunde die Möglichkeit für die Verlage, dass diese ganzen Pseudo-Autoren woanders aufgefangen werden. Ich habe zu einem derjenigen, die da Dienstleistung anbieten gesagt: Prima- das ist digitale Mülltrennung. Ihr haltet den Schrott von den Verlagen fern…“

Branchenjournalist

Digitale Mülltrennung, nennt es also ein Kollege. Sicher eine drastische Sicht – aber klar ist schon: selbst für viele Autoren in der Self-Publishing Area mit denen ich sprach ist, wie ja auch die Agenten berichten, das ankommen im Bereich der Selbstverleger mit eBook oder Book-on-demand  nicht unbedingt das echte Ziel. Eher ein Einstieg, ein Plan B – das Ziel ist „…in einem echten Verlag, gedruckt werden.“ Und dennoch: die Talkrunden zum Thema, die Vorträge von Anbietern in der Self-Publishing Aera in der Halle 3.1 sind voll. Die Besucher hören sich lange Präsentationen geduldig an. Stellen Fragen und erfahren Erstaunliches:

Mehr Schein als Sein als Trick?

Zum Beispiel: „Durch die neuen Technologien kann man heute, wenn man sich ein bisschen bemüht gar nicht mehr erkennen, ob das ein Selbstverleger ist oder ein klassischer Verlag…“. So erzählen die Vertreter von „Ruck-Zuck-Buch“ und tredition den Zuhörern. Und: „Die Journalisten sind heute sogar offener für die Self-Publischer…“ berichtet Sönke Schulz auf Rückfrage den gebannt lauschenden Autoren in Spe. „Da erwarten sie was Neues, was erfrischendes…“

„Die Journalisten sind heute offener für die Self-Publisher“

Zitat Vortrag Self Publisher Area

BM14_Kindle bei Verlag (1 von 1)Okay – ob das mit der neuen Offenheit der Journalisten bei genauem Hinsehen standhält, ist diskussionsfähig. Erst recht wenn man das Zitat des Branchenkollegen bedenkt. Aber klar ist dennoch eines: die Journalisten sind auch nur noch ein Teil der Vermarktung. Gerade in einer vernetzten, digitalen Welt voller Social Media, Blogs und Youtube-Stars, hat der Autor viel selbst in der Hand. Das erklären auch im Vortrag die beiden Partner Ruck-Zuck-Buch und tredition klar. Und sagen deutlich: das ist Arbeit die der Autor jetzt leisten muss.

Hans-Dampf-Autor in allen Gassen – so gehen Erfolgsgeschichten der digitalen Welt

Es ist bei allen Vorträgen die ich 2014 so hörte dieselbe Mischung aus Hoffnung machen und Realitäten klar machen. Und das gilt auch bei Gesprächen zwischen den potentiellen Autoren und den Anbietern im Markt. Anbieter? Naja – das sind Leute die eigentlich mehr „Enabler“ sind. Aber den Begriff „Enabler“ sagt man auf der Buchmesse wahrscheinlich nicht. Weil – wenn man eine Definition des Begriffes in Frankfurt im Oktober versuchen würde, käme bestimmt rasch der Heureka Moment… „Enabler? Ach Sie meinen einen Verleger!“ Stimmt aber nicht ganz. Eher technischer Dienstleister. Vielleicht Plattform. Denn was muss der Self Publisher auf jeden Fall selber machen? Alles mögliche! Und: Arbeiten! Arbeiten! Arbeiten! Und zwar überall und gleichzeitig.

„Sie müssen sich einsetzen, müssen sich wie ein Verleger um den Vertrieb kümmern und alle ihre Vermarktungsmöglichkeiten einsetzen…“

(Self Publishing Dienstleister)

BM14_treditiion und ruckzuck buch (1 von 1)Aber wenn es klappt, dann ist es… Also – dann ist es… Als hätte man einen tollen Verlag gefunden mit seinem Erstling! Da gibt es die Geschichte der Autorin, die bei dem bereits mehrfach erwähntem Tandem Ruck-Zuck-Buch und tredition ein Buch gemacht hat über Hunde. Und selber nicht genau weiß, wie es dazu kam, dass das Buch über 20.000 Auflage geschafft hat.

