CES und Comdex: Welcome to Las Vegas!

Alle sprechen über die Messe CES in Las Vegas – okay, wir auch, aber erst einmal ist die Comdex dran, die noch vor der Unterhaltungselektronik-Messe das Highlight in Las Vegas war. Die beiden Digisaurier Hannes Rügheimer und Christian Spanik blicken zurück auf spannende Erlebnisse, erinnern sich an Glitzerwelten und Feueralarme, Einwahlnummern fürs Internet und Fernseher für Millionäre. Und dann war da noch die Sache mit den drei IT-Nerds, die mit dem Sportflugzeug über Las Vegas düsten…

Quelle des Aufmacherbildes: Youtube / Digisaurier

24 Jahre lang war die Comdex die Messe für Computer und Informationselektronik – nach der CeBIT die zweitgrößte der Branche. Der Name stand für „Computer Dealer‘s Exhibition“, das Angebot galt als Spielfeld der großen Player wie Microsoft, IBM, Dell und auch Apple. Das Internet steckte damals noch in den Kinderschuhen, so dass man sich eher nicht von zu Hause aus über die neuesten Trends informieren konnte. Wenn man diese erfahren wollte, dann war man im Grunde gezwungen, sich in Las Vegas schlau zu machen.

Presseraum der CES. (C) Digisaurier / privat

Aber auch von der anderen Seite des großen Teichs aus mussten Hannes Rügheimer und Christian Spanik sozusagen in Richtung Deutschland arbeiten und dazu das Internet nutzen.

„Damals war es längst nicht gang und gäbe, dass du irgendwo dein Notebook aufgeschlagen hast und dann sofort online warst“, erzählt Hannes. „Zu den Reisevorbereitungen für die Comdex gehörte auch, dass man sich erst einmal die CompuServe-Einwahlnummer von den dortigen lokalen Knoten rausschreiben musste, damit man dann im Hotelzimmer mit einem Modem und irgendwelchen wilden Verkabelungen überhaupt online gehen konnte.“

CompuServe war die angesagte Internet-Plattform in den 90ern

Info für die Jüngeren unter den Digisauriern: CompuServe war damals die angesagte Plattform, über die man sich E-Mails schickte und mit der man auch Dateien austauschen konnte.

1969 in den USA gegründet, wuchs CompuServe in den 1980ern zum weltweit größten Online-Portal und half dann in den 1990ern maßgeblich mit, das Internet in den Privathaushalten populär zu machen. Chat, E-Mail, Usegroups, das Bildformat GIF, sogar Cloud Computing – all das geht auf CompuServe zurück. Nach der Übernahme 1998 durch AOL wurde der Dienst schließlich im Jahr 2009 abgeschaltet.

Der “CompuServe Information Manager” für Windows, kurz WinCIM. (C) CC BY-SA 3.0, https://en.wikipedia.org/w/index.php?curid=15688724

„Wenn es zum Beispiel darum ging, Artikel oder Buchkapitel oder was auch immer zu schicken, dann hat man das über CompuServe gemacht“, erzählt Hannes. „Dafür brauchtest du aber eine lokale Einwahlnummer – irgendein Anschluss in Las Vegas oder San Francisco oder New York. Damit du halt irgendwie zu lokalen Telefongebühren ins Internet gehen konntest.“

Allerdings war das damals nicht so gut gelöst, wie man es hier von der Telekom kannte: In Deutschland gab es in jedem Ortsnetz dieselbe Datex-P-Nummer, die man zum Ortstarif anwählen konnte. In den USA wiederum konnte das auch ganz woanders sein, so dass das Surfen im Internet schnell teuer werden konnte. Oft waren die Nummern auch besetzt, oder Alternativnummern boten nur einen langsameren Anschluss.

