World Wide Wahrheit? Der schmale Grat zwischen Fake und Fakten

Wie viel Wahrheit steckt im Internet, wie erkennt man Fake News, und was können Journalisten tun, um mehr Fakten sprechen zu lassen? Auf dem langen und steinigen Weg zur „World Wide Wahrheit“ geht der Digisaurier diesen Fragen nach, stellt verschiedene Faktenchecker vor und spricht mit Mirko Lange, der viel Freizeit damit verbringt, schlecht recherchierten Geschichten nachzugehen und die falschen Fakten zu korrigieren. Und wir formulieren eine Befürchtung, die mit dem Internet der Dinge zu tun hat.

Quelle des Aufmacherbildes: Pixabay.com

  • „1000-Mann-Mob setzt Deutschlands älteste Kirche in Brand“ (Schlagzeile von 2016)
  • „Papst unterstützt Präsidentschaftskandidat Donald Trump“ (2016)
  • „Merkel hofft auf zwölf Millionen Einwanderer“ (2017)
  • „Legendärer Schauspieler Morgan Freeman ist tot“ (2017)

… nur vier Beispiele für Fake News, die sich oft rasend schnell verbreiten – und die dann mühsam nachrecherchiert und richtiggestellt werden müssen.

So versuchten zum Beispiel die Faktenchecker von Mimikama.at, die Netzgemeinde mit dem Dementi zu Freemans vermeintlichem Tod zu beruhigen.

Oft ist sogar die Polizei gezwungen, die Sisyphusarbeit der Aufklärung zu beginnen – etwa dass mitnichten eine Kirche in Dortmund in Brand gesteckt wurde von tausend Männern, die „Allahu Akbar!“ gerufen hätten.

Einzelne User im Dienste der Wahrheit

Apropos Sisyphusarbeit: So wie die Polizei, seriöse Medien und Faktenchecker wie Mimikama unermüdlich gegen Fake News ankämpfen, gibt es auch zahlreiche User, die sich mit großem Aufwand für die Aufklärung im Netz einsetzen.

(C) YouTube / Digisaurier

Ein Beispiel ist Kommunikations- und Strategieberater Mirko Lange aus München, der über sein Unternehmen hinaus viel Freizeit dafür opfert, um über Falschmeldungen zu berichten.

Ein Beispiel aus seiner Arbeit: Um zu zeigen, wie schnell Geflüchtete in Misskredit gebracht werden, fragte Mirko Lange seine Facebook-User, wie oft er oder sie sich im Leben schon strafbar gemacht haben – also alle Vergehen, die zu einer Verurteilung geführt hätten, wenn man erwischt und angezeigt worden wäre.

(C) Youtube / Digisaurier / Mirko Lange auf Facebook

Beeindruckend fanden wir, dass Mirko mit gutem Beispiel voranging und eine lange Liste postete, was er schon alles verbockt hat, und dazu gleich alle Paragraphen aus dem Strafgesetzbuch zitierte.

(C) Youtube / Digisaurier / Mirko Lange auf Facebook

Sein Grund für diese Aktion: „Weil mir damals etwas auffiel und auch heute immer wieder auffällt, was mich ziemlich ärgert: Dass in der Berichterstattung offensichtlich nur noch um 8 Sekunden Aufmerksamkeit gebuhlt wird. Was dabei herauskommt, ist einfach nur sehr ungenau, und mich beschäftigt dabei, was das mit den Menschen macht. Wie nehmen die Menschen Nachrichten wahr, wie verändern sich Gesellschaften? Im Fall der Geflüchteten: Was bedeutet Strafbarkeit eigentlich, und ist Strafbarkeit nicht teilweise sogar anerkannter Bestandteil unserer Gesellschaft, der mitnichten nur exklusiv für Asylbewerber gilt.“

Was ist die Demokratie wert, wenn sich Meinungen auf Basis falscher Angaben bilden?

Was Mirko auch zeigen wollte: Straffällig zu werden und tatsächlich auch bestraft oder verurteilt zu werden, sind zwei unterschiedliche Dinge. „Wie bewerten wir einen Menschen, wenn er jetzt das Pech hatte, erwischt worden zu sein? Asylbewerber werden wohl bis zu dreimal öfter verdächtigt, als Deutsche angezeigt werden. Wir haben also ein Urteil und bilden uns als Bürger, als Konsumenten, als Leser eine Meinung. Es geht ja nicht nur um die Freiheit zur Meinungsäußerung, sondern auch um die Art und Weise, wie wir uns eine Meinung bilden. Das ist Demokratie. Aber was ist unsere Demokratie wert, wenn sich jeder nur seine Meinung bildet auf völlig unvollständigen oder falschen Tatsachen?“

