Smartwatches konkret: Man gewöhnt sich an alles

LG G Watch R
Von einer stinknormalen Armbanduhr mit bloßem Auge nicht zu unterscheiden
Wenn ich mich recht erinnere, habe ich mit dem Tragen von Armbanduhren aufgehört, nachdem mein aktuelles Handy auch im Ruhemodus die Uhrzeit zeigte. Das muss so um 2002 herum gewesen sein. Ich hatte es aber auch nie so mit mobilen Zeitmessern und konnte den Spruch vom „einzigen Schmuck, den ein Mann tragen darf“ nie recht nachvollziehen; schon gar nicht das Sammeln von Armbanduhren. Deshalb haben überhaupt nur zwei solche Dinger in meinem Leben eine Rolle gespielt: eine superleichte Uhr aus Titan mit Titanarmband, die ich noch heute besitze, und eine der allerersten Junghans-Funkuhren. Ja, genau, so ein fettes Teil mit Knubbel, in dem die Antenne saß.
Und nun Smartwatches. Tatsächlich fiel mir in den vergangenen rund acht Wochen die Gewöhnung daran, wieder täglich eine Uhr am Gelenk zu haben, am schwersten. Ganz abgesehen davon, die Intelligenzzwiebel morgens nicht auf der Ladeschale zu vergessen und immer schön am Mann zu tragen. Zunächst war es eine eher schlichte LG G Watch der ersten Generation, seit Weihnachten ist es der runde Nachfolger mit dem R im Namen. Während ich auf das eckige Gerät stellenweise noch angesprochen wurde („Ist das ne Smartwatch?“ – „Nein, das ist mein Herzschrittmacher…“), fällt die R-Watch niemandem mehr auf.

Solange ich sie nicht vor meine Sprechöffnung halte und mit Miss OK Google plaudere. Ich schwöre, bisher hat noch jeder, der diesen Vorgang beobachtete, einen Kommentar bei der Hand, vorwiegend spöttisch, teils beleidigend oder mitleidig: „Jetzt reden’s schon mit der Uhr…“ Da muss man aber durch, will man den Nutzen einer Smartwatch ausloten.
Nun durchläuft die Beziehung zu technischen Gadgets ja verschiedene Stadien beim Manne. Es beginnt mit hysterischer Technikverehrung, führt über andauernde Technikbegeisterung und neutrales Abschätzen von Techniknutzen bis zur Skepsis und schließlich der nicht selten zu beobachtenden Technophobie. Wer auf der Euphorieseite begonnen hat, wird nach dem Erwachsenwerden meist bei der Vernunft oder der Skepsis landen – Ablehnung und Hass bleiben den Romantikern vorbehalten, die grundsätzlich fragen „Muss das denn auch noch sein?“
Ganz grundsätzlich lebe ich inzwischen mit einem entspannten Verhältnis zur Technik, dem sich ab und an Skepsis beimengt. Oder – wie im Falle vom Google Glass – hundertprozentige Ablehnung. Bei der Smartwatch war es von vorhinein Neugier und ein recht klares Nutzungsbild, das auf einer ganz einfachen Annahme beruht: Nie wieder das Smartphone aus der Gesäßtasche fummeln müssen, nur um nach der Uhrzeit oder eingehenden Meldungen zu schauen. Diese Erwartung haben beide Testkandidaten voll und ganz erfüllt. Und damit hat sich für mich die Investition von um die 250 Euro für LG G Watch R schon rentiert.

Display-Verlängerung
Unter Experten nennt man diese Nutzung „Display-Verlängerung“, weil die Kluguhr nicht autonom, sondern immer nur im Zusammenspiel mit dem Smartphone genutzt wird. An dieser Stelle tobt im Übrigen ein Glaubenskrieg unter den Smartwatchisten, denn die Puristen unter ihnen finden Android Wear, das System der entsprechenden Uhren, doof und bevorzugen autonome Armbandgeräte. Also Dinger wie die von Sony und Pebble, die auch ganz ohne Smartphone zu etwas nütze sind. Es gibt aber auch eine Menge Gründe, Android Wear (noch) nicht zu mögen, denn das gut gemeinte System klemmt momentan noch an allen Ecken und Enden. Ach ja: 120 Euro wären ein angemessener Preis…
Für die Dinge, die ich meiner Smartwatch zumute, reicht es aber jetzt schon allemal. Das beginnt – fast peinlich, das anzuführen – mit der Uhrenfunktion. Denn auf dem tollen P-OLED-Schirmchen lässt sich nicht nur die aktuelle Ortszeit einblenden, sondern auch die Zeiten an anderen Orten der Welt, Weckzeiten und natürlich auch die Ergebnisse von Countdown- und Stoppuhr-Aktionen. Weil die R-Watch rund ist und einen Knopf (der bei einer echten mechanischen Uhr „Krone“ hieße…) besitzt, ist die Bedienung sehr, sehr komfortabel. Zweitens: All die feinen Äußerungen der integrierten Sensoren – Pulsmesser, Schrittzähler, Druckmesser, Kompass. Für jeden dieser Melder und Kombinationen davon gibt es feine Apps, und natürlich lässt sich Runtastic auch damit füttern.
Und dann noch das feine Vibrieren, wenn eine Benachrichtigung (Mail, SMS, Facebook, Messenger) eintrifft. Da gibt es dann Kritiker, die sich beschweren, dass die R-Watch keine Soundausgabe besitzt, also die Mail nicht vorlesen kann. Kritischer ist, dass man eine längere Nachricht guten Gewissens nicht vom Display ablesen mag, sondern im Vibrationsfall dann noch das Smartphone zückt um zu lesen. Mich hat das nicht gestört. Toll fand ich, die Schlau-Watch als Fußgänger-Navi zu nutzen; wobei da natürlich nur die Gehpfeile ernsthaft ablesbar sind. Deshalb eben nur beim Zu-Fuß-Gehen… Das Wetter habe ich mir gern auf der Uhr anzeigen lassen – aber das war’s auch schon.

Wenn man die LG-Smartwatches so nutzt wie hier beschrieben, reicht eine Akkuladung in der Regel für anderthalb bis zwei Tage, sodass ich mir angewöhnt habe, die Uhr abends immer auf der Ladeschale zu parken. Nur einmal ist mir dann doch der Strom ausgegangen – die R-Watch lag nicht richtig und hatte sich nicht aufgeladen.
An dieser Stelle ergibt sich schon die Wunschliste für die nächste Generation Smartwatches (und, nein, die Apple Watch finde ich bei meinem Nutzungsszenario völlig uninteressant). Ich finde, sie sollten rund sein, und mit einer Akkuladung eine Arbeitswoche durchhalten. Der Rest wendet sich dann an Google und dreht sich um Verbesserungen an Android Wear – die Wünsche dahingehend aufzuschreiben, lass ich mal: die Liste wäre noch ziemlich lang.

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