Ein MOS 6502 - der Chip mit dem Commodore die Computerwelt enterte (Foto: via Wikimedia - siehe Bildnachweis unten)

Die Commodore-Story – Part III: Peddle, Shivji, Miner – die Technikhelden

Nach allem, was hier in Part I und II in Sachen Unternehmensführung beschrieben wurde, sollten wir nicht vergessen, dass Commodore mehr als ein Jahrzehnt lang im Auge des Digitalhurrikans lebte und die mit dem C64 die Geschichte der kleinen Computer entscheidend geprägt hat. Und das hat die Firma drei genialen Technikhelden zu verdanken, ohne die es vielleicht nie einen Commodore-Computer, aber ziemlich sicher keine erfolgreichen Rechner gegeben hätte. Reden wir also von Chuck Peddle, Shiraz Shivji und Jay Miner.

Damit wir uns nicht missverstehen: Die drei Herren stehen natürlich nur stellvertretend für all die großartigen Commodore-Mitarbeitenden jener Jahre, den digitale Innovation entsteht zwar auf Basis individueller Visionen, wird aber nur durch Teamarbeit Realität. Und Commodore hatte an den verschiedenen Standorten, nicht zuletzt auch in Braunschweig, ganz hervorragende Ingenieure und Programmierer am Start.

Chuck Peddle, der Prozessormagier und Entwickler des 6502 (Foto via Wikimedia - siehe Bildnachweis unten)
Chuck Peddle, der Prozessormagier und Entwickler des 6502 (Foto via Wikimedia – siehe Bildnachweis unten)

Aber, damit Commodore überhaupt zur Computer-Company wurde, musste Jack Tramiel auf Anregung von Irving Gould erst einmal die Chip-Schmiede MOS-Technology kaufen. Denn auf diesem Wege kamen Tramiel und Chuck Peddle in Kontakt. Chuck war es nämlich, der den geschäftstüchtigen, aber nicht sehr innovations-affinen Jack davon überzeugte, persönliche Computer zu bauen. Im Grunde war der Nichterfinder des Mikroprozessors auf einem kleinen persönlichen Rachefeldzug. Schließlich hatte er Motorola, wo er an der Entwicklung der 6800er-Familie im Streit verlassen, um sich MOS-Technology anzuschließen und dort die 65xx-Baureihe zu designen. Der Konflikt bei Motorola: Dort glaubte niemand daran, dass irgendwann Menschen wie du und ich im Büro oder gar zuhause an eigenen Computern arbeiten würden, nicht mehr an Terminals, mit denen man ein kleines bisschen auf die Riesenelektronenhirne zugreifen konnte.

Da war man bei MOS-Technology schon einen Schritt weiter und hatte Mikroprozessoren in Planung, die sich technisch und auch preislich hervorragend für den Bau persönlicher Computer eigneten. Dass dann innerhalb von nur sechs Monaten gleich zwei Firmen Rechner mit dem 6502-Prozessor auf den Markt bringen würden, daran hat Chuck Peddle einen gewaltigen Anteil. Denn dass im Apple I und auch dem kommerziell erfolgreichen Apple II diese CPU steckte, hatte vor allem etwas damit zu tun, dass der 6502er schlappe 25 US-Dollar kostete. Letztlich überzeugte Chuck der Jack unter anderem auch mit dem Kostenargument. Also mit der Aussicht, mit geringem Wareneinsatz schweineteure Kisten verkaufen zu können.

Apple IIc - einer der schicksten Computer, nicht nur seiner Zeit (Foto via Wikimedia - siehe Bildnachweis unten)
Apple IIc – einer der schicksten Computer, nicht nur seiner Zeit (Foto via Wikimedia – siehe Bildnachweis unten)

Viel zu wenig gewürdigt wird Chuck Peddle übrigens für das revolutionäre Design des 6502 – beziehungsweise schon des Motorola-Prozessors, an dessen Entwicklung er entscheidend beteiligt war. Da war man um 1975 herum dem heutigen Chip-Riesen Intel mit seinem 8080 meilenweit voraus. Besonders was die Programmierung der CPU in Assembler anging. Davon können Heerscharen von Freaks und Nerds ein Loblied singen, die sich später programmierend am C64 austobten und dem Chip aus lauter Spaß an der Freud Dinge entlockten, von denen selbst der gute Chuck nicht geträumt hatte.