Keineswegs will Mirko Lange sich so verstanden wissen, dass er eine Generalabrechnung in Sachen Medienkritik macht. Trotzdem laufe einiges falsch, sagt er: „Die Desorientierung wird immer größer, weil wir eine Fülle an Informationen und Meinungen haben, so dass sich der Einzelne viel schwerer damit tut, tatsächlich eine Meinung zu finden. Früher haben Journalisten als Gatekeeper und ‚Erklärbären‘ dabei geholfen, die Welt einzuordnen. Bei Social Media aber fehlt komplett die Orientierungsfunktion, weil oft auch die nötige Kompetenz fehlt. Deswegen blühen Propaganda und Rechtspopulismus derzeit so auf.“

Journalisten sollten sich an die Grundtugenden ihres Berufes erinnern, mahnt Lange: „Viele Menschen wollen sich mit der Komplexität von Nachrichten offensichtlich nicht mehr beschäftigen und sind deswegen bereit, einfache Begründungen anzunehmen. Aber gerade Journalisten, jedenfalls die Profis, sind ausgebildet dafür, das zu durchschauen und ein Gegengewicht zu dieser seichten, oberflächlichen, oft falschen Berichterstattung zu bilden.“

Oberflächliche Berichterstattung führt oft zur Verbiegung von Wahrheiten

Ein Beispiel für die „Verbiegung“ von Wahrheiten ist die Berichterstattung zur Umfrage der Europäischen Union, die im Sommer 2018 die Akzeptanz der EU-Bürger zur Zeitumstellung testen wollte. 4,6 Millionen Bürger beteiligten sich – was aber nicht einmal ein halbes Prozent aller EU-Bürger bedeutet und somit keineswegs ein klares Votum darstellt. Zumal 3 Millionen Stimmen von deutschen Usern stammten.

Im Endeffekt wollten nur gut 80 Prozent eine dauerhafte Sommerzeit. „Das ist eine klitzekleine Gruppe, die sich in Wirklichkeit geäußert hat“, stellt Lange klar. „Und doch hieß es in den Medien, die ‚Mehrheit‘ wäre für eine Zeitumstellung.“

(C) Youtube / Digisaurier / Mirko Lange auf Facebook

Mirko Langes Fazit:

„Das muss man sich ins Gedächtnis rufen: Journalist ist der einzige Berufszweig in Deutschland, der grundgesetzlichen Schutz hat. Journalisten haben ein Privileg, was absolut außergewöhnlich ist. Und ich finde, viele treten es mit den Füßen. Nein, ich will die Medien nicht pauschal kritisieren und mit dem erhobenen Zeigefinger kommen, aber ich glaube, dass professionelle Arbeit wichtig ist für den Fortbestand unserer Demokratie und für den Frieden.“

Zwei spannende Erkenntnisse zu Studien über Fake News

Mirko Langes Thesen werden von Forschern unterstützt, die die Verbreitung von Falschinformationen untersuchen. So veröffentlichte etwa die Stiftung Neue Verantwortung (SNV), ein Think Tank für digitale Technologien, Politik und Gesellschaft mit Sitz in Berlin, vor gut einem Jahr eine Studie, die sich der Entstehung und weiteren Entwicklung von prominenten Fake News vor der Bundestagswahl 2017 widmete.

Das Ergebnis der SNV-Studie: Zwar werden die meisten Fake News erwartungsgemäß durch typische Medien oder Parteien verbreitet, die die „Wahrheit“ für ihre eigenen Zwecke anpassen, umdichten oder gar komplett erfinden, was wiederum für eine starke Verbreitung sorgt – so dass seriöse Medien nur noch schwer mit Aufklärung dagegen ankommen.

Doch die Studie zeigt auch klar, dass „unsauberes Arbeiten“ von Journalisten Falschmeldungen nach sich ziehen oder begünstigen – wobei dies in den allermeisten Fällen keine Absicht war. Die von den Forschern „Poor Journalism“ genannte Arbeitsweise beinhaltet „eine qualitativ mangelhafte oder höchst missverständliche Veröffentlichung von professionellen Journalist:innen“.

Machen sich die Maschinen die Fehler der Menschen zu eigen?

Vom mehr oder weniger absichtlich falsch informierenden Menschen lässt sich der Bogen leicht zu einem Bereich schlagen, der uns Digisaurier erschrecken dürfte: Was ist, wenn dies auch zwischen Maschinen passieren könnte? Die These ist weniger utopisch, als man meinen könnte.

