Video-Streaming heute: Netflix & Konsorten (Screenshot)

Kleine Weltgeschichte des Video-Streamings – von Downloads bis zur Live-Übertragung

Es wird irgendwann im Juni 1999 gewesen sein. Die Agentur, in der ich damals tätig war, war mit einem ziemlich schnellen Internet ausgestattet, man hatte man ihr einen ziemlich schnellen PC auf den Schreibtisch gestellt, und in jenen Tagen lief das Tennisturnier, das alle Welt kurz “Wimbledon” nennt. Nun war ich persönlich nicht sonderlich an diesem Sport interessiert, dafür aber der Kollege, der mir gegenüber saß und in regelmäßigen Abständen Zwischenstände durchgab. “Warum guckst du dir das laufende Spiel nicht an?” fragte ich, und er antwortete: “Erstens läuft es gar nicht im TV, und zweitens hab ich doch keinen Fernseher hier.” Ich suchte ein bisschen hin und her und fand heraus, dass es eine offizielle Live-Übertragung im Web gab – die stellte ich ihm ein, und er war glücklich. Das war einer der ersten Livestreams einer großen Sportveranstaltung, der überhaupt angeboten wurde.

Wimbledon-Endspiel 1999: Sampras vs Agassi (via Tennisworld.com)
Wimbledon-Endspiel 1999: Sampras vs Agassi (via Tennisworld.com)

Unter “Streaming” verstanden wir Pioniere damals etwas anderes: Nämlich das Downloaden von Musik aus vorwiegend illegalen Quellen, Napster und so… Dabei war der Fachbegriff Streaming Media bereits geboren, wenn auch noch wenig gebräuchlich. Der steht für die Übertragung von Audio- und Videodaten über das Internet zum Anhören und -schauen in Echtzeit. Seitdem die frühen Nerds überhaupt Fantasien rund um das, was man damals unter Multimedia verstand, entwickelten, träumten sie davon, “Fernsehen” auf dem Computer empfangen zu können.

Fernsehgucken auf dem PC

Das ging so ab 2000 tatsächlich, also Fernsehgucken auf dem PC. Man musste nur einen Dongle anschaffen, der einen TV-Empfänger enthielt und das terrestrische Programm aus dem Äther in den Rechner brachte – später dann auch dem DVB-T-Netz oder gar aus dem Kabel. Aber das war nicht gemeint. Die Idee war, ein Ereignis, das irgendwo auf der Welt stattfand, dort abzufilmen und die digitalisierten Videodaten in Echtzeit ins Netz zu speisen, sodass sie mit einer geeigneten Software live abgespielt werden konnten. Davon war mit den frühen Nullerjahren noch einigermaßen weit entfernt.

Einer der neuen DVB-T2-Receiver
Einer der neuen DVB-T2-Receiver

Es mangelte schlicht an der benötigten Bandbreite der Internetanschlüsse. Erschwert wurde die Sache noch durch die Gier, die das Halbjahrzehnt der ersten E-Commerce-Hysterie kennzeichnete. Wie immer wünschten sich die Nerds etwas, und die Geschäftemacher dachten nur daran, wie man mit Streaming Geld machen könnte. Denen war klar, dass Otto Normalsurfer auf keinen Fall kostenlos Streams würde empfangen können. Weil aber wiederum Veranstalter, besonders in den Bereichen Sport und Kultur, anders dachten, gab es eben Gratis-Angebote wie die Livestreams aus Wimbledon.

Eine Frage der Bandbreite

Um ehrlich zu sein: Das Fensterchen, dass ich dem Kollegen in sein Windows gezaubert hatte und in dem er die Ballwechsel verfolgen konnte, war kaum größer als eine Briefmarke, und geruckelt hat das Bild auch. Schlimmer noch: Die Videoübertragung hinkte der Aktualisierung der Spielstände, die vom Court aus vorgenommen wurde, um gut fünf Sekunden hinterher. Also stand da “40:30”, während der zugehörige Aufschlag gerade übers Netz flog. Es waren noch einige Erfindungen nötig, um – ausreichende Bandbreite vorausgesetzt – ruckelfreie Bewegtbilder ohne oder mit kaum spürbarer Verzögerung streamen zu können.

