Von Neuland nach Digitalien: Der erste Tag im Regen

Manchmal fragt die Innere Stimme: „Willst Du das wirklich? Willst Du Dir eine Radtour antun – fünf Tage, fünf Etappen mit je 50 Kilometer.“ Naja,50 Kilometer sind nicht viel und ein paar Radltage im Sommer machen bestimmt Spaß. Ok, mach’ ich.

Aber wenn der Tag der Tour kommt, stellt sich die Frage noch einmal. Sehr deutlich. „Willst Du das wirklich?“ Diesmal fragt der wolkenverhangene Himmel. Denn er weiß, was die Wettervorhersage vorhersagt: Regen, nichts als Regen.

Wasser-Radeln
Ja . wir wollen das wirklich… Radeln – auch wenn es schüttet.

Wollen wir das also wirklich? Mit dem Rad losfahren von Fürth, nach Würzburg, nach Hammelburg, Fulda und schließlich Hünfeld. Oder bleiben wir, trinken Kaffee und plaudern über alte Zeiten.

Wer fährt bei so einem Wetter schon Rad?

Wir!

Denn wir wollen wirklich. Also fahren wir los. Das erste Etappenziel liegt in Veitsbronn, acht Kilometer westlich von Fürth. Dort habe ich eine Garage gemietet für Winterreifen, alte Schränke und für Kisten mit Gerümpel aus meinen frühen Tagen als IT-Journalist. Und in irgend einer dieser Kisten müsste auch mein Atari 800XL stecken. Jener Computer, mit dem alles so richtig anfing.

Auf dem Weg nach Veitsbronn ist noch trocken genug, um einen kleinen Aufsager zu machen. Was wird uns in Veitsbronn erwarten, fragt Christian und ich hoffe, dass ich nicht zu viel versprochen hab. Was, wenn ich den XL längst weg geworfen habe?

Archäologie in der Garage

Zur Mittagszeit kommen wir in Veitsbronn an. Ich öffne die Garage und denke – wie immer – „hm, hier müsste ich mal aufräumen“. Aber davor graut es mir. Schließlich müsste ich dann alle Kisten durchsehen und die Sachen auseinander sortieren. Und jedes Mal die Entscheidung: Was würde ich behalten.

Aber nicht heute. Heute ist Archäologie angesagt. Erst einmal den Weg frei räumen, ganz nach hinten in die Garage. Da erwarte ich die ältesten Kisten. Zunächst aber müssen wir uns an den jungen Kartons vorbei quetschen und ein paar Regale beiseite schieben.

Martins-Atari Buch (1 von 1)Wo war der Atari 800 XL? Jener Computer, mit dem es bei mir richtig anfing. Klar, vorher hatte ich schon mit dem Commodore 4016 und 8032 zu tun – in der Schule. Und ich hatte einen VZ200. Ohne Speichermedien. Ich habe ihn angeschaltet, ein bissl was programmiert und nach dem Abschalten war alles weg. Beim 800XL war das anders: den hatte ich mit Disketten-Laufwerk gekauft und dazu gab es noch eine Textverarbeitung: Mit dem 800XL habe ich meine ersten Texte für die Zeitschrift „Computer-Kontakt“ geschrieben. Natürlich über den Atari 800XL.

Doch bislang habe ich nur ein Handbuch. Also weiter Kisten sichten. Dummerweise liegen die unter irgendwelchen Metallregalen, Lampen und anderem Unrat. Und ich habe kaum Platz, die Kisten umzustellen. Denn die Garage ist rappelvoll.

In den nächsten Kisten stecken Bücher. Viele alte Computer-Bücher. Aber nicht alt genug. Die sind aus den 90ern. Und ein Fall für das Altpapier. Wenn ich denn endlich aufräume. Kiste um Kiste Bücher. Na gut, wenn es denn so sein soll. Dann eben keinen alten Computer. Immerhin haben wir das Handbuch gefunden. Ist doch auch nett, um ein paar Erinnerungen aufzufrischen.

Langsam wird es Zeit, weiter zu fahren. Schließlich soll es heute noch bis nach Markt Bibart gehen. Draußen hat es angefangen zu regnen, es ist ein Uhr.

Da liegen aber noch zwei Kisten auf einer Kommode, verbuddelt unter alten Computer-Verpackungen und einem Lamellen-Store. In einem Karton stecken nur Ordner, das sehe ich durch die Griff-Löcher. Aber der andere? Ich öffne ihn und sehe Zeitschriften – das Compuserve-Magazin von 1996. Hach, das waren noch Zeiten. Aber wo zum Donner ist der 800XL? Ich wühle tiefer im Karton und bekomme eine Kunstlederhaube zu fassen. Mein Atari hatte so eine Haube, um nicht zu verstauben.

Ein altes Compuserve-Magazin von 1996
Ein altes Compuserve-Magazin von 1996

Der 800XL steckt auch heute noch unter der Haube. Ein paar Hefte beiseite räumen und endlich sehe ich ihn: Meinen alten Atari. Wobei: es ist gar nicht mein allererster XL. Der ist mir irgendwann durchgebrannt. Es ist schon der zweite. Und ich bin gespannt, ob er noch funktioniert. Das kann ich aber nicht mehr heute ausprobieren.

Martins alter Atari 800XL
Martins alter Atari 800XL

Denn wir müssen weiter. Die Atari-Geschichte könnt Ihr natürlich weiterlesen.

Wir fahren weiter

Als wir gegen ein Uhr Mittags Veitsbronn verlassen, regnet es los. Und es pladdert 50 Kilometer weiter bis nach Markt Bibart und schließlich Scheinfeld. Nach zehn Kilometern ist meine Brille so stark beschlagen, dass ich sie absetzen muss. Ein paar Dioptrin Kurzsichtigkeit sind immer noch besser als die Nullsicht einer beschlagenen Scheibe.

Eigentlich hatten wir geplant, immer mal wieder innezuhalten, und über unsere Anfänge im IT-Journalismus nachzudenken und zu plaudern. Christian über seine ersten Bücher, ich über meine Artikel für Computer Kontakt und Atari Magazin. Ich würde gerne erzählen von meiner ersten Textverarbeitung, die nur fünf Seiten Text fassen konnte. Länger wurden die Artikel aber eh nicht. Oder von den Diskettenbeschleunigern. Oder dem Turbo Freezer, der den 800XL einfach im laufenden Betrieb stoppen konnte – um Assembler-Programme zu debuggen oder – hrhm – um Spiele anzuhalten und Kopien von ihnen anzulegen. Aber bei dem Wetter sieht keine Bank einladend aus, der Regen löscht jedes aufglimmende Gespräch und wir treten dem Hotel entgegen.

Esse_Markt_BibartMir hat es gereicht, als wir angekommen sind. Aber wir sind aufgebrochen: Von Neuland nach Digitalien. Und jetzt weiß ich, dass ich weiter reisen will. Gerne ohne Regen, gerne mit mehr Gesprächen und mehr Zwischenstopps. Dem Regen haben wir gezeigt, dass wir würdig sind, die Reise von Neuland nach Digitalien anzutreten. Wir sind unterwegs!

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