Oder die Story von der Dame, die zum Thema Mobbing geschrieben hat und – nach einem Auftritt bei Markus Lanz – plötzlich ihr Buch auf den Amazon Bestseller-Listen ganz oben wiederfand. 100.000 sollen verkauft worden sein. „Und wie kam die zu Markus Lanz?“ fragt eine hoffnungsfrohe künftige Selbstverlegerin. Da muss Vorträger Schulz die Achseln zucken. Weiß er nicht. War halt so. Aber was soll es: die Richtung ist klar und genau so muss er sein, der Autor in einer intelligenten, digitalen Welt. Ein hochaktiver Selbstdarsteller mit Facebook, Twitter und Homepage oder noch besser Blog mit vielen Lesern. Und dann klappt´s auch mit dem Markus…

Digisaurier-Gedanke: War das alles nicht schon immer so?

So als Digisaurier und damit Wanderer zwischen analoger Vergangenheit und digitaler Zukunft kommt einem dann schon der Gedanke: So neu ist das alles nicht… Und wenn man guckt, was auf den „klassischen“ Ständen passiert: engagierte Autoren machen dort jede Buchmesse genau das, was die Kollegen bei den Self-Publisher Veranstaltungen dem Publikum auch sagen:   „Von nix kommt nix…“ Früher wie heute, oder? Vergesst die neuen Zeiten und die irgendwie ja doch neuen Machtverhältnissen in der erzählenden Branche des geschriebenen Wortes. Schaffe, schaffe – Erfölgle baue… Sonst geht nix.

BM14_Autor Selbstvermarkter (1 von 1)Also wenn man ganz ehrlich ist: auch bei den traditionellen Verlagen war es immer schon so, dass der Autor selbst sehr engagiert sein muss, wenn er nicht schon ein Promi war, bevor der was geschrieben hat.“, bestätigen mir auch die Literaturagenten Rumler und Kuscheck. Anders gesagt: viele der irgendwann mal neuen Autoren hatten, nachdem sie in einen „echten“ Verlag kamen, zwar eine Hürde geschafft. Aber eben nur eine. Die Tretmühle des Buchmarktes – damals vor allem auf Papier – war damit nicht etwa durchlaufen. Es fing gerade erst an.

Einmal Verlag und zurück – vom Establisment zum Self-Publisher?

BM14_Buchmesse-Gang (1 von 1)Überspitzt könnte man sagen: so mancher Autor hat im traditionellen  System mit Verlag – wie beim Märchen von des Kaisers neuen Kleidern – gemerkt: der Kaiser ist nackt. „Der Verlag tut gar nicht soviel für mich, wie ich dachte.“, sagt mir einer, der beide Seiten kennt. „Man muss andauernd enorm viel selber machen, wenn man nicht einer der Spitzenautoren ist.“ Und genau darum ist so mancher auch mittlerweile parallel auf dem Weg zum Self-Publishing – obwohl er schon in einem Verlag ist.

„Ja – da gibt es einige Autoren, die einfach beides machen… Oder über einen zweiten Publishing Weg im Self-Publishing nachdenken.“, wissen auch die Literatur-Agenten.

Und es gibt ohne Frage Namen, die könnten heute auch ohne Verlag – nachdem die Basis gelegt ist. Thriller Autor Sebastian Fitzek zum Beispiel – wer pusht da wen? Manchmal ist man sich da gar nicht so sicher. Und gerade in den Tagen vor der Buchmesse 2015 geht die Meldung um, das Cornelia Funke, wegen Meinungsverschiedenheiten mit dem US-Verlag – ebenfalls zur Self-Publisherin wird.

