Buch zu Visicalc

Software-Saurier – Folge 2: Tabellenkalkulation? Laaaangweilig…

Machen wir uns nichts vor: Tabellenkalkulation ist ungefähr so sexy wie mit feuchten Wollsocken im Bett. Das war von Anfang an so. Und weil ich in den Zeiten der glorreichen Data Welt der einzige war, der dem Thema Spreadsheet etwas abgewinnen konnte, wurde ich so etwas wie Experte. Alle anderen Computerfreaks in den frühen Achtzigerjahren kamen entweder von der Textverarbeitung oder vom Videospiel her oder waren Programmier-Nerds. Ein paar Jungs mit Informatikhintergrund interessierten sich auch für Datenbanken, aber eben niemand für die Tabellenkalkulation. Mir als Freiberufler kam diese Geschmacksrichtung der Software aber sehr gelegen, weil ich hoffte, damit die notwendige, aber üble Rechnerei eines Selbstständigen bewältigen zu können. Meine erste Begegnung mit einem solchen Tabellendings war dann VisiCalc auf einem Apple II. Und das Prinzip – an dem sich bis heute nie wirklich etwas Entscheidendes geändert hat – leuchtete mir sofort ein. Und, ja, ich hatte Spaß an VisiCalc!

Ein VisiCalc-Blatt auf einem Apple II
Nostalgisches Bilder: Ein VisiCalc-Blatt auf einem Apple II
VisiCalc stand für „Visible Calculator“ und war das Baby von Dan Bricklin, der allerdings über keine nennenswerten Programmierfähigkeiten verfügte, also auf entsprechende Handwerker zurückgreifen musste. Seine Idee war simpel: Man legt Zahlen in Zeilen und/oder Spalten an und führt an ihnen Berechnungen durch, indem man in dem Feld, das später das Ergebnis auswerfen soll, eine entsprechende Rechenformel einträgt. Die Spalten sind mit Buchstaben gekennzeichnet, die Zeilen mit Zahlen; so hat jede Zelle eine eindeutige Koordinate, die in der Formel als Variable genutzt werden kann. Stehen in den Feldern – oder wie es schon bei VisiCalc hieß: Zellen A1 und A2 die Zahlen 15 und 18, gibt man in Zelle A3 die Formel A1+A2 ein und erhält als Ergebnis 33.

Wie gesagt: An diesem Grundprinzip hat sich bis heute nichts geändert. Warum auch: Es ist eines der wenigen Anwendungskonzepte, das die analoge Tätigkeit von Buchhaltern und anderen Berufsrechnern wirklich eins-zu-eins auf den Computer überträgt. Weil dieses Prinzip aber so klar und deutlich ist, war es ganz problemlos per Programmierung in eine Anwendung zu überführen. Denn genau solche Konstrukte aus Variablen, Formeln und Resultaten lassen sich bestens in Code umsetzen. Aber auch der Nutzen der Tabellenkalkulation wurde hellen Köpfen unmittelbar klar, und der damalige Anbieter „Personal Software“ beeilte sich auf Bitten von IBM auch eine Version für CP/M 86 und natürlich MS-DIS zu entwickeln.

Microsoft Multiplan, der VisiCalc-Killer
Microsoft Multiplan, die Tabellenkalkulation, die in kurzer Zeit VisiCalc das Lebenslicht ausblies
Aber während Personal Software noch tabellarische Allmachtsphantasien entwickelte, entwickelte man bei Microsoft die Konkurrenzanwendung, die den Erstling in kurzer Zeit verdrängte: Microsoft Multiplan. Da man den Begriff um 1982 herum so noch nicht verwendete, sprach niemand von einem VisiCalc-Klone. Zumal Microsoft sich auch bei den Koordinaten einen Sonderweg gönnte: Sowohl die Spalten, als auch die Zeilen waren nummeriert; deshalb lauteten die Koordinaten zum Beispiel Z1S3 und Z14S2. Der Rest war dann wie gewohnt. Allerdings lief Multiplan auf einem MS-DOS-Rechner deutlich schneller als das Vorbild und hatte erheblich mehr Rechenformeln an Bord. Weil sich Multiplan besonders in Deutschland ganz gut verkaufte, schob Microsoft Versionen für den CP/M, Apple II, ja, sogar für den C64 und später auch für den Macintosh nach.

Lotus 1-2-3, der Tabellenstandard
Lotus 1-2-3 wurde in kürzester Zeit zum Standard bei den Spreadsheets
Was genau Mitch Kapor bewogen hat, sich ausgerechnet auf das Feld der Tabellenkalkulation zu stürzen, hat er selbst nie schlüssig erklären können. Jedenfalls gründete er zusammen mit Jonathan Sachs die Firma Lotus Development, die über lange Zeit ein One-Trick-Pony blieb und bloß 1-2-3 im Angebot hatte. Der Name entstand übrigens aus Kapors Aussage: „Das Ding ist so schnell, das liefert Ergebnisse, bevor Sie 1,2 und 3 sagen können.“ Und damit hatte er Recht, denn Lotus 1-2-3 rechnete um mehrere Größenordnungen schneller als VisiCalc und Multiplan. Während man bei denen bei komplexeren statistischen Auswertungen auch schon mal Minuten vor dem Bildschirm wartete, ging bei Kapors Baby alles in Sekunden bzw. -bruchteilen.