Bandbreite ist alles beim Video-Streaming (Abb. CaribNOG)
Bandbreite ist alles beim Video-Streaming (Abb. CaribNOG)

Tatsächlich kann man aus heutiger Sicht die Zeitspanne zwischen etwa 2000 und 2008 als die kreativste Phase der Technologieentwicklung auf diesem Gebiet betrachten. Erfunden wurde diverse Kompressions– und Fehlerbereinigungsverfahren, die wichtigsten Protokolle und Datenformate entstanden, und der Ausbau der Breitbandnetze ging in rasantem Tempo voran. Heute ist die Technik soweit, dass jedermann mit einfachstem Equipment Live-Sendung ins WWW absetzen kann, ja, dass die Menschen mit ihren Smartphones rund um die Uhr Videos durch die Gegend schicken, ohne sich auch nur die geringsten Gedanken über die Technik zu machen.

Begonnen hat übrigens alles mit der Webcam, einem Device, das eher per Zufall und ohne besonderen Grund entstanden ist. Die erste bekannte Webcam übertrag Bilder von der Kaffeemaschine eines Uni-Instituts ins Internet, damit die Kollegen sehen konnten, wie voll die Kann noch war. Allerdings übertrug diese Webcam keinen Live-Stream, sondern alle drei Minuten ein aktuelles Standbild.

Streaming auf dem Fernseher

Als es dann geschafft war und Normaluser ganz selbstverständlich über YouTube oder irgendwelche Websites gestreamte Videos anschauten, kam ein anderer Wunsch auf. “Hey,” dachten sich etliche Leute, “ich würde gern die Live-Streams aus dem Internet auf meinem Flachbild-TV sehen. Muss doch gehen.” Ging auch vor der Ära der Smart-TVs schon, war aber nicht trivial. So wie einst ein TV-Dongle das Fernsehgeschehen auf den Computerbildschirm brachte, waren Devices nötig, die mit dem Internet verbunden dort angebotenes Material empfingen und auf dem Flatscreen ausspielten. Die ersten Settop-Boxen, die das konnten, kamen von den Provider, die diese zur Verfügung stellten, wenn man ein sündhaft teures Abo abschloss.

Der Google Chromecast, ein Streaming-Dongle
Der Google Chromecast, ein Streaming-Dongle

Dann erschienen Kästchen auf dem Markt, die per Software (und oft höchst illegal) Tausende von Websites aufrufen konnten, auf denen Videos und Live-Streams angeboten wurden. Und die letzte Form solcher Dinger sind Streaming-Devices wie Apple TV, Google Chromecast oder Amazon Firestick. Die machen es möglich, alle möglichen Quellen – vor allem natürlich die Bezahl-Streaming-Dienste wie Netflix oder Amazon Prime – direkt mit dem Fernseher anzusteuern, um die Videos zu genießen. Dazu müssen sie lediglich mit dem jeweiligen W-Lan verbunden und per Kabel an den TV gesteckert werden.

Die Glotze ist tot

Aktuell wird immer deutlicher, dass das Video-Streaming mittelfristig den Tod des linearen Fernsehens bewirken könnte. Das Denken in Programmen und Sendungen ist den Digital Natives schon jetzt völlig fremd, also darauf achten zu müssen, wann genau welcher Sender eine Show, eine Reportage oder einen Film bringt. Die Fernsehsender haben das nun auch begriffen und bauen ihre Mediatheken zu echten Konkurrenzveranstaltungen zu den kostenpflichtigen Streaming-Diensten aus. Der gute, alte Fernsehapparat wird so nur noch als großes Display, aber kaum noch als Empfänger gebraucht.

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