Die Dienstleister – klappern gehört zum Handwerk

Und was machen nun all die Dienstleister in diesem Bereich, um sich zu unterscheiden. Kunden – pardon – Autoren zu sich zu ziehen? Die Kollegen von Egmont und der Self-Publishing Plattform Lyx machen zum Beispiel den kommenden Autoren den Weg leicht. So ein ganzes Buch gleich fertig zu schreiben ist ja viel Arbeit. Also:  „Chapter by Chapter“-Publishing wird hier vorgestellt.

„Der Autor will nicht warten, bis alles fertig ist. Er will die ersten Sachen Online stellen, dann eine Meinung der Community hören. Sich motivieren lassen zum weiterschreiben…“

Sabine Glitza, Egmont Lyx

BM14_Direktlesen-Direktpublizieren (1 von 1)Nachdem ich das gehört hatte, das man abgeben kann bevor man fertig ist, fragte ich mich zum Beispiel bei diesem Foto-Schnappschuss von der Messe, ob die Dame mit dem Tablett gerade publiziert, konsumiert oder sich nur informiert wo irgendein Autor oder Verlag wohl zu finden ist.

„Aber was ist, wenn der Autor irgendwann – aus welchen Gründen auch immer – aufhört?“, frage ich mich, beim Chapter by Chapter Konzept. Sabine Glitza denkt, dass das nicht passiert, weil „…die Leute bei uns in der Leserschaft wirklich sehr nett zu den Autoren sind. Da wird nicht gebashed sondern wirklich motiviert…“ Und sollte dennoch einer mittendrin aufhören, sagt Dennis Schmolk, „…dann hat die Geschichte halt kein Ende.“

Das ist wohl wahr – allerdings würde mich diese digitale Freiheit als Leser eventuell doch ein wenig nerven. Und als Autor finde ich es befremdlich, weil wir alle wissen, dass während des Prozesses des Schreibens das Umschreiben im Laufe des Buches (auch von frühen Kapiteln) ein sehr normaler Vorgang ist, Aber schreibt man um, wenn es schön öffentlich ist…

Aber die Self-Publish Plattformen können auch anders: wer nicht nur einfach mal so veröffentlicht, sondern zum Beispiel bei Lyx-Talent mitmacht und sich bewirbt, der muss wirklich „…die ganze Geschichte fertig haben. Sonst nehmen wir den nicht an.“

Mal ernsthaft: die Self-Publisher professionalisieren sich

Eine Professionalisierung der Autoren im Self-Publishingbereich sehen auch die Kollegen, die sich darum kümmern, dass Manuskripte lesbarer werden. Am kleinen Stand des Verbandes der freien Lektoren, treffe ich drei die sich in einer Sache einig sind: die Self-Publishing Autoren haben sich verändert.

„Die Autoren die selbst verlegen, sind bestimmter geworden. Die wissen, was die wollen. Sie haben eine Vorstellung davon, was Lektorat tut und was ein gutes Lektorat an einem Buch besser machen kann. Da hat sich schon was verändert.“

Verband der freien Lektoren

Insofern ist der Verband, der 2014 zum ersten Mal in der Self-Publishing Area war sehr zufrieden mit dem neuen Standort.