Außerdem war das Produkt in jeder Hinsicht deutlich sexier als seine Konkurrenten, was vor allem dem ziemlich hippen Marketing der Firma Lotus zu verdanken war. Hinzu kam ein Manual, das – im Gegensatz zu allem, was man sonst so an Anleitungen zu Anwendungssoftware bekam – für fast jedermann verständlich und nachvollziehbar formuliert und aufgemacht war. Ich selbst litt unter diese Qualität, weil kaum ein Lotus-1-2-3-Anwender meine Bücher zum Programm wirklich brauchte; diejenigen, die mit geklauten Versionen arbeiteten, rissen es dann umsatztechnisch raus. Natürlich funktionierte 1-2-3 nach dem VisiCalc-Prinzip, wurde aber von Version zu Version mit immer mehr Hilfsapparaturen aufgewertet, zum Beispiel einem Tool zum einfachen Erstellen komplexer Formeln. Und – ta-taaaaaa! – mit 1-2-3 konnte man die Zahlen in Grafiken übersetzen. Das war bei Multiplan nur mit einem Zusatzprogramm namens Multichart möglich, das ungefähr so viel Freude machte wie ein Loch im Kopf.

MS Excel, hier für Win 3.11
Microsoft Excel, hier in der Version für Windows 3.11, war besser
Also machte sich die Microsoft-Schmiede daran, etwas zu basteln, was mit 1-2-3 mithalten könnte, und erschuf Excel. In der DOS-Version hatte das Programm null Ähnlichkeit mit Multiplan, aber sehr viel funktionale Nähe zum Lotus-Gerät. Außerdem war es von vornherein – ähnlich wie MS Word – auf die Umsetzung in eine Variante für die soeben gelaunchte grafische Benutzeroberfläche, die wir als Windows kennen, gedacht. Ja, Excel war vom Startschuss an ein gleichwertiger Gegner für 1-2-3. Und hatte sogar ein paar Features im Köcher, mit denen Lotus zunächst nicht aufwarten konnte.

Quattro Pro, Rechnen à la Borland
Quattro Pro, die ziemlich geniale Tabellenkalkulation von Borland
Nachdem sich der PC mit dem Betriebssystem MS-DOS durchgesetzt hatte und mehr noch nach der Ankunft der grafischen Benutzeroberflächen für diese IBM-PC-artigen Computer setzten die großen Anwendungskriege ein. Das Muster war immer dasselbe: Ein Konkurrenzunternehmen gegen Microsoft. Wie wir heute wissen, haben sie alle verloren, die ambitionierten Firmen, die Microsoft den Platz im Office streitig machen wollten. Auf dem Feld der Tabellenkalkulation ging es besonders schnell, obwohl ausgerechnet der Gigant der Entwicklertools, also Borland, auf den Plan trat und nach einigen Umwegen mit Quattro Pro ab 1990 eine ziemlich geniale Rechensoftware am Start hatte, die Excel in vielen Belangen weit überlegen war.

Wenn wir alle eines in Sachen Anwendungssoftware gelernt haben über die vergangenen 35 Jahre, dann dies: Nicht die besten Programm setzen sich durch, sondern die am besten vermarkteten, denn die werden zu Standards. Dass Excel zum Sieger aller Klassen bei den Spreadsheets wurde, lang vor allem daran, dass Unternehmen, die Word angeschafft hatten, beinahe automatisch auch Excel kauften. Ein Effekt, der sich später mit Powerpoint und auch Outlook fortsetzte. Es gab IMMER bessere Alternativen, aber deren Hersteller hatten auf dem einen oder anderen Feld der Bürosoftware nichts (Borland) oder etwas Exotisches (Lotus) zu bieten – oder waren reine Klones der MS-Office-Suite.

2 Gedanken zu „Software-Saurier – Folge 2: Tabellenkalkulation? Laaaangweilig…“

  1. Multiplan wurde durch Chart erst schön. Das war ein ganz wichtiges Argument für die Tabellenkalkulation von Microsoft: alle Daten konnte man einfach in Microsoft Chart übertragen und damit wunderbar einfache Geschäftsgrafiken erstellen, am Ende sogar mit 3-D-Effekten. Und der zweite zentrale USP bestand in der einheitlichen Menüstruktur von Multiplan, Chart und Word. Die war zwar grottenschlecht (übertragen-laden-speichern) aber wenigstens in allen drei Programmen einheitlich schlecht. Kannte man Word, kannte man Multiplan. Damit war eigentlich der Grundstock zum späteren Microsoft Office gelegt.
    Und noch was fällt mir gerade ein: auf einer CeBIT konnte ich in den späten achtziger Jahren einen polnischen Stand mit einer Tabellenkalkulation namens „Multiplin“ sehen. Das war ein raubkopiertes Multiplan. Zu jener Zeit hatte Microsoft in den osteuropäischen Ländern einen enormen Marktanteil bei minimalen Umsätzen.

    1. Da war MS nicht alleine, mit den Marktanteilen und den Umsätzen. Aber nach wie vor streiten sich ja die Geister, ob die Raubkopien in der einen wie in der anderen Form, sozusagen die Kundenbasis gelegt haben, auf die MS dann später zählen konnte. Was denkst Du? War das so? Könnte ein schöner Artikel hier beim Digisaurier werden… Und vermutlich auch allerhand Diskussion auslösen ;-)

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