Zum achtköpfigen Team um Charles Winterble, Al Charpentier, Bob Yannes und Bob Russell, die heute als die „Väter des Commodore 64“ gelten (dazu demnächst mehr) stieß 1980 der Elektrotechniker Shiraz Shivji. Der war schon länger bei Commodore – ab wann genau ist nicht überliefert -, hatte bis dahin wenig mit der Entwicklung der PET- und der 8000er-Reihe sowie des VC20 zu tun. Wie auch, hatte er doch von der Ausbildung her weder mit Chip-Design, noch Softwareentwicklung was am Hut. Dafür aber hatte er Ideen, praktisch umsetzbare Ideen sogar und Visionen rund den persönlichen Computer.

Shiraz Shivji über dem Silicon Valley
Shiraz Shivji über dem Silicon Valley

Dass der C64 im legendären Brotkasten-Look daherkam, hat eine Menge mit diesen Ideen und Visionen zu tun. Die Qualität der Tastatur war etwas, auf das Shiraz großen Wert legte. Und eben auf die echte Nutzbarkeit. Dass er sich bei seinen Vorstellungen um 1980 herum sehr vom Apple II hat inspirieren lassen, ist auch kein Geheimnis. Die pragmatische Qualität des Shiraz Shivji, die er ein paar Jahre später bei der Entwicklung des Atari ST einbrachte, war aber: Er achtete auf die Herstellungskosten und die Produktionsprozesse, die eine Massenfertigung möglich machten. Kann gut sein, dass er das schon zuzeiten der Commodore-Taschenrechner eingebracht hatte…

Wir alle wissen, dass rein kommerziell betrachtet der C64 samt Zubehör der einzige Computer aus dem Hause Commodore war, der je wirklich erfolgreich war. Alle Versuche mit Derivaten und Nachfolgern diesen Erfolg zu wiederholen, gingen unter der Ägide von Irving Gould nicht wirklich gut aus. Leider wurde auch der Amiga nicht der Hit, der zu sein dieser wahrhaft revolutionäre Personalcomputer verdient hätte. Das lang nicht an den technischen Details, sondern an einem Missverständnis.

Ob er wollte oder nicht: Jay Miner wurde zum Vater des Amiga gemacht
Ob er wollte oder nicht: Jay Miner wurde zum Vater des Amiga gemacht

Jay Glenn Miner war ja mit seinen 50 Jahren schon beinahe ein Digitalopa als ihn das Atari-Urgestein Larry Kaplan ansprach. Dessen Idee war es, die ultimative Spielkonsole zu entwickeln. Und zwar mit einer eigenen Company, wo eben nicht die Vertriebsleute und Geldmenschen das Sagen haben sollten. In der Branche hatte Jay einen ziemlich guten Ruf, tummelte er sich doch tatsächlich schon seit 1964 auf dem Feld der Chip-Entwicklung und hatte alle Epochen der MOS- und CMOS-Historie aktiv mitgemacht. 1973 hatte er die Firma Synertek mitgegründet, eine Elektronikschmiede, die Chips im Auftrag anderer Unternehmen entwickelte und fertigte, aber auch Intel- und MOS-Technology-Chips in Lizenz herstellte.

Abnehmer war unter anderem Atari, das Haus, das damals den Markt der Videospielkonsolen beherrschte. Dort gab es einen Ingenieur, der den Jay schon länger kannte. Als es an die Entwicklung einer neuen Konsole ging, empfahl dieser Kollegen Jay Miner, der dann auch im Frieden zu Atari wechselte. Dort zeichnete er für die Entwicklung des Chip-Satzes verantwortlich, vor allem für das Ding, das für die Display-Steuerung zuständig sein sollte. An dieser Stelle findet sich eine Wurzel des Baums, aus dem dann der Amiga wuchs. Denn das Prinzip, nicht eine CPU alles machen zu lassen, sondern spezialisierte Aufgaben – insbesondere Grafik, Video und Sound – auf spezialisierte Chips auszulagern, stammt aus dem technischen Baukasten der Videospielkonsolen.

Christian und sein Amiga mal outdoor (Foto: privat)
Christian und sein Amiga mal outdoor (Foto: privat)

Kaplan fühlte sich bei Atari, das vom Entertainment-Konzern Warner Brothers übernommen worden war, nicht wohl und wusste Jay zu überzeugen. Also gründete sie 1982 eine Firma namens Hi-Toro, die sie bald in Amiga Corp. umbenannten. Klares Ziel war es, eine Spielkonsole zu bauen, der die Atari-Kisten nicht das Wasser würden reichen können. Und die beiden nicht mehr ganz so jungen Chip-Designer wussten genau, worauf es ankommen würde: Grafik und Sound. Und das lange bevor „Multimedia“ im Computergebiet zum Zauberwort wurde. Jay stürzte sich voll und ganz auf den dafür zuständigen Chipsatz, den er Lorraine nannte (gleichzeitig der Codename für das Projekt), und der später aus den legendären Chips namens Paula, Denise und Agnus bestand.