BM14_Buchpreise (1 von 1)Auflagenerfolge? Preise? Anerkennung? Wer zu literarischen Ehren kommen will, der braucht mehr als nur sich selbst – und die Eigenverlags-Autoren scheinen das zu erkennen, suchen irgendwie ein Team: „Wir haben deutlich mehr Zulauf als in den letzten Jahren. Da waren wir auch in dieser Halle, aber an einer anderen Stelle. Das hat deutlich weniger gut funktioniert.“ Nicht zuletzt wohl auch, weil viele der Vorträge für die neue Publisher-Welle Mantra-artig wiederholen: „Du musst das richtig machen oder gar nicht.“ Vom Cover-Design bis zum Lektorat – es gibt viel zu tun. Hier braucht man dann doch wieder ein Netzwerk. Wenn auch irgendwie ein anderes als früher unter dem Dach eines Verlages. Und in den umliegenden Ständen scheint es genau all das zu geben, was man braucht. Software, Plattformen, Lektorat, Covergestaltung und vieles mehr. Ich bin gespannt wie das 2015 sein wird.
Bei den Dienstleistern gehört, vor allem wenn sie auf der Bühne vor den künftigen Autoren sprechen, klappern zum Handwerk. So mancher Vortrag in 2014 hatte ein paar Stellen, da findet man manches ganz schön vermessen.

Elektronische Tupperware-Konzepte für mehr Leser?

Junge-Zielgruppe-05943Etwa wenn vorgerechnet wird, dass die Buchbranche Jahr für Jahr tiefer in die Krise kommt. Dass sie – verglichen zum Medien Dax – irgendwie 300% schlechter liegt… Und nun sollen die neuen Möglichkeiten von Self-Publishing mit seinen Machern das Thema Lesen wieder von Platz 17 zurück auf Platz 2 bringen wo es vor zig Jahren mal war?

Fragt man – abseits der Bühne – nach, wie das gehen soll, dann wird das Ganze schon eine Nummer kleiner. „Self Publishing rettet also das Lesen?“ „Nein – das kann ich so nicht sagen. Aber für uns steht fest: wenn Autoren selbst anfangen zu vermarkten, so eine Art Crowd-Searching für Leser – dann haben wir ein enormes Potential, um den Kampf um die Freizeit der Menschen zu gewinnen. Und alle stärker zum Lesen zu motivieren, statt zum TV gucken in einer Mediathek auf Abruf.“

BM14_Verlag sucht Autoren (1 von 1)Also so was wie eine Tupperware-Party fürs Lesen? Freunde einladen, (eigene) Bücher verkaufen? Ja, den Vergleich findet Sönke Schulz von tredition – der diese Zahlen auf der Bühne präsentiert hat – gut. Ob er den Vergleich mit Tupperware selber verwenden dürfe? Klar, gerne. Und auch hier denke ich mir so als Digisaurier: auch nicht neu. „Verlag sucht Autoren“ macht das genauso. Man muss nur mal die Veranstaltungen an diesen Ständen verfolgen. Aber nun geht das ja elektronisch – ganz neue Dimensionen! Aber ein Fragezeichen von durchaus größeren Format bleibt: Mit Books on demand die man an Freunde und Bekannte vertickert gegen den Megatrend Video on demand anstinken? Zumindest ein ehrgeiziges Ziel. Dennoch: es ist nicht ganz von der Hand zu weisen, das engagierte Menschen ihre Freunde zum Lesen animieren können. Und ein Facebooker hat heute im Schnitt irgendwie rund 200 Freunde. Also: Social Media als wichtiger Treiber für eBook und Self-Publishing? Ulrich Faure, Branchenkenner vom Fachmagazin Buchmarkt ist da skeptisch…

Es wird zwei Welten geben – Papier und digital

Vieles kann, nix muss. Und Ausnahmen bestätigen sicher die Regel. Aber für den Großteil der neuen Marktteilnehmer – so ist der Marktkenner Faure vor einem Jahr überzeugt – gilt die Regel und nicht die Ausnahme.

„Klar gibt es ein Potential. Aber der Großteil dieser Autoren wird feststellen, dass von den 50 Facebookfreunden, vielleicht 30 das Buch interessant finden, das man geschrieben hat. Und ein Teil kauft es vielleicht auch. Aber das hat nicht das Potential den Verlagsdominierten Markt auszuhebeln.“

Ulrich Faure, Buchmarkt

BM14_Buchhandlung des Jahres (1 von 1)Für Faure wird es irgendwie immer zwei Welten geben. Die neue digitale, getrieben von Profi-Verlagen und auch Self-Publishern. Und den klassischen Printverlag. „Das Buch aus Papier wird nicht verschwinden…“, ist er überzeugt. So wie das Kino nicht durch das Fernsehen verschwand.