„Dafür gab es in den USA überall in den Hotels Anschlussdosen für Western-Digital-Stecker, da konnte man schnell online gehen“, erinnert sich Christian Spanik. „In Deutschland versteckte sich die TAE-Dose meist an der Wand hinter dem Hotelbett, das dann auch noch angeschraubt war.“

CompuServe war natürlich auch Gegenstand eines eigenen Anwenderkurses auf 3sat – in diesem Video von 1994. Die beiden Herren im Vorschaubild kennen Sie bereits. ;-)

„Das mobile Arbeiten haben wir so schon gelebt“, lacht Hannes Rügheimer. Und wenn der Laptop zwischendurch auch mal „zwangsentbunden“ wurde und man mit Jacke und Schlafanzug nach einem nächtlichen Feueralarm im damals nagelneuen Luxor Hotel („da torkelt man schlaftrunken mitten in der Nacht durch die Gänge“) draußen vor dem Hotel dann doch wieder ohne Internet weitergetippt hat, dann erinnert man sich gern an diese spannende Zeit – und weiß die heutigen mobilen Möglichkeiten umso mehr zu schätzen.

Und wie ging es weiter mit der Comdex? Wikipedia schreibt: „Im Jahr 2000 kündigten große Unternehmen wie IBM, Apple Computer und Hewlett-Packard wegen zu hoher Kosten und immer schlechter werdender Qualität der Messe die Zusammenarbeit auf.“

Siegeszug der CES ab 2003

Der große Hype in Sachen IT-Technik und Unterhaltungselektronik begann schließlich mit der CES, die schon seit 1967 zweimal jährlich an wechselnden Orten stattfand – seit 1998 in Las Vegas und dann auch nur noch einmal jährlich. Seitdem stellen viele bekannte Hersteller neue Produkte vor oder kündigen Innovationen an, weshalb die CES als erstes Stimmungsbild gilt, was die Entwicklung der Unterhaltungselektronik im weiteren Jahresverlauf betrifft.

Ein Messestand auf der CES. (C) Digisaurier / privat

So übernahm die CES in Las Vegas schließlich den IT-Bereich der Comdex, die 2003 zum letzten Mal stattfand. Hannes schwelgt in seiner Erinnerung: „Diese Messe war doch sehr anders, als wir es in Europa damals gewöhnt waren. Alles hatte seinen ganz eigenen Look. Was deutlich solche amerikanischen Messen von unseren europäischen unterschieden hat, das waren die Stände. In Deutschland haben es die großen namhaften Firmen und Verbände gerade in der Anfangszeit der CeBIT richtig krachen lassen. Aber die Amerikaner waren viel pragmatischer. Die machten im Zweifelsfall auch einfach zwei Meter lang eine Wand und stellten ein Pult davor – und das war es dann im Wesentlichen.“

Dafür war Entertainment sehr wichtig – wie hier mit einer Show von LG, dessen DVD-Player nicht nur Blu-rays, sondern auch HD-DVDs abspielen konnte.

LG-Show zur Einführung eines neuen DVD-Players. (C) Digisaurier / privat

Als „Schock“ beschreibt Hannes das Zusammenspiel von Las Vegas als Spielerparadies und Messestadt. „Die haben keineswegs ihre Slotmachines abgebaut, nur weil da jetzt gerade Comdex oder später CES war.“

Casino im Hotel von Hannes Rügheimer. (C) Digisaurier / privat

„Als Messebesucher bewegtest du dich dauernd in dieser riesigen Glitzerwelt mit dem falschen Eiffelturm und so.“

Schillernde Glitzerwelt rund um die CES. (C) Digisaurier / privat

„In jedem Hotel war ein Casino – man konnte sich dem gar nicht entziehen, man musste durch diese Bereiche laufen, um überhaupt zum Aufzug zu kommen. Und dann kommt natürlich noch diese Unterhaltungselektronik und IT-Welt on top.“

Drei IT-Nerds entdecken Las Vegas von oben

Apropos „on top“: Christian und Hannes sind sogar schon mal mit einem Sportflugzeug über Las Vegas geflogen. Ihr gemeinsamer Freund Tim Cole, erfolgreicher Autor von Büchern über Digitalisierung, ist Hobbypilot und musste damals einige Flugstunden nachweisen, um seine Lizenz zu verlängern – was in den USA deutlich günstiger war.

Tim Cole flog mit Hannes Rügheimer und Christian Spanik u.a. über den Hoover Dam. (C) Digisaurier / privat

Deshalb nutzte er bei einem Comdex-Besuch die Gelegenheit zur Lizenzverlängerung, buchte eine Maschine und lud Christian und Hannes ein, beim Rundflug dabei zu sein.

Der Houver Dam von Weitem. (C) Digisaurier / privat

„Und dann sind wir mit Tim Cole in einer kleinen zweimotorigen Sportmaschine um den Hoover Dam gekreist und um Las Vegas herumgeflogen. Das war schon ziemlich cool“, schwärmt Hannes.