Weder Kaplan noch Miner waren vom Typ her Unternehmer. Und das merkte man der Firma auch an. Sympathisch war noch die Tatsache, dass Leute weniger nach Kompetenz und Qualifiaktion eingestellt worden, sondern nach Nase. So entstand ein bunter Haufen Individualisten, von denen sich jeder auf sein Spezialgebiet konzentrierte. Jay musste es auf dem harten Weg lernen, eine solche Band zusammenzuhalten, was ihm aber dank seines ausgeglichenen und ausgleichenden Wesens und seinem schlichten Lebensalter prima gelang.

Mitchys legendärer Pfotenabdruck im Amiga
Mitchys legendärer Pfotenabdruck im Amiga

1984 war die Amiga Corp. de facto pleite. Zunächst stimmten die Inhaber einem Übernahmeangebot von Atari zu, das der Spielegigant (der kurz zuvor ebenfalls ins Schlingern gekommen war und wenig später von Jack Tramiel gekauft wurde) aber zurückzog. Eine Legende besagt, dass Commodore-Boss Irving Gould das Amiga-Team überhaupt nur deswegen kaufte, um es Tramiel vor der Nase wegzuschnappen. Blöd nur, dass mit Tramiel auch Shiraz Shivji und fast alle fähigen Hard- und Softwareentwickler Commodore in Richtung Atari verlassen hatten. Also stand der Geldsack Gould nun den spinnerten Digitalnerds von Amiga gegenüber. Beide Seiten kamen in den knapp acht Jahren Kooperation eigentlich nie wirklich zusammen.

Wir wissen heute, dass Irving Gould immer gern das Sagen, aber von Computern keine Ahnung hatte und deshalb auch die Marktentwicklung häufig falsch einschätzte. So auch in Sachen Amiga. Er bekam von Jay Miner & Co. eine Spielkonsole, die allem, was auf dem Markt war, weit überlegen war, und wollte einen Bürocomputer. Auch getrieben dadurch, dass er von den ST-Plänen aus dem Tramiel-Haus Atari wusste. Also stellte Jay die Multimedia-Fähigkeiten des Lorraine-Projekts heraus, was Gould dazu trieb, den Amiga dann doch eher als Homecomputer platzieren zu wollen. Das ging so eine Weile hin und her, und als der Amiga 1000 im Juli 1985 in New York erstmals gezeigt wurde, verzauberte er vor allem die Herzen der Multimedia- und Spielfreaks unter den potenziellen Käufern.

Das Amiga-Team von 1985 - Jay ganz rechts außen
Das Amiga-Team von 1985 – Jay ganz rechts außen

Dass mit dem AmigaOS das außerhalb der Welt der Minicomputer modernste Betriebssystem den Amiga steuerte, dass das Motherboard mehr sinnvolle Schnittstellen besaß als alles von IBM und Apple, dass es keine schnellere Grafik und keinen besseren Sound gab, das wussten Jay Miner und seine Crew, aber das verstanden die Commodore-Leute bis auf ganz, ganz wenige nie so richtig. Also fuhrwerkten Gould und seine Vertriebsleute mit Wünschen nach neuen Modellen herum, ohne beispielsweise wahrzunehmen, dass die Kiste in Musikerkreisen mindestens so gut ankam wie der Atari ST. Und dass Filmemacher und Künstler den Amiga als ernsthaftes Arbeitsgerät sahen.

Vielleicht ist dies das wahre Karma der Firma Commodore. Dass sie zwar immer wieder geniale Technikhelden anzog, aber fast immer Schwierigkeiten hatte, deren Ideen zu verstehen und die entstandenen Produkte erfolgreich zu vermarkten. Über alles betrachtet bleibt der Commodore 64, die olle Brotschachtel, das ganz große Vermächtnis des Unternehmens, das Jack Tramiel aus einer Reparaturwerkstatt für Schreibmaschinen zu einem wichtigen Mitspieler in der Homecomputer-Ära gemacht hatte.

[Bildnachweis – MOS-Technology 6502: Dirk Oppelt via Wikimedia unter der Lizenz CC BY-SA 3.0; Chuck Peddle: Jason Scott via Wikimedia unter der Lizenz CC BY 2.0; Apple IIc: allaboutapple.com via Wikimedia unter der Lizenz CC BY-SA 2.5 IT;]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.