BM14_EBook-Ecke (1 von 1)So sehen es wohl die meisten in Frankfurt in den Tagen der Buchmesse. Vor allem, wenn man sieht, wie verlassen meistens die „eBook“ Ecken sind. Alle stürmen zu den Bücherstapeln, blättern und schmökern in den „echten“ Büchern. Selten sitzt irgendwo einer mit einem eBook-Reader und schmökert.

Aber: wie all diese Papierblätterer dann daheim wirklich lesen – ob auf Papier oder digital – das bleibt freilich offen. Vor allem nachdem sie – gar nicht so selten – ein Buchcover eines Papier-Titels in dem sie gerade geblättert haben mit dem Handy fotografieren…

Die neue Fairness – eine Chance der intelligenten Welt

Die Schwesterseite der Digisaurier heißt ja www.intelligente-welt.de. Und gemeint ist genau diese digitale, vernetzte Welt und hoffentlich auch schöne Welt, die da irgendwie kommen könnte, wenn wir das eine oder andere richtig machen, mit diesen Technologien. Und aus dieser Sicht betrachtet muss man sagen: Wichtig war 2014 in der Halle 3.1 – wo die neuen Technologien, wo die intelligente, vernetzte Welt den alten Wunsch des Geschichten Erzählens und Publizierens für so manchen wieder möglicher erscheinen ließ – eines: Fairness.

BM14_Tischer-Runde (1 von 1)Es hieß immer und überall: Nicht abzocken lassen. Auch wenn die Vortragenden den potentiellen Autoren den Mund vielleicht ein bisschen sehr wässrig machen und vielleicht das eine oder andere Mal über das Ziel hinaus schossen: es gab Runden, wie die von Wolfgang Tischer, die deutlich darüber redeten, worauf man achten sollte, um am Ende nicht der Dumme zu sein. Was man nicht tun und auch nicht bezahlen sollte bei den Verlagen im Self-Publishing. Also bei den „Verlagen“, die oft gar keine Verlage sind, sondern eben nur Dienstleister. Anbieter deren Angebot man einkauft, als Autor. Deren Angebote man vergleichen sollte, bevor man sich entscheidet.

Insofern bleibt ein Fazit: die Chancen sind 50 zu 50. Das Glas ist eher halbvoll, als halbleer für die neuen Autoren durch das Self Publishing. Und: in einer solchen intelligenten Welt ist offenbar die Chance auf Fairness, Transparenz und Ehrlichkeit beim Self-Publishing gestiegen, im Vergleich zu früher. Das wäre doch schon mal was.

BM14_SelfPublishing Arbeitsplatz (1 von 1)Und während ich all das – im Zug nach Frankfurt sitzend – schreibe und gespannt bin was dieses Jahr geblieben ist von all dem was ich letztes Jahr gehört habe, beschließe ich diesmal den Digisaurier daheim zu lassen und ganz mit den Augen der intelligenten Welt die Geschichtenerzähler-Branche in Frankfurt zu betrachten.

Und dabei fällt mir ein: ich bin hier ja auch Self-Publisher. Weil: der Text ist ja sicher viel zu lang, den hätte keiner gedruckt und vermutlich will ihn eh kaum einer lesen. Aber: es hat Spaß gemacht ihn zu schreiben. Und nein – ich hab mir keinen Lektor leisten können. Darum sind alle Tippfehler meine Schuld. Und Gedankenfehler eh…

BM14_SelfPublisher bei der Arbeit (1 von 1)
Zu lang, zu kompliziert und zu wenig Bilder? Self-Publsihing geht immer….

