Die echte Google-Glass-Brille (Foto: Wikimedia)

Die Zwanzigerjahre: Was wird anders in der digitalen Welt?

“Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen”, heißt es in einem Zitat, das wir schon vor anderthalb Jahren brachten als es um Googles inzwischen fast vergessene Datenbrille (siehe Titelbild) ging. Und weil Vorhersagen so schwierig sind, wollen wir in dieser Vorschau eben nicht prognostizieren, was im Jahr 2030 in einem Rückblick auf die Zwanzigerjahre stehen würde, sondern einfach ein paar offensichtliche Trends weiterstricken. Beginnen wir mit dem schnöden Mammon.

1. Geld ist auch bloß ein Datenstrom

Kontaktlos bezahlen mit dem Android-Smartphone (Foto: Mastercard)
Kontaktlos bezahlen mit dem Android-Smartphone (Foto: Mastercard)
Politisch heiß diskutiert wird die Sorge um die Abschaffung des Bargelds, also des Bezahlens mit Münzen und Scheinen. Tatsächlich ist das analoge Begleichen von Beträgen ein fast schon unwahrscheinliches Relikt aus der analogen Steinzeit. Denn sonst überall ist Geld auch bloß ein Datenstrom. Besonders schön kann man das an der Erfindung des ominösen Satoshi Nakamoto, die vor allem unter dem Markennamen Bitcoin im Verlauf der Zehnerjahre Realität geworden ist. Ganz unabhängig davon, ob Kryptowährungen tatsächlich die Zukunft des Bezahlens werden, beschreibt das Bitcoin-Konzept einfach alle Faktoren, die den Zahlungsverkehr grundsätzlich ausmachen und macht damit deutlich, dass Payment nicht mehr ist als die Verarbeitung von Datenströmen.

Was das für die nächsten zehn Jahre bedeutet? Rein digitales Bezahlen ohne Bargeld, aber auch ohne Plastikkarten, allein abgesichert durch die immer besser werdenden Authentifizierungsverfahren wird sich final durchsetzen – sowohl im Online-Handel, als auch am Point-of-Sale.

2. Das lineare Fernsehen ist mausetot

Samsung-Smart Hub
Bei Samsungs schlauen TVs heißt die App-Zentrale Smart Hub
Streaming und Mediatheken sind mehr als bloß ein Trend, sie sind die Zukunft des Fernsehens. Tatsächlich gibt es schon heute ganz, ganz wenig bewegtbildlichen Content, den man in Echtzeit sehen will – Live-Sportevents sind da die ganz große Ausnahme. Filme, Serien, aber auch Shows und andere Formen der Unterhaltung muss niemand genau dann konsumieren, wenn sie versendet werden. Was nichts anderes bedeutet, als dass das lineare Fernsehen maustot ist. Zumal Nachrichten mittlerweile im Web viel schneller, viel besser aufbereitet und mit jeder Menge Online-Zusatzinfos aufgewertet online zu haben sind. Auf diesen Effekt läuft schon seit vielen Jahren alles hinaus – angefangen hat es mit Timeshift-Funktionen für Rekorder, beschleunigt wurde es durch die breite Verfügbarkeit von Streaming-Diensten und Mediatheken.

Den privaten TV-Sendern wird nichts anderes übrigbleiben, als selbst als kostenpflichtige Streaming- und Mediathek-Anbieter aufzutreten, weil die Konsumenten nicht bereit sind, sich beim nicht-linearen Glotzen von Reklame belästigen zu lassen. Gebührenfinanziert werden die Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Anstalten dagegen kostenlos bleiben. Der gute, alte Fernseher wird endgültig zum Bildschirm für verschiedene Videoquellen degradiert – eingebauter Tuner überflüssig.

3. Die Algorithmen haben die Weltherrschaft übernommen

Algorithmus-Erfinder al-Chwarzimi auf einer Briefmarke
Algorithmus-Erfinder al-Chwarzimi auf einer Briefmarke
Inzwischen überwachen Algorithmen die fehlerfreie Programmierung von Algorithmen, mit denen Algorithmen programmiert werden. Und weil sich Algorithmen so immer mehr selbst optimieren, werden Menschen demnächst nur noch Vorschläge für Algorithmen machen dürfen, die dann von Algorithmen geprüft und gegebenenfalls zur Programmierung durch Algorithmen freigegeben werden. Die einzige Frage, die zum Thema Künstliche Intelligenz am Ende der Zwanzigerjahre noch offen sein wird, lautet: Wessen Interessen vertreten eigentlich Algorithmen? Vermutlich ihre eigenen, denn die Kontrolle von selbstlernenden Systemen ist jetzt schon ab einem bestimmten Zeitpunkt durch Menschen nicht mehr möglich.