Doch die CES ist keine IT-Nerd-Messe mehr

Die Zeiten, dass sich die Messe nur um IT-Themen drehte, sind längst vorbei. Diese Entwicklung hat auch die CeBIT hinter sich, und das ging auch der IFA so. „Letzten Endes ist IT eben heute ein so integraler Bestandteil aller Branchen und all dessen, was da an wirtschaftlichen und technologischen Aktivitäten stattfindet, dass das sich eben auf den Messen widerspiegelt“, erklärt Hannes Rügheimer.

Doch auch weiterhin gilt die CES als Trendbarometer: „Interessanterweise sind heute vor allem die Automotives wie Audi, BMW, Mercedes aktiv dort. Fahren ihre Aktivitäten auf der CES massiv hoch und halten Keynotes. Wichtige Entscheidungen, was deren Infotainment-Plattformen und autonomes Fahren betrifft, werden in Las Vegas verkündet.“

Diese Art der Messepräsentation ist allerdings typisch amerikanisch:

Auch ein Messestand, allerdings weniger zurückhaltend. (C) Digisaurier / privat

Die CES war jedoch nicht nur Trendbarometer, sondern immer auch ein „battle ground“. Mit einem Lächeln erzählt Hannes: „Das war immer sehr amüsant, wie da so die Grenzen nach oben gingen – vom 95-Zoll-Fernseher über den 100-Zoll- bis zum 110-Zoll-Fernseher. Solche Geräte waren eigentlich nur für die Messe gebaut worden. Vielleicht auch für drei Milliardäre, die sich einen 100-Zoll-Fernseher für 200.000 Dollar anschaffen wollten. Aber da ging es auch ein Stück weit darum, einfach auf den Putz zu hauen und zu zeigen: Wir können es.“

Die Hersteller wetteifern auch heute noch um Superlative. (C) Digisaurier / privat

Das sieht man auch wieder in diesem Video des CES-Veranstalters, der die jüngste Messe vom Januar 2019 in zwei Minuten Revue passieren lässt:

Ob er „rüberfliegt“ oder nicht, ist für Hannes Rügheimer jedesmal eine Abwägung: „Es kommt immer ein bisschen drauf an, aber eigentlich fliege ich da schon gerne hin. Ich muss aber überlegen, ob sich die Kosten auch lohnen, die man da reinsteckt.“

In der heutigen Zeit reiche es auch, sich übers Internet über Neuheiten zu informieren. Aber es müsse natürlich Journalisten geben, die darüber berichten, sonst könne man sich nicht informieren. „Aber als Journalist weißt du bei allen Messen nicht, ob du nicht doch irgendein spannendes Hinterzimmergespräch führen kannst. Da ist immer ein Stück Risiko dabei, ob es sich lohnt oder nicht.“ Trotzdem sei eine virtuelle Messe kein Ersatz für eine richtige Messe, auf der man sich persönlich umschauen könne.

Viele Innovationen wurden auf der CES vorgestellt

Rund 170.000 Fachleute, Händler und Journalisten entdecken in Las Vegas derzeit an vier Tagen die Neuheiten von fast 4000 Ausstellern aus 150 Ländern.

Vom 7. bis 10. Januar 2020 heißt es wieder: Welcome to Las Vegas! (C) Digisaurier / privat

Sicher wird es dann auch bei der nächsten CES wieder kleine und große Innovationen zu bewundern geben. So wurde etwa der erste Videorekorder vor 49 Jahren präsentiert, damals noch in New York, wo die CES drei Jahrzehnte lang bis 1997 stattfand. Auch der legendäre Commodore 64 wurde übrigens auf der CES vorgestellt (1982), als Spiele-Sensation galt „Tetris“ im Jahr 1988, die DVD überraschte die Öffentlichkeit 1996, und die erste Xbox wurde 2001 – drei Jahre nach dem Umzug der Messe – schließlich in Las Vegas präsentiert.

Der Veranstalter, die Handelsorganisation CEA für elektronische Konsumprodukte, hat ein spannendes Rückblick-Special online gestellt. Wir wünschen viel Spaß beim Durchstöbern der letzten 50 Messejahre.

Text: René Wagner

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