***

Kollege Michael Lang hat ein recht gutes Fazit für sich aus diesem Text (ja! er hat ihn komplett gelesen…) gezogen, dass ich den Lesern nicht vorenthalten will. Danke, Michael… Und wenn noch jemand ein anderes Fazit ziehen will: nur zu. Kommt auch gerne hierher… Oder in die Kommentare schreiben – wie es euch gefällt…

MichaelLangvia Facebook Michael Lang

Christian, deine Feststellung in deinem Artikel, dass sich die Selfpublishingszene professionalisiert, kann ich nur bestätigen. Wenn ich dran denke, über welche Banalitäten in der Selfpublishing-Gruppe auf FB noch vor zwei Jahren diskutiert werden musste und was da oft für Schwachsinn als Gegenargument kam … Genau genommen hat eine Zweiteilung stattgefunden: Die einen wurden Profis und verschwanden deshalb weitgehend aus der Gruppe, die anderen – Hobbyschreiber und Unbelehrbare – sind mangels Erfolg auch weitgehend verschwunden. Heute sind es vor allem Neueinsteiger, die naive Fragen stellen – aber das ist ja normal und richtig so. 

Einen wesentlichen Unterschied zur früheren Situation gibt es durch Selfpublishing schon: Früher scheiterten auch potenzielle Topautoren öfter mal am Zeitmangel oder Desinteresse der Lektoren, die Manuskripte unbesehen zurückschickten. Heute rekrutieren immer mehr Verlage neue Autoren aus der Selfpublisher-Szene anhand der Verkaufszahlen ihrer E-Books – und das ist ein eindeutig fairerer Auswahlprozess. Allerdings dürften das bald auch die Agenten zu spüren bekommen, denn die Auswertung der Amazon-Charts u. ä. ist für die Verlage billiger. Einige Agenten benützen die Charts ihrerseits bereits zur aktiven Suche. Und es gibt noch einen Nachteil: Autoren, deren besondere und einzige Begabung das Schreiben ist, fallen hinten runter, denn ohne PR-Geschick, Grundwissen in Betriebswirtschaft und sogar gestalterisches Händchen haben weniger Chancen als unter Verlagsbetreuung. So gesehen verändert Selfpublishing den Autorenmarkt durchaus.