Konkret hat dieser Trend eine gute und mehrere schlechte Seiten. Positiv ist, dass bei der Steuerung komplexer Systeme in Technik, Industrie, Landwirtschaft und Handel umso weniger Fehler passieren, je mehr Algorithmen das Sagen haben – menschliches Versagen wird minimiert und letztlich eliminiert. Weniger schön wird sein, dass die Möglichkeiten, intelligente Systeme zu modifizieren oder gar zu stoppen, abnehmen werden. Und weil die KI-Systeme so schlau und uns Menschen so überlegen sind, werden sie schon in zehn Jahren für eine bedeutende Einschränkung individueller Freiheiten sorgen.

4. Alles ist digital

In zehn Jahren wird es schlicht keinen Bereich menschlicher Aktivitäten geben, der nicht von einer digitalen Wolke umgeben ist. Hat man vor zehn Jahren noch gedacht, dies würde heißen, das überall irgendwelche smarten Chips drinstecken, bedeutet es in Zukunft, dass es schlicht von jedem Ding und von jedem Prozess ein digitales Abbild gibt, das mit seinem physischen, analogen und realen Gegenstück verbunden ist. Was das konkret bedeutet? Wir wissen es nicht…

5. Der Mensch ist aus Glas

Implantierung des Chips mittels einer Spritze. (C) Youtube / Digisaurier
Fürchtet euch nicht, auch wenn demnächst die Matrix der Digitalität jederzeit ALLES über jeden von euch weiß. Das ganze Thema Datenschutz war nur so lange von Interesse, wie es noch geheime Bereiche im Individuum gab. Inzwischen ist jeder Wähler, jeder Krankenversicherte, jeder Reisende und jeder Konsument durch und durch transparent. Da kann man noch so viel über TOR surfen oder versuchen, sich im Darknet und Deep Web zu verstecken: Es ist vergebens. Wenn aber alle Menschen aus Glas sind, dann hat eben niemand mehr etwas zu verbergen. In der besten aller denkbaren Welten würde dies zum Ende jeder Kriminalität führen und zur direktest denkbaren Demokratie. Das negativste Szenario wäre dann eine Mischung aus 1984, Schöne neue Welt und Matrix.

Wer entscheidet?

Dystopiker sind der Ansicht, dass über es nicht mehr Menschen sind, die über die zukünftige digitale Welt entscheiden, sondern die Systeme. Verschwörungstheoretiker sehen wahlweise reptiloide Shapeshifter, Illuminaten oder andere Geheimlogen an den Entscheidungshebeln. Wer kapitalismuskritisch denkt, wird annehmen, dass die Reichen und Mächtigen sagen wie’s weitergeht. Realisten aber erkennen, dass der Einfluss der Individuen auf zukünftige Entwicklungen noch ganz lebendig ist.

Bei den angedeuteten Szenarien gibt es allerdings kaum noch Umsteuermöglichkeiten – höchstens beim Thema Geld, weil hier die Grundsatzentscheidungen immer noch von politischen Instanzen getroffen werden, während Unternehmen für die Umsetzung in die Realität zuständig sind. Beim Fernsehen hat der Konsument längst entschieden, die Entwicklung ist unumkehrbar. Was die Übermacht der KI per Algorithmen angeht, sind politische Eingriffe NOCH möglich und vorstellbar. Darüber, wie weit die Digitalisierung gehen soll und wird, kann nur spekuliert, aber nicht mehr wirkmächtig entschieden werden. Und die Frage nach dem durchsichtigen Menschen geht eng zusammen mit der Frage der Zukunft der Demokratie und der individuellen Freiheit; politische Systeme wie das in der Volksrepublik China (aber auch in anderen autokratischen Staaten) tun bereits jetzt alles dafür, durch allumfassende Überwachung und Durchleuchtung vollkommene Kontrolle über ihre Bürger zu bekommen, weil sie die demokratische Kontrolle und damit eben auch die Freiheit ablehnen. In Staaten, die noch demokratisch funktionieren, haben es die Bürger als Wähler und Konsumenten in der Hand, die Entwicklung zu beeinflussen und zu bestimmen.

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