(C) YouTube / Digisaurier

Im Interview mit dem Digisaurier sagte Torsten Mallée, Vorstandsmitglied der Bundesvereinigung Logistik: „Vor rund 20 Jahren kam das Internet auf. Wir alle haben gesehen, dass wir alle plötzlich Informationen aus der ganzen Welt erhalten. Und meine große Hoffnung zu dieser Zeit war: Wenn jeder die gleichen und richtigen Informationen bekommt, verhindert dies totalitäre Regime, Falschaussagen. Medienkontrolle und vieles mehr. Leider ist das Gegenteil passiert – wir haben so viele Informationen, dass wir sie gar nicht mehr verarbeiten können. Informationen sind zu einem gewissen Teil absichtlich manipuliert, manchmal unabsichtlich manipuliert und häufig schlicht falsch.“

Fake News im Internet der Dinge

Welch düsteres Szenario, wenn dies auch Maschinen tun würden – indem sie automatisch Entscheidungen treffen und sich dabei gegenseitig beeinflussen. Übrigens: schon geschehen bei automatischen Trading-Algorithmen. Mallée fordert deshalb, das Internet der Dinge so zu konzipieren, dass die beim „menschlichen Internet“ gemachten Fehler vermieden werden.

Ein praktisches Beispiel liefert Digisaurier Christian Spanik: „Stellen wir uns vor, ein Unternehmen hat einen Wartungsvertrag mit einem Maschinenbauunternehmen, das auf Basis der Daten einer Anlage im Normalfall alle drei Monate ein Ersatzteil liefert. Und plötzlich drehen die an der virtuellen Schraube und der Algorithmus ordert öfter nach, vielleicht alle zwei Monate. So entsteht eine Umsatzsteigerung für das Unternehmen durch Falschmeldungen unter den Maschinen. Das sind Fake News im Internet der Dinge.“

Empfehlenswerte Faktenchecker

Zu den bekanntesten Plattformen gegen Fake News zählt Mimikama.at, betrieben vom eingetragenen Verein namens „Mimikama – Verein zur Aufklärung über Internetmissbrauch“. Ein ehrenamtliches Team arbeitet direkt mit Facebook, Polizeidienststellen, BKA und LKA zusammen und erstellt Analyse- und Rechercheberichte zu fehlerhaften und erfundenen Meldungen.

(C) Mimikama.at (Screenshot)

Nicht ohne Stolz sagt der Verein über sich selbst: „Gerade aufgrund unserer durchgehenden (wir sind immer erreichbar) und klaren Arbeit genießen wir derzeit eine sehr hohe Reputation in den Medien und auch bei Journalisten, die in uns eine Kontrollinstanz sehen, welche so kein zweites Mal existiert.“

Ebenso bekannt ist die Gruppe „Correctiv“, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, mit investigativem Journalismus Gerüchten nachzugehen. Die Kollegen schreiben auf ihrer Website: „Falschmeldungen stellen eine Gefahr für die Demokratie dar.“

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Das US-Portal Politifact ist eines der ältesten seiner Art und sozusagen einer der Vorläufer vieler Faktenchecker, die wir heute auch in Deutschland kennen. Gestartet wurde es 2007 von Bill Adair, dem damaligen Chef des Washingtoner Büros der „Tampa Bay Times“.

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Über die gute alte „Tagesschau“ muss man wahrscheinlich nicht viele Worte verlieren: Den „Faktenfinder“ der öffentlich-rechtlichen Kolleginnen und Kollegen sieht man geradezu täglich in der Timeline von sozialen Netzwerken auftauchen.

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„Faktenfuchs“ heißt der Faktenchecker des Bayerischen Rundfunks, dessen Angebot stetig wächst. „Was steckt hinter Fake News, Gerüchten und Hetze? Faktenfuchs“, so sagen die Entwickler, „deckt populäre Irrtümer und falsche Informationen auf.“

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Braucht man bald auch „Faktenchecker-Checker“?

Auch Faktenchecker sind nicht frei von jeglichem Zweifel: „Als Mensch nimmt man immer einen gewissen Standpunkt ein und sucht auf Basis dieses Standpunktes natürlich auch die Fakten“, mahnt der IT-Experte und Digisaurier Martin Goldmann.

„Und da sind viele Faktenchecker schon wieder unter Beschuss: Wer wählt überhaupt die Themen aus? Wer finanziert das Ganze? Aber für mich ist ein wichtiger Beitrag, dass Fakten gesammelt werden und zur Verfügung stehen, damit man sie sich anschauen kann.“

Text: René Wagner

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