2 Gedanken zu „Hoppla jetzt komm ich…Self Publishing aus Digisaurier Sicht“

  1. Für einen – wie nennt Christian das? – „Selbsterleber“ ist es immer wieder komisch, wenn ein Thema, an dem man schon ein Jahrzehnt oder mehr knuspert, plötzlich hip & cool wird. Denn eigentlich ist dieses Self-Publishing ein Hut, der bis weit in die Vergangenheit zurückreicht. Man nannte es so bis etwa 1990 herum immer „im Eigenverlag“, wenn ein Autor weder Kosten, noch Mehrkosten scheute, um seine Ergüsse gedruckt in Buchform sehen wollte. Da gab es spezialisierte Druckereien und dann auch ebenso spezialisierte Verlage, die einem den Stress mit den Druckern und Buchbindern nahmen. Und dann auch die Verlage, die alles verleg(t)en, wenn der Autor bereit war, einen, ähem, Kostenzuschuss zu leisten. Auf beiden Wegen entstanden dann Kleinauflagen, die im Keller des Autors lagerten und von denen er Exemplar für Exemplar verschenkte.
    Dann kam Book on Demand, und ich wurde zum Selbsterleber. Hatte ich mir doch bei etlichen Buchmessenbesuchen, bei denen ich die Lektoren meiner Lieblingsverlage nervte sowie zugehörigen Briefwechseln, Telefonaten und Auflauerungen eine grünblaue Nase geholt. Immerhin reichte es zu je einem Bändchen bei rororo Tomate und rororo Thriller. Der Charme des BoD-Prinzips erschloss sich mir unmittelbar: Keine Kartons mit Kleinauflagen mehr im heimischen Keller“ Gedruckt wird erst, wenn jemand bestellt. 1998 brachte ich so unter Pseudonym Nummer 1 einen Band mit, ähem, erotischen Geschichten heraus, der auch eine ISBN-Nummer hatte und deshalb in jedem Buchladen bestellt werden konnte. Und natürlich auch bei BoD sowie nach deren Ankunft in Deutschland bei Amazon. Mein Marketing bestand aus Mund-zu-Mund-Propaganda, wobei mein Mund eigentlich der einzige war. Und doch (Achtung: Loooong tail…) brachte es das Büchein mit 120 Seiten bis 2011 (als ich es nicht verlängerte) auf immerhin 1.300 Exemplare.
    Ermutigt davon und erleichtert wegen der drastisch sinkenden Kosten (anfangs kostete ein BoD-Projekt mindestens 600 DM) warf ich mehr von mir auf den Buchmarkt – bei BoD komme ich per heute auf elf Titel, von denen zwei unter meinem Echtnamen immer noch zu haben sind und gleichmäßig gut (na ja…) laufen: „Jede Hoffnung“ und „Wie die Nase“.
    Auch wenn Künschtler ungern von der Kohle reden: Alles in allem habe ich mit meinem belletristischen Werk seit 1998, also in sechzehneinhalb Jahren Einnahmen in Höhe von rund 22.000 Euro erzielt, was ungefähr 110 Euro im Monat entspricht. Dagegen stehen BoD-Kosten von etwa 2.400 Euro sowie Kosten für zertippte Tastaturen, erblindete Monitore und was man als Autor noch so verbraucht.
    Seit es Kindle gibt, sind meine jeweils aktuellen Titel natürlich auch als eBooks zu haben, aber die dort erzielten Umsätze sind marginal, selbst wenn nach einer Werbeaktion mal 300, 400 Downloads stattfanden. Die eBook-Variante bei BoD ist noch enttäuschender…
    Auf dem Hintergrund: Es gibt ja ungefähr nur drei Krankheitsbilder, warum jemand belletristisch schreibt: Eitelkeit, Eitelkeit und Gier. Denn die Welt da draußen wartet eigentlich überhaupt nicht auf weitere Bücher, außer denen von Bestsellerautoren. Bekanntlich kann kein Schreiberling außer diesen mit dem Schreiben ernsthaft Geld verdienen. Ich las vor einiger Zeit, dass von allen, die je ein belletristisches Werk veröffentlichen konnten, nur 0,1% vom literarischen Schreiben leben können. Wer also wegen der Kohle Romänchen und Geschichtchen und Erzählerchen verzapft, hat den Knall nicht gehört. Also bleibt der eitle Wunsch, der Welt etwas mitzuteilen (ob sie will oder nicht) und dafür haufenweise Anerkennung und womöglich Bewunderung einzustreichen. Wenn das so stimmt, dann sind Bücher auf Demand eine prima Therapie, die wenig kostet, im Idealfall schwarze Zahlen erzeugt und dem Autor einträgt, was er sich wünscht.

    Und das alles hat, lieber Christian, mit dem Büchermessen in Frankfurt und dem zugehörigen Verlags- und Literaturzirkus wenig bis gar nichts zu tun.

    1. Sagen wir mal so, lieber Rainer. Nachdem die Buchmesse auch ein Jahrmarkt der Eitelkeit ist und es gaaaanz oft um ´s Geld verdienen geht, hat es schon auch was miteinander zu tun. Aber keine Frage: das ganze ist heute einfacher als in den Zeiten von denen Du schreibst. Und das nur ein kleiner Teil davon wirklich leben kann, das wird sich vermutlich in der Relation auch nicht wirklich verändern. Das ist wie mit Schauspielern oder Fernsehmoderatoren ;-)

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